Erstbegeher

Fred Nicole im Interview

Der stille und bescheidene Schweizer Boulderer Fred Nicole prägt seit 25 Jahren das Bouldern weltweit.

Wie bist du zum Bouldern gekommen und woher kommt deine Neugier und Motivation, immer neue Gebiete und Linien zu erschließen?

Zusammen mit meinem älteren Bruder François habe ich um 1980 mit dem Klettern begonnen. Zu der Zeit war das Freiklettern in der Schweiz nicht sehr weit verbreitet, das Bouldern noch weniger. Als wir ein gewisses Niveau erreicht hatten, mussten wir nach neuen Spielwiesen suchen, nach neuen Routen. Und so haben wir schnell Gefallen daran gefunden, neue Gebiete und Möglichkeiten zu erforschen. So haben wir angefangen, Gebiete wie etwa Saint-Loup in der Romandie zu erschließen.

Das Bouldern war anfangs eine Art Einstieg ins Routenklettern. Es gab damals keine künstlichen Kletterwände zum Trainieren, so haben wir einfach am Fuße großer Kalkwände gebouldert. Nach und nach haben wir uns immer mehr aufs Bouldern an sich konzentriert und angefangen, Blöcke dafür zu erschließen, hauptsächlich im Unterwallis.

Ab Anfang der 90er Jahre habe ich mich immer mehr in Richtung Bouldern orientiert und habe das sogenannte Sportklettern nur mehr sporadisch betrieben.

Und dann hast du auch mit dem Reisen begonnen?

Danach hatte ich die Gelegenheit zu reisen, zunächst in die USA, wo ich andere Kletterer wie Todd Skinner getroffen habe. Er war schon sehr viel gereist um neue Klettergebiete zu erforschen, etwa nach Asien und Afrika. Ich habe ihn in Hueco Tanks kennengelernt, wo ich sehr viel gebouldert und erschlossen habe. Er hat uns zum Beispiel von Südafrika erzählt, wo sich in der Region um Cederberg inzwischen ein richtiger Klettertourismus entwickelt hat. 1996 waren wir mit Todd Skinner und anderen Freunden – Scott Milton, Elie Chevieux und anderen – in Südafrika und konnten diese wunderbare Region in den Cederberg Mountains entdecken, in der man einen sehr besonderen Fels findet. Man findet ihn dort und zum Teil auch in Australien in den Grampians, dort ist der Fels ähnlich.

Wir haben mit der Entwicklung des Boulderns in jener Region begonnen. Ich würde sagen, das war einer der bedeutenden Meilensteine in meiner Entwicklung als Kletterer.

Die Suche nach neuen Gebieten hat mich immer motiviert. Es ist eine Aktivität, die ich ständig betrieben habe, auch in der Schweiz und im Tessin, in Gebieten wie Cresciano, die heutzutage jeder Kletterer kennt. Diese Gegenden waren vor allem für das Routenklettern bekannt. Dort haben wir das Bouldern entwickelt.

Natürlich hat es das Bouldern auch schon vorher gegeben, vor allem in Fontainebleau und auch ein wenig in der Schweiz. Der große Boom der 90er Jahre allerdings hat das Klettern weitgehend verändert und dazu geführt, dass inzwischen sehr viele Kletterer in diesen Gebieten anzutreffen sind. Was aber auch zu Problemen führt, etwa Erosion am Fels oder Müll.

 

Fred Nicole
Foto: Arno Dejaco | Vertical Life

Woher kommt diese Vorliebe fürs Bouldern – was macht es lohnenswert für dich? Die physische Aktivität, der Fokus auf einzelne Bewegungen? Ist es leichter, ein Boulderproblem als eine Sportkletterroute zu finden?

Die Suche nach einer Kletterlinie auf einem Block ist sehr ähnlich wie an einer Sportkletterwand. Natürlich ist es in gewissem Sinne einfacher und weniger anstrengend, weil man keine Bohrhaken setzen muss. Und die Linien sind manchmal klarer als am Fels.

Ich finde dieses Gelände einfach großartig. Das Erschließen eines Boulders hat einerseits eine kreative Seite, wenn wir nach einer Linie suchen. Vor allem aber öffnen wir uns unserem Umfeld, um uns einer Form anzupassen, die von der Natur vorgegeben ist. Dieser Aspekt fasziniert mich und ich spüre ihn beim Bouldern noch intensiver, weil hier der Zugang noch einfacher ist.

Man hat die Linie vor sich, ganz nahe, man liest sie und sieht eine bestimmte Form. Sie ist wie eine Partitur, geschrieben von der Natur, der Erosion, von Wasser und Wind. Sie haben im Fels eine Folge an Griffen geformt, aus denen eine Boulderlinie werden kann.

Die Natur gibt also die Linie vor. Gilt das nicht für das Klettern generell?

Ich glaube, im Alpinklettern ist es sehr ähnlich. Vielleicht beim Sportklettern weniger, weil hier mehr Struktur vorhanden ist und daher oft mehrere Routen möglich sind. Auch auf manchen Blöcken ist das möglich, aber eine wahre Boulderlinie, die von großem Wert ist, ist eine Linie, die da ist, die gegeben ist und wo es nicht viele Varianten gibt. Wahrscheinlich ist das aber auch bei Routen so.

War es die Suche nach solchen besonderen, natürlichen Linien, die dich für das Bouldern begeistert hat?

Beim Bouldern spüre ich eine große Freiheit, die mich sehr schnell fasziniert hat. Eine Freiheit und und einen sehr einfachen Zugang. Ich weiß nicht, ob es für mich einfach eine natürlichere Art war, meine Kreativität auszudrücken. Aber das ganze Milieu liegt mir mehr. Und nicht zuletzt finde ich, dass das Bouldern auch einen „erdigen“ Aspekt hat.

Wie würdest du deinen Stil beschreiben? Welche Art von Boulder liegt dir?

Mir gefällt eigentlich wirklich alles. Aber natürlich gab es verschiedene Phasen. Eine Zeit lang bin ich vor allem sehr technisch und an vertikalen Wänden geklettert, ein Stil, den man zum Beispiel in Saint-Loup findet.

Als ich mich eher auf das Bouldern konzentriert habe und zum Beispiel in Hueco Tanks war, habe ich Gefallen an einer eher athletischen Kletterei gefunden, die wahrscheinlich auch aktuelle meinem Körperbau mehr entspricht. Im Moment liegt mir überhängendes Gelände mehr.

Aber generell habe ich keine besonderen Vorlieben, ich weiß wirklich alles zu schätzen.

Insgesamt denke ich, dass mein Bestreben im Klettern – auch wenn es vielleicht etwas anmaßend klingt – kein rein sportliches sondern ein künstlerisches ist.

Muss eine Boulderlinie etwas Besonderes haben, um interessant zu sein?

Eine Boulderlinie muss etwas Besonderes haben. Gleichzeitig ist das etwas sehr Persönliches, was einem gefällt, muss nicht jedem gefallen. Dann wieder gibt es Boulderlinien, die fast alle gut finden.

Es braucht – eigentlich braucht es gar nichts! Ich glaube, dass die Linien schon da sind! Sie sind von der Natur vorgegeben, wir müssen sie nur entdecken. Es liegt an uns, ein Feingefühl dafür zu entwickeln und uns dieser Dimension zu öffnen.

In diesem Sinne glaube ich, dass das Klettern ein sehr gutes Mittel ist, um sich unserer Umgebung zu öffnen. Man lernt, zu erkennen. Viele Kletterer kommen aus einem städtischen Milieu. Durch das Klettern entdecken sie die Natur und die Umwelt. Ich finde, das ist einer der wichtigsten Aspekte unserer Tätigkeit. Wir sind nicht nur hier, um zu konsumieren und eine Aktivität auszuüben. Es geht vielmehr darum, einen Bezug zum Umfeld aufzubauen und einen respektvollen Umgang zu finden.

Du bist viel gereist und hast verschiedenste Bouldergebiete gesehen. Welche Gesteinsarten sind am besten für das Bouldern geeignet?

Tatsächlich sind sehr alte Gesteinsarten in der Regel auch reich an Griffen, da sie mit der Zeit und vor allem durch die Erosion sehr stark strukturiert wurden. Bei jüngeren Felsen ist das nicht so.

Es liegt häufig am Alter des Gesteins. Felsen, wie die in Südafrika, stammen aus der Zeit des Urkontinents Pangaea und gehören zu den ältesten der Welt. Die Erosion hat das Gestein wunderbar geformt. Ebenso in Norwegen, wo man äußerst alten Granit findet, der von der Erosion stark bearbeitet wurde und deshalb enorm viele Griffe aufweist. Auch in Hueco Tanks ist das Gestein sehr alt. Der Fels und sein Alter sind sehr wichtig für die Qualität der Kletterei.

Welche anderen Elemente sind wichtig, um ein Bouldergebiet attraktiv zu machen?

Das ist nicht einfach zu beantworten. Jedes Gebiet hat seine Eigenheiten und über Geschmack lässt sich bekanntlich streiten. Ich glaube, man kommt zunächst in eine Region, weil man sich für die Blöcke oder das Klettern dort interessiert. Anfangs beachtet man vor allem den Fels, aber mit der Zeit entwickelt man einen tieferen Bezug zur Umgebung. Als Kletterer lernt man auf diese Art eine Region richtig kennen, und dieser Aspekt ist mir besonders wichtig.

Früher war ich vielleicht mehr auf das Klettern an sich fokussiert. Aber mit der Zeit habe ich gelernt, mich der Schönheit dieser Orte zu öffnen. Es sind zumeist herrliche Gebiete, alle unterschiedlich mit ihrem ganz eigenen Charme. Ob es nun Fontainebleau oder die Grampians sind, die Orte sind fantastisch.

Klettergarten ist das deutsche Wort, welches jene Gebiete zwischen Wildnis und gepflegtem Umfeld beschreibt. Menschen halten sich dort auf, klettern, putzen die Blöcke und hinterlassen ihre Spuren. Was würdest du den Menschen sagen, wie sie sich in diesem Umfeld verhalten sollen?

Ich glaube, es ist interessant, von einem Garten zu sprechen. Es stimmt, dass sich eine Region ab dem Moment ihrer Entdeckung sehr schnell verändert. Ich war sehr erstaunt, in welchem Ausmaß diese Veränderung stattfinden kann. Wenn Bäume gefällt und Pflanzen ausgerissen werden, kann das zum Problem für die Region werden. In einigen wüstenähnlichen Gebieten etwa und auch in Gebieten in Europa, wo einige Bäume mehr als 100 Jahre alt sind, sind die Auswirkungen schlimm.

Auch wenn die Idee eines Gartens vielleicht etwas übertrieben ist, glaube ich doch, dass wir den Orten und der Natur mit Respekt begegnen müssen. Ich glaube, es ist notwendig, die Erhaltung der Gebiete durch Plattformen zu organisieren, Erosion durch Abnutzung zu vermeiden, Wege einzurichten. So bekommt der Begriff Klettergarten mehr und mehr Sinn.

Als Gärtner haben wir sozusagen die Aufgabe, die Unversehrtheit des Ortes zu bewahren und die Umwelt zu schützen, in der wir uns bewegen. Ich glaube, das kann nur durch eine respektvolle Interaktion gelingen.

Weißt du noch, wie viele Boulder du erschlossen hast?

Daran kann ich mich nicht erinnern. Ich habe zwar eine Liste einiger Boulder, aber ich weiß es nicht genau. Eine Zeit lang waren mir Zahlen noch wichtig, aber jetzt nicht mehr. Für mich zählt mehr die Qualität der ganzen Erfahrung.

Ungefähr?

Einige tausend Boulder, davon einige hundert richtig schwierige Probleme zwischen 8a und 8c. Aber ganz genau weiß ich es nicht, es ist mir auch nicht mehr so wichtig.

Natürlich habe ich ein gutes Gefühl nach einem guten Klettertag, wenn ich etwas Schweres geschafft und etwas erreicht habe. Aber das ist nicht das Hauptziel, wenn ich klettere. Und ich denke, genau deshalb gelingt es mir weiterhin. Weil klettern einfach großartig ist, aber es geht nicht nur um die Leistung. Andernfalls würde man ab einem gewissen Punkt damit aufhören müssen, weil man nicht ein Leben lang in bester Form klettern kann. Auch wer nicht schwierige Grade klettert, kann etwas vom Klettern lernen.

Was diese Aktivität enorm bereichert, ist die Berührung mit der Natur. Jeder Tag ist anders und kann dich vieles lehren.

Welche Boulder haben für dich eine besondere Bedeutung? Sind es die schwierigsten Projekte die, an dich du dich später erinnern wirst?

Nicht unbedingt. Es könnten natürlich die schwierigsten sein, weil viele davon wirklich schön sind. Die Ästhetik der Linie ist mir wichtig. Aber das, was mir in Erinnerung bleibt, ist der Flow. Der Flow des Kletterns. Wenn dieses Gefühl da ist, wenn alles vom Start bis zum Top ein Flow ist, dann ist es einfach großartig! Es geht dann nicht um die Schwierigkeit, denn wenn du diese Welle spürst, dann ist es umwerfend.

Es ist eine Erfahrung, die ich nur beim Klettern so erlebe. Ich liebe den Flow einer richtig schönen Kletterlinie.

Du malst und schreibst auch gerne. Hast du hier einen ähnlichen Zugang? Gibt es eine Verbindung im Prozess, suchst du auch hier nach dem Flow?

Bestimmt gibt es hier Ähnlichkeiten. Es ist eine empirische Art und Weise etwas zu schaffen, die mit einer Art Brainstorming anfängt und dann zu fließen beginnt. Es ist zwar nicht dasselbe, aber der Zugang ist ähnlich.

Findest du ein Flow-Gefühl, wenn du malst oder schreibst?

Wenn alles gut geht, dann schon. Aber das ist beim Klettern auch so. Einige Versuche sind schrecklich und dann gibt es wieder Tage, an denen alles fließt. In der Kunst ist es dasselbe, manchmal klappt es, manchmal nicht. Der Flow ist nicht immer da, aber genau das verleiht ihm seine Magie! Es ist eine wunderbare Erfahrung.

So gesehen ist es eigenartig, dass man beim Bouldern von Problemen und Schwierigkeiten spricht, die man lösen muss.

Vielleicht sollte es dafür andere Begriffe geben. Aber vielleicht ist diese Art und Weise der Kommunikation ein Versuch, das Klettern generell und den entsprechenden Lebensstil zu rechtfertigen und professioneller darzustellen. Denn wenn wir irgendwo unsere Energie investieren, soll es etwas bringen. Vielleicht spiegelt es nicht ganz den richtigen Zugang wider. Die Idee des Freikletterns war ein wenig anders als die des heutigen Sportkletterns, die einen engeren Fokus setzt. Freiklettern würde ich als Wort vorziehen, weil es offener ist.

Danke, Fred!

 

Fred Nicole
Foto: Arno Dejaco | Vertical Life

Portait Fred Nicole

Der Schweizer Fred Nicole hat als einer der ersten Kletterer das Bouldern – das Klettern in Bodennähe ohne Seil – zu seiner Hauptdisziplin gemacht. Zahlreiche Erschließungen und Erstbegehungen gehen auf sein Konto, so etwa in den südafrikanischen Rocklands, in Hueco Tanks in Texas oder im Schweizer Tessin. Trotz seiner Erfolge pflegt er einen bescheidenen und einfachen Lebensstil, der auch seine Haltung dem Klettern gegenüber prägt: Er liebt die Natur und schöne Linien am Fels, betrachtet den Wettbewerb um Schwierigkeitsgrade aber als zweitrangig. Fred lebt und arbeitet mit seiner Partnerin Mary Gabrieli in Zürich.

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The Swiss climber Fred Nicole was one of the first to pursue bouldering – climbing near the ground without a rope – as his main discipline. He has established countless boulder lines and cutting-edge problems, including in the South African Rocklands, in Hueco Tanks in Texas and in Ticino, Switzerland. Despite his successes, he likes to lead a humble and simple lifestyle. This is also visible in his attitude to climbing, since he loves nature and beautiful lines on the rock, but considers competition regarding difficulty grades to be of secondary importance. Fred lives and works with his partner, Mary Gabrieli, in Zurich.

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12.08.2017
Autor: Maria Hilber
© klettern
Ausgabe 7/2017