Korrosion: Bohrhaken nicht nur in Meeresnähe gefährdet

Die UIAA vermeldet, dass selbst Bohrhaken aus hochwertigem Edelstahl binnen weniger Jahre von Spannungsrisskorrosion erfasst werden können und somit versagen.

Mehrere Unfälle durch gebrochene Bohrhaken in mediterranen Gebieten haben die UIAA (Union internationale des Associations d'Alpinisme) zu umfassenden Untersuchungen veranlasst. Mit erschreckenden Ergebnissen: Selbst hochwertiger Stahl kann in wenigen Jahren, ja sogar Monaten derart korrodieren, dass Bolts nicht einmal mehr das Körpergewicht eines Kletterers halten.

Dies gilt besonders in Klettergebieten mit säurehaltigem, magnesiumreichen Fels, der nur gelegentlich vom Regen „gewaschen“ wird. Diese Faktoren finden sich vorrangig an Kalkfelsen in Meeresnähe, können aber auch im Inland vorkommen.

Deshalb empfiehlt die UIAA, in allen Gebieten, wo Spannungsrisskorrosion auch nur vermutet wird (siehe Liste unten), ausschließlich Titan-Bohrhaken einzusetzen. Dies wiederum bedeutet, dass das Einbohren und Sanieren von Routen künftig kaum noch von Privatpersonen zu stemmen sein wird. Neue Finanzierungs-Konzepte sind also gefragt.

Die UIAA warnt:

"Die Brüche betreffen vor allem Haken aus Edelstahl und werden durch umweltbedingte Zerstörung, hauptsächlich Korrosion und insbesondere Spannungsrisskorrosion, verursacht. Im schlimmsten Fall können die Haken bereits bei einer Belastung von einigen zehn Kilogramm brechen (...). Dies tritt gewöhnlich in Klettergebieten in Meeresnähe auf, kann aber gelegentlich auch in Kilometer weit entfernten Gebieten im Hinterland vorkommen. Die Korrosion ist oft nicht erkennbar; es kann sich um für das Auge unsichtbare Korrosionsrisse handeln.

Die Spannungsrisskorrosion ist die aggressivste Form der Korrosion und Risse können bereits kurzzeitig nach der Installation des Hakens auftreten, eventuell bereits nach einigen Wochen, aber gewiss nach einigen Monaten. Alle Edelstahllegierungen sind betroffen, selbst 316L (1.4404, 1.4435).

Die Sicherheitskommission der UIAA ist im Moment tatkräftig bemüht, Haken aus geeignetem Material für die betroffenen Gebiete zu finden. (...) Die wichtigsten Faktoren für das Auftreten von Spannungsrisskorrosion sind:

  • Standorte mit einer mäßigen relativen Luftfeuchtigkeit (sehr trockene oder sehr feuchte Bedingungen sind unproblematisch, Verhältnisse dazwischen sind problematisch);
  • trockene, nicht dem Regenwasser ausgesetzte Felsen (dem Meerwasser ausgesetzte Felsen können unproblematisch sein);
  • Temperatur spielt keine entscheidende Rolle: Spannungsrisskorrosion kann bereits bei 20°C auftreten, wird aber durch höhere Temperaturen begünstigt;
  • Gesteinsart: Kalkstein/Dolomiten sind generell stärker betroffen als Sandstein oder Granit (Karstgebiete sind am stärksten betroffen)

Nur zerstörende Materialprüfungen können das Vorhandensein von Spannungsrisskorrosion an Kletterhaken bestätigen oder widerlegen. Es ist unmöglich, mit dem bloßen Auge oder einfachen Tests (zum Beispiel daran ziehen) die Korrosionsresistenz der installierten Haken zu überprüfen.

Selbst Haken, die erst vor kurzem installiert wurden oder noch ganz neu aussehen, können durch Spannungsrisskorrosion oder anderen Formen der Korrosion geschwächt sein. Tests, die von Petzl Frankreich an allen Kletterhaken in einer Felsenwand ausgeführt wurden, haben ergeben, dass 20% der Haken nur eine Belastbarkeit zwischen 1N und 5N aufwiesen und somit noch nicht ein mal das Gewicht eines Kletterers hätten halten können geschweige denn einen Sturz abfangen.

Diese Tatsache führt zu Unfällen wie dem, der kürzlich in Sizilien passiert ist: Beim Abseilen eines Kletterers (65 kg) zerbrach der untere Bohrhaken am Stand. Zum Glück hielt die Schlinge, welche diesen mit dem zweiten Haken verband und es passierte nichts."

Betroffene Klettergebiete

Liste der Länder und Gebiete, in denen die UIAA Spannungsrisskorrosion an Haken in Kletterrouten nachgewiesen hat oder stark vermutet:
Thailand
Griechenland
Taiwan
Italien
Dominikanische Republik
Malta
Kaimaninseln
Menorca
Hawaii
Marokko
Madagaskar
Portugal
Sardinien

Quelle: www.theuiaa.org

15.12.2015
Autor: Kern / Burmester
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