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Harte Erstbegehungen im Himalaya (plus Videos)
08.02.2010 von Steffen Kern
Von Oktober bis Januar sahen die Sechs- und Siebentausender Nepals eine ganze Reihe eindrucksvoller Erstbegehungen. Darunter auch einige Piolet d'or-verdächtige Neutouren.

- Yannick Graziani über dem ersten Seracgürtel am Südpfeiler des Nemjung (7140 m).
Foto: Christian Trommsdorff
Die Zeit der Achttausender ist im Frühsommer und Frühherbst, die Zeit der harten Erstbegehungen an den nicht ganz so hohen Gipfeln des Himalaya offensichtlich in der kalten Jahreszeit.
Den Auftakt machten Mitte Oktober die Franzosen Yannick Graziani und Christian Trommsdorff. Vom 11. bis 15. Oktober gelang ihnen im Alpinstil die erste Durchsteigung der Südwand des Nemjung (7140 m) Ihre 2400-Meter-Neutour über den Südpfeiler bezeichnen sie als ihre "vielleicht schönste, sicher aber steilste und anhaltendste Erstbegehung". Wenn man weiß, dass die beiden Franzosen schon einige grandiose Erstbegehungen im Himalaya vollbracht haben, eine klare Ansage.

- Die gewaltige, 1800 Meter hohe Nordwand des Chang Himal (6802 m) mit Linie und Biwakplätzen der Briten.
Foto: Andy Houseman / DMMclimbing.com
Ende Oktober holte sich ein japanisches Viererteam dann am gleichen Berg die Erstbegehung der vergleichsweise harmlosen und objektiv sicheren Westwand. Am 29. Oktober kletterte das Quartett 18 Seillängen in 50 bis 60 Grad steilem Eis bis auf 6840 Meter, am nächsten Tag erreichten sie über den Westgrat den Gipfel, bevor sie tags darauf über ihre Aufstiegsroute abseilten.

- Morgenstund hat …: Andy Houseman beginnt den zweiten Tag am Chang Himal (6802 m) mit anspruchsvoller Mixedkletterei
Foto: Nick Bullock / DMMclimbing.com
Ebenfalls am 29. Oktober stiegen die Briten Nick Bullock und Andy Houseman in die Nordwand des Chang Himal (6802 m) im östlichen Nepal ein. Auf die extrem steile, 1800 Meter hohe Wand hatten schon mehrere Topalpinisten ein Auge geworfen, bis dahin aber ohne Erfolg. Vier Tage benötigten Houseman und Bullock für die technisch anspruchsvolle und schlecht abzusichernde Kletterei, bevor sie als zweite Menschen auf dem formschönen Gipfel standen. Die Schwierigkeiten geben die Briten mit ED3, M6 an. Lupenreiner Alpinstil an einer gewaltigen Wand, dazu eine haarsträubende Abseilaktion über die Aufstiegsroute – ein heißer Kandidat für eine Piolet-d'or-Nominierung.

- Der Mera Peak (6470 m) von Westen. Simpsons neue Route folgt im wesentlichen dem Grat am rechten Bildrand.
Foto: Joe Simpson / Thebmc.co.uk
Lebenszeichen vom Altmeister
Auch Joe Simpson – vor allem bekannt durch das Dokudrama "Sturz ins Leere – hat die Steigeisen nicht endgültig an den Nagel gehängt. Der 49-Jährige war mal wieder Bergsteigen, und zwar allein. In zweieinhalb Tagen glückte ihm solo eine 1300-Meter-Erstbegehung durch die Südwand des beliebten nepalesischen Trekking-Gipfels Meru Peak (6470 m). Für seine Route, die er zum Gedenken an zwei verunglückte Freunde In Memoriam nannte, gibt der Altmeister Felsschwierigkeiten bis UIAA 5 an, im Eis wurde es bis zu 60 Grad steil. Zwar entsprechen die technischen Schwierigkeiten "nur" einer Gesamtbewertung von D+, aufgrund der hohen objektiven Gefahren durch Eislawinen hält Simpson TD+/ED1 aber eher für angebracht.

- Vom 26. bis 28. November schafften Fumitaka Ichimura und Genki Narumi die erste Durchsteigung der zentralen Nordwand des Tawoche (6501 m).
Foto: Genki Narumi
Etwas jünger sind die Mitglieder der japanischen Alpintruppe "Giri-Giri Boys", die in den letzten Jahren schon mit einigen anspruchsvollen Erstbegehungen für Aufsehen gesorgt haben. Ende November gelang nun Fumitaka Ichimura und Genki Narumi die erste Begehung der 1500 Meter hohen Nordwand, die sich prominent über der Trekkingroute zum Everest Base Camp erhebt. Im Alpinstil benötigte das Duo zweieinhalb Tage in teils miserabel abzusicherndem Gelände und bei Schwierigkeiten bis VI, AI 5 bis zum Gipfelgrat, von dort stiegen sie nach Süden ab. Dem Gipfel aufs Haupt zu steigen, war ihnen indes nicht vergönnt. Wenige Meter vor dem höchsten Punkt versperrte ihnen eine gewaltige Scharte den Weg. Trotzdem eine großartige Neutour, die ebenfalls eine Nominierung verdient hätte.

- Der Zentrale Südpfeiler des Tawoche (6501 m) mit den Biwaks der Amerikaner.
Foto: Cory Richards / Verticalcarnival.blogspot.com
Fast live und in Farbe
Ebenso wie die Erstbegehung eines polnischen Dreierteams wenige Wochen zuvor. Leider schafften es auch Wojtek Kozub, Marcin Michalek and Krzysztof Starek nach ihrer Neutour am Melanphulan nicht auf den Gipfel. Für ihre 1400-Meter-Nordwand an dem 6573 Meter hohen Gipfel rund sechs Kilometer südlich der Ama gibt das Trio Schwierigkeiten von ED2/3, AI 4/5 an.
Ganz oben standen dagegen Renan Ozturk und Cory Richards, die sich im Januar wie die beiden Giri-Giri Boys zwei Monate zuvor am Tawoche betätigten. Allerdings auf der Sonnenseite. Dort gelang ihnen die Erstbegehung des 1200 Meter hohen Zentralen Südpfeilers. Zweieinhalb Tage benötigten die Amerikaner für den Aufstieg, eineinhalb für den Abstieg. Neben dem brüchigen Fels machte ihnen vor allem Dehydrierung zu schaffen, da sie am ersten Biwakplatz keinen Schnee fanden. Trotz dieser Widrigkeiten und Schwierigkeiten von ED2, VI, 5.10, M4/5 hatten die US-Boys offensichtlich noch Muße, ausgiebig zu filmen und zurück im Basislager einige nette Videos zu schneiden. Hier die beiden interessantesten:
TAWOCHE 2k10 dispatches #4 from renan ozturk on Vimeo.
TAWOCHE 2k10 dispatches #5 from renan ozturk on Vimeo.
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08.02.2010
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Autor: Steffen Kern
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