Erstbegehung von Patrick Matros: "Archon" (10) clean

Es müssen nicht immer Bohrhaken sein. Um an seine Grenzen zu gehen, hat sich Patrick Matros ein ungewöhnliches Projekt gesucht. Herausgekommen ist "Archon", fränkisch, knackig, clean.

 

Patrick Matros klettert "Archon"
Foto: Raimund Matros

Patrick, Du hast eine neue Route im Frankenjura erstbegangen. Was ist das für eine Route, wo ist sie und wann hast Du sie klettern können?
Mir ist im Frankenjura am 6. November am Felsmassiv „Circus Maximus“ im Zentrum des Frankenjura die Begehung einer Route im glatten zehnten Schwierigkeitsgrad gelungen, die nur mit mobilen Sicherungsmitteln, also Friends, Cams und Klemmkeilen absicherbar ist. Die Schwierigkeit bezieht sich auf eine Begehung gemäß der aktuellen Regeln, die für die Begehung von solchen Routen gelten: Das Legen aller Sicherungshilfen im Vorstieg und keine vorgeklippten Sicherungen. Natürlich ist die Bewertung ein Vorschlag, allerdings hat Alexander Megos, der die Route wiederholt hat, die Bewertung bestätigt. Damit ist Archon die momentan wohl schwerste cleane Route im Frankenjura.

Du hast die Route 'Archon' getauft - was hat es damit auf sich?
Archon war ein Computerspiel der zweiten Generation. Eine Art Schachspiel, bei dem Figuren zum Zweikampf gegeneinander antreten müssen. Wem der "Commodore 64" noch etwas sagt, kann sich vielleicht daran erinnern. Strategie und roher Schlagabtausch sind gefragt, genau das, was ich bei dieser Tour benötigte. 

Wie lang hast Du Dich mit der Route beschäftigt, bevor Dir die Erstbegehung gelang?
Über mehrere Monate verteilt war ich immer wieder mal dort. Oft machten mir die miesen Bedingungen einen Strich durch die Rechnung. Erst jetzt, bei herbstlicher Kälte, fand ich gute Verhältnisse vor. 

Wie kam es zu dieser Begehung?
Ich habe nach Herausforderungen in meinem Hausklettergebiet gesucht. Es gibt dort ja einige Möglichkeiten. Im Laufe der Zeit habe ich ein paar Routen wiederholt, z.B. das legendäre Luftballondach von Kurt Albert. Auch die Route Magnet habe ich einmal clean geklettert. Die Herausforderung war für mich jedoch eine andere: Die Clean-Begehung einer Route, nahe am persönlichen Leistungslimit, als Erstbegehung, komplett ohne Haken, um ein komfortables Austesten von Kletterstellen und Klemmgerätplatzierungen unmöglich zu machen. 

Warum hast Du Dich entschieden, sie ohne Bohrhaken zu klettern?
Das hat mehrere Gründe. Wie gesagt hat mich diese Form des Kletterns schon immer fasziniert. Bei Gebirgstouren habe ich den Umgang mit mobilen Sicherungsmitteln schon immer praktiziert, doch ein Klettern nahe an der rein physischen Leistungsgrenze ist im Gebirge unter diesen Vorgaben extrem schwer. Inspiriert haben mich vor allem Besuche in Klettergebieten wie dem Eldorado und dem Boulder Canyon in Colorado, oder dem Mount Arapiles in Australien, wo in vielen Routen auch im hohen Schwierigkeitsbereich clean geklettert wird. Im Frankenjura wurde zwar schon immer clean geklettert, es ist aber eher eine Randdisziplin. Das ist historisch bedingt und der fränkische Kalk ist meist nur schlecht mit mobilen Sicherungsmitteln abzusichern. Dennoch geht es in einigen Fällen. Schon Wolfgang Güllich hat 1987 mit der Kletterroute R.I.P im Altmühltal gezeigt, das auch schwere Clean-Routen im Kalk möglich sind.

Ich will hier auch nicht den Trendsetter spielen, mir ging es zum einen um die Realisierung eines persönlichen Zieles, zum anderen ist gerade im Frankenjura ja gerade eine heiße Diskussion um Resterschließungen entbrannt. Da heißt meine Message ganz klar: Respektvoller Umgang mit dem Fels steht vor persönlichen Allüren und reiner Konsumorientierung. In der Zeit, die ich für Archon investieren musste, hätte ich wahrscheinlich hundert Haken setzen können. Das soll bitte nicht heißen, ich hätte generell was gegen solche Erstbegehungen. Es gibt nach wie vor super Neutouren! Aber momentan wird meiner Meinung nach etwas übertrieben.

Ist die Route gefährlich? In dem Schwierigkeitsgrad ist es ja nicht selbstverständlich, dass sich viele Sicherungen legen lassen. Gibt es Grounder-Gefahr? Oder lässt sie sich gut absichern?
Die Route ist nicht ungefährlich, das bringt das Clean-Klettern nun mal mit sich. Das ist bei dieser Route nicht anders. Man muss sehr gut einschätzen können, wo seine physischen und psychischen Grenzen liegen und wie weit man gehen will. Die Absicherung ist teilweise komplex und man braucht einige Erfahrung im Umgang mit mobilen Sicherungsmitteln. Jedes der Klemmgeräte sollte halten, sonst liegt man auf dem Boden.

Was machst Du, wenn Du gerade nicht kletterst?
Ich habe einen Fulltime-Job an der Uni, wo ich promoviere, da bin ich gut eingespannt. Ich reise gerne zusammen mit meiner Frau und bin Hobby-Ornithologe. Beim ersten Schnee bin ich außerdem zum Langlaufen im Fichtelgebirge unterwegs.

Wo geht Dein nächster Kletter-Urlaub (oder Ausflug) hin?
Meine Frau und ich waren dieses Jahr lange in Australien, nächstes Jahr lassen wir es etwas ruhiger angehen, vielleicht Mallorca, da hab' ich noch ein DWS-Projekt.

Wo kletterst Du besonders gern? Und warum?
Die Dolomiten stehen ganz oben auf meiner Lieblingsliste, Gebirge ist für mich nach wie vor ein sehr inspirierender Ort. Ansonsten reise ich gerne in die klassischen Klettergebiete Nordamerikas. Und die Taipan Wall in Australien ist für mich das beste Stück Fels, das ich bisher gesehen habe.

Dein Lieblings-Essen?
Eine gutes Rinderfilet mit Pfeffersoße und Spätzle.

Deine Lieblingsmusik?
Oh je, da habe ich nichts Bestimmtes, kommt auf die Stimmung an, Lenny Kravitz kann ich immer hören.

Gibt es noch etwas, das Du loswerden möchtest?
Eigentlich nichts, meine Frau sagt eh immer, ich rede zu viel Aber ich würde ganz gerne an dieser Stelle Philipp Warda meine Hochachtung und meinen Dank aussprechen. Er hat bereits 2003 mit der Clean-Erstbegehung der Route Vernissage (8a+) im Frankenjura neue Maßstäbe gesetzt und damals trotz eines Monstersturzes nicht aufgegeben. Archon ist die Direktvariante zu Vernissage, die mir Philipp geschenkt hat.

Patrick, vielen Dank!

Übrigens: Es ist nichts Neues, dass in Sportkletter-Gebieten auch einmal ohne Bohrhaken geklettert wird. Zum Beispiel in der Pfalz... oder wie Heiko Queitsch mit seinen zahlreichen "Grünpunkt"-Begehungen im Frankenjura.