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Elbsandstein – Der erste Ring
Rund 30 Jahre später, kurz nach Beginn des 20. Jahrhunderts, zählt man in der Sächsischen Schweiz bereits 500 aktive Kletterer. Einer von ihnen ist Rudolf Fehrmann, der in mehrfacher Hinsicht Klettergeschichte schrieb: 1905 schlug er bei der Besteigung des Großen Wehlturms erstmals einen Ring (ein gebohrter Haken mit einem Ring als Öse) zur Zwischensicherung in die Wand. Daraus ergab sich in Klettererkreisen die Diskussion darüber, wie solche Ringe eingesetzt werden dürfen, was noch als sportlich einwandfreie Begehung gelten kann und was als Einsatz künstlicher Hilfsmittel anzusehen ist.
Die Diskussion mündete in Regeln, die Rudolf Fehrmann 1913 in einem Nachtrag zu seinem Kletterführer der Sächsischen Schweiz – 1908 veröffentlicht war es der vermutlich erste Mittelgebirgskletterführer der Welt – schriftlich fixierte. Darin hieß es unter anderem, dass Zwischensicherungen ausschließlich zu Sicherung und NICHT zur Fortbewegung benutzt werden dürfen und dass Ringe nur frei stehend zu schlagen sind. Die erste Regel hatte bis heute Bestand und ist die Definition des Freikletterns. Beim Schlagen der Ringe wurden später, als die Kletterer in immer glättere Wände vordrangen, die Regeln etwas ausgeweitet: Seit den 60er-Jahren dürfen Ringe auch in einer Schlinge sitzend geschlagen werden, seit den 90er-Jahren ist auch der Einsatz eines Skyhooks (Cliffhanger) erlaubt.
1913 war im Übrigen auch das Jahr, in dem der Karabiner in Sachsen eingeführt wurde. Bis dahin hatte man sich in der Wand stehend an den Sicherungsringen ausgebunden, das Seil durch den Ring gefädelt, und dann wieder eingebunden. Ein heute völlig unvorstellbarer Gedanke.
Vorsprung statt Technik
Als Reinhold Messner in den 80er-Jahren das Bergsteigen „by fair means“ propagierte, vertrat er im Grund die gleiche Idee, die Otto Ufer über 100 Jahre zuvor in die Welt gesetzt hatte: Nicht die Technik, sondern der Mensch soll sich in der Natur der Felsen und Berge behaupten. Den Elbsandsteinkletterern bescherte diese sächsische Kletterethik einen gewaltigen Vorsprung in Sachen Klettertechnik und Entwicklung des eigenen Kletterkönnens.
Vergleicht man die gekletterten Schwierigkeiten, so gab es 1965 in Sachsen die erste Route im unteren achten Grad (nach heutiger UIAA-Bewertung) – da baumelten die Alpinisten Westeuropas noch mit dicken Stiefeln in den Trittleitern. Der glatte siebte Grad wurde im Elbsandstein schon 1922 geklettert – 55 Jahre bevor Helmut Kiene und Reinhard Karl die Pumprisse (UIAA 7) im Wilden Kaiser eröffneten und damit erstmals den Mut hatten, eine Route auch offiziell schwerer als 6+ zu bewerten. Im Jahr der Erstbegehung der Pumprisse, 1977, eröffnete Bernd Arnold am Großen Wehlturm bei Rathen mit der Direkten Superlative bereits die erste Route im UIAA-Grad 8+. Und im gesamten Gebiet gab es zu diesem Zeitpunkt schon über 400 Routen im siebten und über 50 bis zum glatten achten UIAA-Grad.
Selbst Ausnahmeathlet Alex Huber, der fast jede Art der Kletterei beherrscht, hatte 2007 in der Nordverschneidung am Mönch ganz schön zu kämpfen. Dabei stammt die Route, mit UIAA 7 bewertet, aus dem Jahr 1924. Es gibt keinen Zweifel: Die Sachsen konnten schon damals richtig gut klettern.
Zum Thema:
- Elbsandsteinwochen 2008 - Infos zu den Kletterkursen
- Robert Hahn beantwortet Fragen zum Red Bull Steinkönig
- Schwierigkeitsgrade der Welt im Vergleich
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08.05.2008
© klettern
Autor: Hahn / Stöhr
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