Sperrgebiet Everest - Politik am Berg

Die vorolympischen Restriktionen betreffen auch die nepalesische Seite des Mount Everest (8850 m). Bis zum 10. Mai dürfen Bergsteiger nicht höher als Camp 2 steigen. Satellitentelefone und Kameras sind ebenfalls untersagt.
Foto: Ralf Dujmovits/AMICAL alpin Everest knapp unter Gipfel

Bis zum 10. Mai garantiert keine Staugefahr: die letzten Meter zum Everest-Gipfel.

Von der kompletten Sperrung des Everest auf tibetischer Seite sowie der des Cho Oyu (8250 m) bis zum 10. Mai haben wir schon berichtet (siehe News vom 13. März). Offiziell machen die chinesischen Behörden Umweltprobleme und daraus resultierende Sicherheitsrisiken als Grund für diese Maßnahme geltend. Der wahre Anlass dürfte jedoch sein, dass in diesem Zeitraum die olympische Fackel auf den Gipfel des Mount Everest getragen werden soll. Und offensichtlich hat die chinesische Regierung große Sorge, dass dieses für sie prestigeträchtige Ereignis durch Protestaktionen gegen ihre Tibetpolitik und gegen die gewaltsame Niederschlagung der jüngsten Unruhen in Lhasa gestört werden könnte – der Albtraum der chinesischen Behörden schlechthin wären wohl Bilder von der olympischen Fackel auf dem Gipfel mit einer "Free-Tibet"-Flagge im Hintergrund …

Foto: Ralf Dujmovits/AMICAL alpin Everest Khumbu

Derzeit versehen Sherpas den Khumbu-Eisbruch mit Leitern und Fixseilen.

Aber auch auf nepalesischer Seite kommt es in der diesjährigen Everest-Frühjahrssaison zu erheblichen Einschränkungen. Zwar haben sich die nepalesischen Behörden nicht dem chinesischen Druck gebeugt, die nepalesische Seite des Dachs der Welt bis zum 10. Mai ebenfalls ganz dicht zu machen, Gipfelvorstöße sind in diesem Zeitraum aber untersagt. Genauer gesagt, darf bis zum 10. Mai kein Bergsteiger höher als Camp 2 (6492 m) im Western Cwm steigen. Den Sherpas ist es in diesem Zeitraum allerdings erlaubt, täglich zwischen 6:00 und 18:00 Fixseile bis hinauf zum Südsattel zu verlegen. Sobald die olympische Fackel auf dem Dach der Welt geleuchtet hat, werden die Restriktionen aufgehoben. Derzeit ist der 28. April als Fackel-Gipfeltag vorgesehen. Sollte dies zutreffen, bliebe den Expeditionen noch ungefähr ein Monat Zeit, den Gipfel zu erreichen.

Bis dahin beschränken sich die Restriktionen aber nicht nur auf das "Sperrgebiet" oberhalb Camp 2. Den Expeditionen auf der nepalesischen Everest-Seite ist es auch untersagt, Satellitentelefone sowie Foto- oder Videokameras mit sich zu führen. Funkgeräte sind erlaubt, allerdings muss jeweils ein Exemplar an das im Basislager stationierte Militär abgegeben werden, damit dieses den Funkverkehr kontrollieren kann. Die nepalesischen Behörden haben außerdem angekündigt, dass sie Camp-Durchsuchungen durchführen werden, um sicher gehen zu können, dass keine verbotene Elektronik vor Ort ist.

Foto: Alberto Peruffo Rote Flammen

Peruffos Idee von Protest: gegen die chinesische Tibetpolitik sollen rote Feuer auf die Gipfel.

Zahlreiche Bergsteiger und Verbände haben inzwischen Kritik an diesen Restriktionen respektive an der chinesischen Tibetpolitik geäußert. Eine besonders harsche Protestnote gegen das Vorgehen der chinesischen Regierung in Tibet stammt von der französischen Groupe de Haute Montagne (GHM). Darin ruft diese unter anderem alle Bergsteiger und Alpinverbände weltweit dazu auf, unter keinen Umständen an der "Fackel-Aktion" mitzuwirken. Die Gruppierung "Climbers without borders" wiederum hat eine Everest-Hotline eingerichtet, über die Augenzeugenberichte vom Dach der Welt anonym an die Öffentlichkeit weitergegeben werden sollen. Und der italienische Künstler und Kletterer Alberto Peruffo organisiert eine konzertierte Aktion, bei der zeitgleich an einem Tag im Mai und am 8. August (Eröffnung der Olympischen Spiele) auf möglichst vielen Alpengipfeln rote "bengalische Feuer" gezündet werden sollen (siehe www.sadsmokymountains.net.

17.04.2008
Autor: Steffen Kern
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