Rezension: "Nanga Parbat" – eine Schmierentragödie

Vergangenen Donnerstag feierte Joseph Vilsmaiers "Nanga Parbat" Premiere. Doch der Film über die 40 Jahre zurückliegende Expedition, bei der Günther Messner ums Leben kam und die bis heute für Streitereien und Prozesse zwischen den Teilnehmern sorgt, enttäuscht. Und angesichts der Verunglimpfung teils schon verstorbener Expeditionsteilnehmer wird dieser Film sicher nicht für Frieden sorgen.

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Kinofilm Nanga Parbat: Reinhold Messner
Dicke Luft am Nanga Parbat: der neue Vilsmaier-Film erhitzt die Gemüter der Expeditionsteilnehmer von 1970.

Nach "Nordwand" nun "Nanga Parbat". Im geheizten Kino den Heroen der Berge beim Überlebenskampf in eisigen Höhen zuzuschauen, scheint den Nerv der Zeit zu treffen. "Für mich ist es das Größte, Reinhold Messner zu lesen und dabei die Füße ins Gefrierfach zu stecken", witzelte der schwäbische Kabarettist Uli Keuler schon vor 20 Jahren.

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Interview mit Reinhold Messner anlässlich des Filmstarts
Hier geht's zum Interview mit dem Expeditionsteilnehmer Gerhard Baur

Reinhold Messner, respektive seinen Darsteller Florian Stetter, im Kino zu sehen, ist definitiv nicht das Größte. Denn der neue Film des Erfolgsregisseurs Joseph Vilsmaier über die Erstbesteigung der 4500 Meter hohen Rupalwand am Nanga Parbat (8125 m) im Jahr 1970 ist schlicht schlecht: die Dramaturgie bescheiden, die Dialoge flach bis armselig, dito die Leistung der meisten Schauspieler. Florian Stetter beispielsweise schafft es, einen Großteil des Films mit einem Gesichtsausdruck zu bestreiten. Man könnte meinen, die Kälte am Berg hätte seine arrogante, herablassende Mimik eingefroren.
Auch die Landschaftsaufnahmen, die von anderen Rezensenten gelobt wurden, haben mich nicht wirklich vom Hocker gerissen. Zwar sind einige tolle Einstellungen von der Rupalwand dabei, doch nervt das oft eingesetzte Stilmittel im Zeitraffer vorbeiziehender Wolken auf Dauer.

Dass Bergfilme in aller Regel nicht durch Realitätsnähe bestechen, ist uns seit "Cliffhanger", "Vertical Limit" & Co. bekannt. Auch "Nanga Parbat" weist einige Schnitzer auf: Gleich zu Beginn klettert Reinhold Messner in modernen Kletterschuhen am Mittelpfeiler des Heiligkreuzkofels in den Dolomiten, am Gipfel trägt er dann jedoch – simsalabim – schwere Lederbergstiefel. Ganz abgesehen davon, dass es 1968 noch gar keine Kletterschuhe gab, wie wir sie heute kennen. Ebensowenig gab es 1970 Gore-Tex-Jacken, wie sie Felix Kuen und Peter Scholz am Gipfel des Nanga Parbat tragen. Oder die Szene nachdem Günther Messner von einer Lawine verschüttet wurde (filmtechnisch miserabel umgesetzt). Da liegt Reinhold Messner völlig erschöpft auf einer Gletschermoräne am Wandfuß, um im nächsten Moment wieder mitten in der Steilwand im Lawinenkegel nach seinem Bruder zu suchen. Selbst Nicht-Alpinisten dürften sich zudem fragen, ob es nicht sinnvoll wäre, den Jackenkragen zu schließen und die Kapuze aufzusetzen, wenn man in Schneesturm und eisiger Kälte um sein Leben kämpft.

Doch solch vergleichsweise harmlosen handwerklichen Schnitzer verblassen angesichts einiger Szenen, bei denen einem die Luft fast wie an einem Achttausender wegbleibt. Besonders krass ist die Szene, als Felix Kuen und Peter Scholz einen Tag nach den Messner-Brüdern den Gipfel erreichen. Dort finden sie einen von diesen zurückgelassenen Handschuh. Es folgen die Sätze: "Die Messners sind tot. Wir sind die Gipfelsieger!" Jubelnd fallen sich die beiden Bergsteiger in die Arme. Mit Verlaub, zwei inzwischen verstorbenen Menschen, die sich nicht mehr wehren können, ein solches, durch nichts zu belegendes Verhalten zu unterstellen, ist schäbig.
Ähnlich krass fällt die Darstellung des Expeditionsleiters Herrligkoffer aus. Er kommt als tyrannischer Altnazi daher, der sich permanent unsäglicher Kampf-Sieg-Rhetorik bedient und sich gerne in den Vordergrund stellt, andererseits aber unfähig und hilflos ist und ständig Reinhold Messner um Rat und Hilfe bitten muss. Reinhold Messner indes weiß in jeder Situation, was zu tun ist. Als die Expedtition finanziell auf der Kippe steht, leiert er mit Witz und Charisma dem Sponsor einen Blankoscheck aus den Rippen, am Berg weiß er immer, wo's lang geht, was das Wetter macht etc. Eine derart platte Schwarzweißmalerei von Gut und Böse erinnert an schlechte US-Propagandafilme – bringt die Dramaturgie aber trotzdem nicht voran. Denn Vilsmaier versteht es nicht, Sympathien für seine "Helden" zu wecken, und so bleibt man als Zuschauer selbst beim Filmtod von Günther Messner seltsam unberührt.

Nein, mit "Nanga Parbat" hat Joseph Vilsmaier dem Genre Bergfilm sicher keinen Gefallen getan. Und angesichts des dokumentarischen Charakters, den der Film suggeriert, verwundert es nicht, dass sich alle anderen Expeditionsteilnehmer respektive ihre Kinder gegen die verzerrte Darstellung der Fakten und Charaktere wehren. Zum Kinostart des Films veranstaltete das "Deutsche Institut für Auslandsforschung – Herrligkoffer-Stiftung" dann auch prompt eine Pressekonferenz in München, um eine andere Sichtweise der Geschehnisse an die Öffentlichkeit zu tragen.

Auf der folgenden Seite findet ihr die wichtigsten Themen und Aussagen dieser Pressekonferenz.

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20.01.2010
Autor: Steffen Kern
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