Sturzangst abbauen

Warum ist es schlimm, Angst zu haben?

„Nee, steig Du ruhig vor.“ oder „Ich mach die im Toprope“ - schonmal gehört?

 

Bouldern im Nebel Val di Levi
Foto: Sarah Burmester Angstvermeidungstaktik: Lieber Bouldern gehen...

Aus der Motivationsforschung ist bekannt, dass der Mensch Situationen, die er einmal mit Angst (bzw. unangenehmen Reizen wie Schmerz, Panik, Hilflosigkeit) verknüpft hat, grundsätzlich vermeidet. Auf deutsch: Ein Kletterer mit Sturzangst wird von vorneherein vermeiden, in eine Situation mit Sturzgefahr zu geraten.

Das heißt zum Beispiel:

  • nicht oder selten vorzusteigen,
  • nicht über die Haken klettern zu wollen,
  • beim Klettern kaum Spaß zu haben, weil man ständig gegen Angst bzw. Panik ankämpft,
  • viel fester zuzupacken als notwendig und so Unmengen an Kraft zu verschleudern,
  • „zu!“ zu sagen anstatt an die Sturzgrenze heranzuklettern.

 

Prekärer Einstieg Alb
Foto: Archiv Burmester Wackelige Einstiegsplatte vor dem ersten Haken: kein Sturzgelände! (hier: auf der Schwäbischen Alb)

All diese Einschränkungen, vor allem das Phänomen, dass man unter Angst-Einfluß die Griffe deutlich fester zuschraubt als notwendig, sind limitierende Faktoren. Ist ja nicht weiter tragisch, könnte man meinen, schließlich wird man auch mit diesen Einschränkungen stärker und damit auch besser.

Dies ist allerdings ein Irrtum. Gewiss wird man mit unter diesen Bedingungen stärker, aber von besser kann keine Rede sein. So stellt der schottische Spitzenkletterer und Kletter-Coach Dave MacLeod fest: „Fear of Falling dictates your technique!“ - Angst bestimmt unsere Kletterfähigkeit: "Man verschwendet riesig viel Kraft und häufig klettern sehr starke Kletterer weit unter ihrem tatsächlichen Potential."

Das bedeutet: Ein Kletterer, der mit seiner Angst beschäftigt ist, kann nicht an seine Leistungsgrenze heran. Und mit Leistungsgrenze ist hier nicht nur die Kraft gemeint. Denn schließlich besteht Klettern aus weit mehr als nur Kraft, nämlich Faktoren wie Balance, Geschick, Taktik, Kreativität: Technik eben. Auch Mut und Selbstvertrauen helfen uns durchaus, besser zu klettern. Doch all diese Faktoren werden von der Angst ausgebremst, daher steht die Angst einer wirklichen „Verbesserung“ im Weg. Wer das nicht schlimm findet, der soll Angst weiterhin gesund finden und bouldern gehen. Wer hingegen erfahren möchte, wie man mit Angst umgehen lernen kann, der lese weiter.