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Felssprengung für Verkehrssicherheit - Probleme an den Linken Wittlinger Felsen
09.04.2009 von Ralph Stöhr
Geschützt, gesperrt, gesprengt: An den Linken Wittlinger Felsen bei Bad Urach/Reutlingen wurde wegen einer darunterliegenden Straße stellenweise massiv eingegriffen. Naturschutz-, Verkehrssicherheits- und Kletterer-Interessen treffen aufeinander.
Eine Farce im Land des Biotopschutzgesetzes: Auf der Schwäbischen Alb prallen an den Linken Wittlinger Felsen die Interessen verschiedener Nutzergruppen aufeinander: Das Straßenbauamt will die darunter liegende Straße, die Wittlinger Steige, zur Not mit brachialen Mitteln vor Steinschlag sichern; die mit Schutzmaßnahmen beauftragte Firma will Geld verdienen; die Anwohner von Wittlingen wollen „ihre“ Straße bald wieder befahren können; die Naturschützer wollen Fledermaus und andere bedrohte Arten schützen; und die Kletterer wollen, dass man ihnen das Felsbiotop nicht vor der Nase wegsprengt. Achtung: Die Linken Wittlinger Felsen sind deshalb noch mindestens bis Ende Mai zum Klettern gesperrt!
Anfang April 2009 sieht es merkwürdig aus an den Linken Wittlingern: Im rechten Bereich, dort wo die Route Ostkante, älteren Kletterern auch als Genusskante bekannt, verlief, steht kein Stein mehr auf dem anderen. Ganz oben wurde ein Teil der Kante gesprengt, der Bereich unterhalb des Bandes, auf dem die Routen im rechten Wandteil starten, ist komplett abgeholzt und ausgeräumt. Wo einst die Felsen durchs dichte Efeu und Gestrüpp kaum zu erkennen waren, prangt jetzt eine Erd- und Geröllhalde.
Der Eingriff zum Schutz der Straße ist mit brachialer Gewalt erfolgt. Früher übernahmen Kletterer des Arbeitskreises Klettern und Naturschutz (AKN) Reutlingen die Aufgabe, im Frühjahr lose Brocken aus der Wand zu entfernen. Das geschah relativ schonend. Jetzt ist eine Spezialfirma am Zug und greift durch.
Doch gehen wir zurück zum Beginn des Geschehens: Im Oktober 2008 wird die Sperrung der Linken Wittlinger Felsen – einer der wenigen Felsen im Ermstal bei Bad Urach, die für das Klettern freigegeben sind, und einer der traditionsreichsten Kletterfelsen im Gebiet – ebenso wie die Sperrung der Wittlinger Steige verkündet. Grund sind Felssanierungsmaßnahmen, die dem Schutz der Steige vor Steinschlag dienen sollen. Bis zum Frühjahr 2009 sollen die Arbeiten abgeschlossen sein.
Dann entdecken Naturschützer in Felsspalten Fledermäuse, die sich dort zum Überwintern eingerichtet haben. Außerdem werden geschützte Pflanzen gesichtet, die durch die Maßnahmen bedroht sind. Zu diesem Zeitpunkt haben die Kletterer, vornehmlich vertreten durch den Metzinger Jörg Greiner (29) vom AKN Reutlingen, schon zahllose ehrenamtliche Stunden damit verbracht, beim Kreisstraßenbauamt für einen Kompromiss zu werben mit dem Ziel, „dass auf allzu massive Eingriffe am Felsbiotop verzichtet wird“. Doch die Straßensicherungspflicht erweist sich als Totschlagargument gegen alle Einwände der Kletterer.
Nachdem die ersten Abräummaßnahmen erfolgt sind, wird nicht nur für die Naturschutzverbände und Kletterer vor Ort, die in dieser Sache gemeinsam kämpfen, offensichtlich, dass eine Fortführung der Arbeiten in dieser Weise zu massiven Schäden an Fels und Biotop führen wird. Auch der Landesverband Baden-Württemberg des DAV hat sich längst in die Diskussion eingeschaltet und setzt sich für die weitgehende Erhaltung der Felsen. Zur Erinnerung: In Baden-Württemberg ist nach dem Biotopschutzgesetz alles zu unterlassen, was zur Veränderung oder Beeinträchtigung geschützter Biotope – dazu gehören alle offenen Felsbildungen – führen kann. Das Biotopschutzgesetz ist die Grundlage für eine Vielzahl von Felssperrungen für Kletterer. Dazu kommt, dass die Linken Wittlinger auch noch Natura 2000 Gebiet sind, für das noch strengere Regeln gelten als nur nach dem Biotopschutzgesetz. Trotzdem hat das Kreisstraßenbauamt, das die Arbeiten anordnet, im Fall der Linken Wittlinger seinen Ermessensspielraum offensichtlich anders ausgelegt. Und die Firma, die die Arbeiten ausführt, wird allem Anschein nach nach Abraummenge bezahlt. Im Klartext: Je mehr Fels abgetragen wird, desto größer die Abrechnungssumme am Ende.
Die Arbeiten an den Felsen waren über den Winter zum Schutz der Fledermäuse, aber auch wegen der Einwände der Naturschutzverbände und -behörden sowie der Kletterer unterbrochen. Die seit Monaten gesperrte Straße sorgt inzwischen für großen Unmut bei den Anwohnern von Wittlingen, für die sie die schnellste Strecke nach Bad Urach ist. Inzwischen tobt im „Ermstalbote“ der Leserbriefkrieg, nicht wenige Wittlinger würden den Naturschutz und das Biosphärengebiet Schwäbische Alb wegen der damit verbundenen Nutzungseinschränkungen am liebsten auf den Mond schießen.
Für uns Kletterer ist die Auseinandersetzung so traurig wie bizarr. Da hat man uns erst mit einer Naturdenkmalverordnung, dann mit dem Biotopschutzgesetz von einer Vielzahl an Felsen auf der Reutlinger Alb weggesperrt. An den übrigen Felsen gelten oft noch zeitliche Sperrungen wegen brütender oder nistender Vögel (so auch an den Linken Wittlingern, wo immer wieder Wanderfalken brüten). Und in den heißen Phasen der Auseinandersetzung mit den privaten Naturschutzverbänden hieß es oft, die Kletterer würden „die Felsen kaputtbohren“. Ich habe selbst an den Linken Wittlingern eine ganze Reihe von Bohrhaken versenkt, und ich kann nur sagen: Was jetzt dort passiert ist, ist aus Sicht der Kletterer eine Schande. Auch wenn der Schutz der Straße (bzw. der Straßennutzer) ein hohes Gut ist, ist es doch mehr als erstaunlich, wenn einst geschützte Biotope mit massiver Gewalt derart zerstört werden. Von den schönen Kletterrouten gar nicht zu reden. Und uns warf man damals ein paar winzige Bohrlöcher vor!
Geplant war ursprünglich, die Arbeiten Richtung Turmkante (also nach links) fortzusetzen. Wie es weitergeht, ist derzeit aber umstritten. Dazu der Landesverband Baden-Württemberg des DAV: „DAV-Landessverband, Arbeitskreis Klettern und Naturschutz (AKN) Reutlingen und Landesnaturschutzverband (LNV) setzen sich für Natur schonende Maßnahmen ein um die geschützten Biotope und wertvollen Kletterrouten im Natura 2000-Gebiet zu erhalten. Dies wurde in Stellungnahmen und Verhandlungen gegenüber den Behörden bereits deutlich gemacht. Auch der DAV-Landesverband hat eine Stellungnahme verfasst. Der Dialog soll in den nächsten Wochen intensiv fortgesetzt werden. Ziel ist es, die Felsen zu erhalten und im Spannungsfeld zwischen Naturschutz, Klettersport und Straßensicherung eine für alle Seiten akzeptable Lösung zu finden.“
Für die Kletterer der Region vielleicht noch folgende Infos: Die Ostkante ist ganz offensichtlich nicht mehr machbar, weil sie inzwischen zum Teil auf der Straße liegt. Die Routen direkt rechts davon bedürfen einer Überprüfung, das gleiche gilt für den Bereich der Chamonix-Risse. Zudem müssen wegen der Sprengungen vor der nächsten Klettersaison erst noch die Bohrhaken geprüft und gegebenfalls ersetzt werden (wie die Prüfung der geklebten Haken zuverlässig geht, würde mich übrigens interessieren). Und weil die Arbeiten noch lange nicht abgeschlossen sind, sind die gesamten Linken Wittlinger Felsen noch auf absehbare Zeit fürs Klettern komplett gesperrt.
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© klettern
Autor: Ralph Stöhr
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