"Meiose" (9b) - Interview mit Pirmin Bertle (+Bilder)


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Pirmin Bertle klettert Meiose 9b
Foto: Archiv Bertle

 

Pirmin Bertle klettert Meiose 9b
Foto: Archiv Bertle

 

 

 

Mit der Kombi-Linie "Meiose" im Schweizer Charmey hat der aus Bayern stammende Pirmin Bertle eine ordentliche Hausnummer rausgehauen: Er ordnet seine Erstbegehung als 9b ein.

Pirmin Bertle hatte im Herbst eine Boulder-Traverse mit exorbitanter Schwierigkeit in Lindental bei Bern herausgehauen: Mediomalomania (Fb 8C+ trav), und dann im Winter mit Meiose eine Route im Grad 9b.

Hier geht's zum Video zur Begehung: "The Art of Mixing Chromosomes"

Jetzt hat Pirmin sich mit seiner Familie nach Südamerika abgesetzt - vorher gelang es uns allerdings noch, ihm ein paar Fragen zu stellen. In der Fotostrecke gibt es Bilder seiner letzten Abenteuer, mehr davon unter www.lizardclimbing.com

Pirmin, aus Deinem Blogpost geht hervor, dass Du auf die allerletzte Minute und ohne große Erwartungen nun doch noch dein langjähriges Projekt Meiose klettern konntest. Wie knapp war es und hat deine innere Erwartungshaltung eventuell mitgespielt beim Erfolg?

Also, einen einarmigen Klimmzug hätte ich vor dem letzten schweren Zug nicht mehr einschieben können, und auch sonst wäre nicht mehr viel gegangen. Insofern schon maximal knapp. Die Erwartungshaltung war ja tatsächlich gleich null, was manchmal dazu führt, dass man mit weniger Druck lockerer, sicherer und oft auch präziser klettert, aber all das war nicht der Fall. Ich hatte einfach hinten heraus eine kleine Ecke mehr Strom, was ich mir im Grunde nur mit der Siesta zuvor erklären kann. Der einzige wirkliche Unterschied im Vergleich zu anderen Tagen mit guten Versuchen.

Wie kann man sich die Linie Meiose vom Charakter her vorstellen?

Maximalkraftausdauer. Neun Züge 8B-Boulder in 45° steilem Gelände und an Slopern, Leisten und Untergriffen, recht pressig und vor allem schwer, was das Verschieben der Füße angeht. Dann ein schlechter Knieklemmer, einmal kurz chalken, einmal tief atmen und noch ein 8B-Boulder, diesmal nur noch leicht überhängend, und über eine Reihe flacher, schlechter Leisten. Präzision und genaue Taktik, die die spezifische Ermüdung zwischen den beiden Armen bestmöglich verteilt, sind hier gefragt. Rund 30 schwere Züge ohne anzuhalten. Dann nach einem guten Rastpunkt in knapp 15m Höhe noch 10m 7b+ bis zur Kette. Klassischer Voralpenkalk, sehr kompakt und äußert rau in der Körnung.

Klingt exquisit. Du schreibst, dass Du die Schweiz verlässt - was passiert jetzt mit Pirmin und Familie?

Gerade haben wir den Atlantik überquert, 5 Tage auf dem Schiff, und ich schreibe aus Salvador de Bahia in Brasilien. Aber wir wandern nicht aus. Oder nur für neun Monate. Ab dann ist der Plan, erst einmal wieder in Bayern Asyl zu beantragen und dort eine Stelle für Jeanne als Ärztin zu suchen. Und für mich das ein oder andere Projekt in Kochel. Unseren Wohnwagen würde ich dann gerne ins Frankenjura verschieben, da war ich in den letzten zehn Jahren nur einen Tag klettern.

Du hast zwei Kinder - was ist Dein Tipp an kletternde Eltern, wie lässt es sich trotzdem schwer (bzw genug) klettern?

Keinen klassischen 100-Prozent-Job annehmen vor allem. Mir wurde vor meinen Kindern viel vom Vater-Effekt erzählt, der die betreffenden Väter stärker im Klettern machte, weil sie effizienter und fokussierter mit ihrer Zeit am Fels umgingen. Das habe ich aber schon immer getan, da war nicht mehr viel zu holen; aber im Endeffekt ist es genau das, was ich diesen Winter noch einmal intensiviert habe: Wenn klettern, dann Vollgas. Idealerweise bouldern und natürlich immer 100 Prozent motiviert für die ganz schweren Sachen. Wer besser werden will, muss möglichst viel über der eigenen Grenze arbeiten, aber das kann dann natürlich je nach psychologischem Rüstzeug zu Stress für die Beteiligten ausarten, weil halt nicht jeder nur Boulder und Routen punkten möchte, an denen er im Schnitt zehn Tage gearbeitet hat. Und dann nach Möglichkeit nicht trotz vermindertem Sportpensum, denn ein Kleinkind an der Hand herumführen ist nicht besonders anstrengend, genauso reinhauen in Sachen Pasta wie davor. Sonst geht die Nadel auf der Wage hoch. Oder so wie ich in den ersten zwei Jahren eine ordentliche 10kg-Gewichtsweste anfressen, ordentlich Maximalkrafttraining (nicht verletzen!), Niveau leidlich halten und dann wieder weg damit und rein in die neuen Grade.

Nachdem Du Dich vor einigen Jahren von Sponsoren und Öffentlichkeit losgesagt hast - was hat Dich bewogen, nun doch wieder zu veröffentlichen?

Für viele Athleten ist Schreiben, sich Fotos beschaffen und Videos drehen und schneiden ja eher eine Last, aber ich mache das, seit ich offiziell genau das mein Beruf ist, natürlich ganz gerne. Aber erstens war ich Anfang 2014 ohnehin sechs Monate verletzt und dann wollte ich das Klettern wieder mehr für mich haben und nicht nach extrinsischen Motivationen, wie Geld, Ticklists oder Anerkennung ausrichten. Dann hab ich dieses Jahr immer mal wieder ein paar ganz schwere Sachen ohne Grade veröffentlicht. Aber das geht natürlich deutlich besser unter der Wahrnehmungsgrenze durch. Schließlich hatte ich aber schon die ganze Zeit insgeheim den Plan die sich aus meinen Leistungen ergebende Medienpräsenz in den Dienst einer anderen Sache zu stellen als dem üblichen: Kauf das Zeug mit dem ich klettere! Ich habe es zum Beispiel geschafft über neun Monate nicht mehr als 50km pro Woche zum Klettern zu verfahren, oder aber über ein Jahr in einer Jurte mit einem ökologischen Fußabdruck von ungefähr 1 zu leben. (Sieben Milliarden Menschen wie ich (in diesem Zeitraum) hätten eine und nicht wie im Westen üblich 4 bis 10 Erden gebraucht.) Ich werde das auch noch ein bisschen mehr filmisch aufbereiten, bin aber nicht mehr dazu gekommen vor unserer Reise, die ein ähnliches Ziel verfolgt: Interkontinental unterwegs sein ohne zu fliegen.

Du hast Deine Ernährung umgestellt, erwähnst Du - Was hat Dein Ernährungsberater denn an hilfreichen Änderungen empfohlen? Wie ernährst Du Dich jetzt?

Wein statt Bier, Linsen statt Pasta, Eier statt Schoko-Croissant, möglichst kein Zucker und keine süßen Getränke, Nüsse und Mandeln als Snacks. Generell: Umso länger die Energie braucht, bis sie im Blut ist, desto gleichmäßiger ist der Körper versorgt, desto weniger muss er sich mit Insulin zuballern, und desto länger dauert es, bis man wieder Hunger hat. Nachdem allerdings auch einige Leute in meinem Umfeld das gleiche ohne größere Erfolge versucht hatten, musste ich erkennen, dass es wohl recht viel mit meiner Veranlagung und mit meinem Pensum von meist 250g Pasta um zehn Uhr Abends und dazu zwei Bier zu tun hatte. Und dann natürlich der Recovery Drink von Maiday, der verkürzt dir die Regeneration um fast 50% (das klingt jetzt wie Werbung und das ist es auch, aber es war neben dem Gewichtsverlust der zweitwichtigste Faktor für meine neue Form).

Was machst Du zum Entspannen?

Nicht klettern. Am besten zwei bis drei Tage am Stück. Sofern man das an dieser Stelle sagen darf: Cannabis, in Maßen und nicht geraucht. Kaum anderen Sport. Fingergymnastik auf der Tastatur. Aber richtig entspannen tut man mit zwei kleinen Kindern ohnehin nicht, außer man schläft gerade.

Dein Tipp an Kletter-Einsteiger?

Dran bleiben, sich treu bleiben, klettern, weil es geil und vollkommen sinnfrei ist, aber eine eindeutig klügere Antwort auf das Dilemma der menschlichen Existenz in Zeiten der Überfütterung, als das gängige Zusammenspiel aus Arbeit und Konsum. Nicht zu lange in der Halle bleiben, Klettern als Ganzes begreifen, mit Reisen (am besten ohne Flieger, versteht sich), Menschen, Sprachen, Natur, Spielen (auch noch für Erwachsene). Leicht bleiben, einfach leben. Step lightly, live simply.

Hier geht's zum Video zur Begehung: "The Art of Mixing Chromosomes"