Rezension: The Sharp End

Lust auf Scharfes?

Der neue Film von Sender Films geht der Frage nach, warum manche Kletterer so gerne ihren Hals riskieren.

 

The Sharp End - Sender Films
Foto: Sender Films

Das scharfe Ende ist bekanntlich jenes Ende des Seils, in das sich der Vorsteiger einbindet. Und wenn eine Route schlecht abgesichert ist, dann bedeutet das scharfe Ende, dass im Sturzfall echte Verletzungsgefahr, wenn nicht der Exitus droht.

Peter Mortimer, der in Los Angeles das Filmemachen studiert hat, und Nick Rosen haben sich für ihren neuen Streifen eine Reihe amerikanischer Kletterer vorgenommen, die eine Vorliebe für das Begehen schlecht gesicherter Routen entwickelt haben, sofern sie nicht gleich seilfrei unterwegs sind. Und jetzt heißt es Platz nehmen und noch ein letztes Mal nachchalken.

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Die beiden Filmemacher haben ihre Exponenten, darunter viele in den Staaten sehr bekannte Abenteuerkletterer wie Dean Potter, Steph Davis, Matt Segal oder Alex Honnold, mit der Kamera begleitet: zum Klettern und Bouldern in Nord­amerika sowie im sächsischen und tschechischen Sandstein, zum Klettern und Basejumpen in den Alpen und im Karakorum. Und sie dabei immer wieder gefragt: Warum das Risiko, wenn die Möglichkeit besteht, dass ihr den höchstmöglichen Preis dafür bezahlt?

Das Ergebnis ist eine Mischung aus hochkarätiger und sehr aufwendig gefilmter Kletteraction, bei der die Ernsthaftigkeit der Lage manchmal beklemmend sichtbar wird, und mehr oder minder bedeutsamen Erklärungsversuchen des eigenen Tuns. Einige Beispiele (in deutscher Fassung, die auf der DVD nicht geliefert wird): „Wenn es gefährlich wird, fühle ich mich am wohlsten“, oder: „Es geht um die Rebellion gegen die Regeln der Sicherheit“, oder, dann doch besser im Original: „It‘s all about keeping your shit together“.

Auch wenn nicht jede Aussage Tiefgang hat und vieles sehr amerikanisch daherkommt: In Verbindung mit den teils radikalen Kletter- und Sturzszenen kann man nachfühlen, was die Jungs und Mädels bewegt. Letztere sind in Person von Lisa Rands und Steph Davis vertreten und machen – die eine ohne Seil an gewaltigen Highballs, die andere solo in großen Wänden – nicht nur am Fels eine gute Figur. Ihre Statements zu ihrem Tun sind sehr überzeugend und weniger Testosteron-gesteuert.

Der Film hat viele eindrucksvolle Momente und großartige Bilder: Wie Lisa Rands mit voller Wucht aus acht Metern Höhe auf einem Crashpad-Stapel einschlägt – und dann wenige Tage später den Move weit oben doch noch wagt. Oder Alex Honnold im Elbsandstein meilenweit über der letzten Sicherung. Und nicht zuletzt natürlich die Sequenzen von Dean Potters „Base Solo“ am Eiger und ein Probesturz mit Baseschirm in einer anderen Wand. Wozu der Erfinder des Kletterns mit Fallschirm sehr schön reimt: „Instead of dying I am flying.“

Tipp am Rande: Unbedingt die Extras anschauen, die bringen noch mal 30 Minuten Kletteraufnahmen und Geschichten vom Feinsten. In Summe: extrem sehenswert.

The Sharp End; Regie: Peter Mortimer, Nick Rosen; DVD, englisch, 60 min plus 30 min Extras; Sender Films, Boulder, 2008; erhältlich im klettern-shop für 32 Euro

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Autor: Ralph Stöhr
© klettern
Ausgabe 12/01/2008