Allein am Nanga Parbat: Ralf Dujmovits im Interview

Ralf Dujmovits Plan war kühn: die erste Winterbesteigung des Nanga Parbat (8125 m) in Pakistan solo zu versuchen. Doch gefährliche Eisverhältnisse zwangen ihn, Anfang Januar sein Vorhaben aufzugeben.

 

Der Nanga Parbat mit der Messner-Route
Foto: Ralf Dujmovits Die Diamir-Flanke des Nanga Parbat (8125 m) mit der "Messner-Route". Über der großen Felswand, die rechts umgangen wird, ist der gewaltige Serac-Riegel zu sehen, der den unteren Teil der Route bedroht. Die Aufnahme stammt aus dem Jahr 2000.

Es sollte ein Zeichen der Hoffnung für die Region sein. Ralf Dujmovits und sein polnischer Begleiter Darek Zaluski waren die ersten Bergsteiger, welche die Diamir-Seite des Nanga Parbats besuchten, nachdem dort im Juni 2013 11 Bergsteiger von Taliban-Kämpfern ermordet worden waren. Deshalb wurden sie von drei pakistanischen Polizisten zum Basecamp eskortiert.

Dujmovits hatte sich zuvor am Aconcagua in Südamerika akklimatisiert. Vier Nächte hatte er dort auf 6000 Metern und zwei Nächte auf dem 6964 Meter hohen Gipfel verbracht. Anschließend reiste er direkt nach Pakistan, wo er am 24. Dezember im 4900 Meter hohen Basecamp zu Zaluski stieß, der ihn bei den Vorbereitungen zu seinem Alleingang unterstützen sollte.

Am 30. Dezember erreichten sie eine Höhe von 5500 Meter auf der Messner-Route und richteten ein Materialdepot ein. Nach 36-stündigem Schneefall hatten sie an diesem Tag zum ersten Mal freie Sicht auf die geplante Aufstiegsline.

Von guten Aussichten konnte aber keine Rede sein: Der Gletscher präsentierte sich schneearm, enorm zerklüftet und von der großen Serac-Barriere, die den unteren Teil der Route überragt, drohte noch größere Gefahr.

 

Ralf Dujmovits
Foto: Archiv Dujmovits Ralf Dujmovits, 52, lebt mit seiner Frau Gerlinde Kaltenbrunner im Schwarzwald. 2009 komplettierte er als erster Deutscher seine Sammlung der 14 Achttausender. Bis auf den Everest bestieg er alle, ohne künstlichen Sauerstoff zu verwenden.

Ralf Dujmovits - das Interview

Was konkret hat dich zum Abbruch deines Solo-Versuchs an der Diamirflanke bewegt?
Mein ursprünglicher Plan – vom Aconcagua kommend bestens akklimatisiert in einem Zug über die Messner-Route zum Gipfel des Nanga Parbat aufzusteigen – ging wegen der schwierigen und komplizierten Gletscherverhältnisse nicht auf. Ein aufwendiges Erkunden der Route im Spalten-Wirrwarr zwischen zahllosen Eistürmen war notwendig geworden.

Prinzipiell war ich bereit, ein erhöhtes Risiko für meine geplante Besteigung einzugehen – dass ich aber wegen der Verhältnisse tagelang unter offensichtlich einsturzbereiten Eistürmen umhersteigen hätte müssen, war mir zu gefährlich. Abbruch war die einzig sinnvolle Entscheidung. Am Tag, als wir unser Depot knapp unterhalb von Lager 1 der Kinshofer-Route geräumt haben, hätte uns fast noch eine monströse Eislawine erwischt.

Du giltst ja nicht als Hazadeur unter den Höhenbergsteigern. Wie bist du überhaupt auf die Idee gekommen, die – doch sehr riskante – Solo-Wintererstbesteigung eines 8000ers zu versuchen?
Den Plan, irgendwann an den Nanga Parbat zurückzukehren, hatten Gerlinde und ich schon seit einigen Jahren. Und ursprünglich hatten wir fest vor, im Winter 2012/2013 einen gemeinsamen Versuch zu unternehmen. Als dann aber im Winter 2011/2012 Gerfried Göschl, Cedric Hehlen und Isar Satpara bei ihrem Versuch einer Winterbesteigung des Gasherbrum 1 verunglückten, haben wir den Plan vertagt.

Erst im vergangenen Herbst hat sich bei mir für diesen Winter ein zweimonatiges Zeitfenster aufgetan. Gerlinde hatte entschieden, sich um ein paar gesundheitliche Baustellen zu kümmern. Und da habe ich relativ spontan entschieden, meinen guten Trainingszustand für den Nanga Parbat zu nutzen. Sicher ist eine Solobegehung etwas riskanter als mit Partner – seilfrei sind wir wegen des Zeitgewinns aber meistens unterwegs gewesen.

Denkst du, dass risikobereitere Bergsteiger – beispielsweise aus den früheren Sowjetstaaten – trotz des Seracs ihren Versuch fortgesetzt hätten?
Seine Risiko-Bereitschaft muss jeder für sich selbst ausloten beziehungsweise ausleben. Ich möchte über andere nicht urteilen. Es braucht zu solch einer Besteigung auch das entsprechend windarme Wetter – das im Winter selten länger als zwei bis drei Tage anhält.

Dieses Wetterglück war zum Zeitpunkt meines Abbruchs noch nicht eingetreten, und damit begann es mit meiner Vorakklimatisation von Südamerika schon brenzlig zu werden. Das Scheitern ist bei solch einer Art Unternehmung – zumal ich etwas Neues ausprobiert habe – fester Bestandteil. Das ist man nicht mehr gewohnt. Viele Ziele werden nur noch angegangen, wenn auch mit großer Wahrscheinlichkeit ein Erfolg ins Haus steht. Winterbergsteigen im Himalaya oder Karakorum ist in erster Linie Lernen durch Scheitern – extrem spannend und abenteuerlich.

Wie hattest du dich auf die zu erwartenden extremen Bedingungen am Nanga Parbat vorbereitet?
Die Kälte und die Stürme sind kaum zu trainieren, das ist vor allem Kopfsache und massig Erfahrung. Und besonders gutes und leichtes, ausgetüffteltes Material gehört dazu. Das andere sind die körperlichen Voraussetzungen: Ursprünglich wollte ich im Herbst mit einem australischen Freund zum Everest – und habe dafür monatelang vor allem Kondition gebolzt.

Als der Everest ausfiel, habe ich trainingsmäßig nochmal was drauf gesetzt und war für den Nanga Parbat für meine Verhältnisse konditionell topfit. Die Vorakklimatisation mit vier Nächten auf 6000 Meter und zwei Nächten auf dem Gipfel des Aconcagua mit fast 7000 Meter war optimal verlaufen. Zwischen Basislager Aconcagua und dem Basislager auf der Diamirseite des Nanga Parbat lagen gerade mal neun Tage. Und damit hätte von den Voraussetzungen meines Erachtens alles gepasst.

 

Der untere Teil der Diamir-Flanke mit dem zerklüfteten Serac
Foto: Ralf Dujmovits Der untere Teil der Diamirflanke im Winter 2013/14. Eingekreist sind die abgespalteten Serac-Türme. Das Kreuz markiert das obere Materialdepot, unten ist das erste Materialdepot Dujmovits knapp unterhalb von Camp 1 der "Kinshofer-Route" eingezeichnet.

Schon die Anreise zum Nanga Parbat dürfte nach dem Taliban-Massaker an elf Bergsteigern im vergangenen Sommer ein riskantes Unterfangen gewesen sein. Wie war dein Eindruck von der gegenwärtigen Sicherheitslage in Baltistan?
Die Sicherheitslage in Baltistan ist eine Sache, die speziellen sozio-kulturellen Eigenheiten im direkten Umfeld des Nanga Parbats eine andere. Nach dem Terroranschlag sind die Behörden in Pakistan extrem um die Sicherheit der Trekker und Bergsteiger bemüht. Das heißt schon auf dem Karakorum-Highway ist ein im Vergleich zu früher nochmals verschärfter bewaffneter Polizeischutz mit dabei. Auf dem Hinweg fuhr die ganze Zeit ein offenes Polizeifahrzeug vor uns her mit zwei Beamten mit Schnellfeuergewehr im Anschlag.

Auf der Rückfahrt hatten wir zu jeder Zeit einen alle vierzig bis fünfzig Kilometer wechselnden schwer bewaffneten Polizisten mit im Fahrzeug. Das Diamir-Tal mit seinem Ausgangspunkt Chilas im Industal ist ein anderes Thema: Dort gehen auch mal nebenbei zwei Polizei-Busse in die Luft (sie stehen mit einem dritten ausgebrannt vor der dortigen Polizei-Station). Die Chilasis sind extrem eigenwillig und fundamentalistisch. 700 Polizisten auf eine Bevölkerung von etwa 50.000 sagt einiges. Aus diesem Grund musste ich mich auch zwingend von drei bewaffneten Polizisten, die im Diamir-Tal aufgewachsen sind, ins Basislager begleiten lassen. Auf der Rupalseite sind es übrigens zehn Polizisten, die den Zugang zum Basislager bewachen.

Wie schätzt du die Chancen der beiden anderen Expeditionen auf der Rupalseite ein?
Die Schell-Route ist die technisch leichteste, aber auch eine der längsten Routen am Nanga Parbat. Es braucht schon im unteren Teil einiges an Durchhaltevermögen, da im Winter der Wind zumeist aus Südwest bläst und damit voll auf der Route steht. Ab 7400 Meter wird es dann erst richtig spannend, weil eine sehr lange, wenig offensichtliche Querung auf der Diamirseite zum Gipfeltrapez des Nangas zurückzulegen ist.

Auf der Couch im Wohnzimmer haben noch die wenigsten ihre Träume realisiert. Wenn der Sturm im richtigen Moment nachlässt, stehen die Jungs oben. Ich wünsche ihnen – insbesondere David Göttler – auf jeden Fall alles Gute und das nötige Wetterglück.

Wie sehen deine weiteren Pläne für 2014 aus?
Im Frühjahr sind wir in Feuerland, danach zieht‘s mich nach Tibet zu einem letzten Versuch am Everest „oben ohne“, also ohne künstlichen Sauerstoff, im Sommer bin ich in Kanada zum Bergsteigen, im Herbst in Nepal und im Dezember führe ich am Mt. Vinson in der Antarktis.

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Fotostrecke: Bildband: 2x14 Achttausender von Gerlinde Kaltenbrunner und Ralf Dujmovits

11 Bilder
Impressionen aus dem Bildband 2x14 Achttausender von Gerlinde Kaltenbrunner und Ralf Dujmovits Foto: Archiv Kaltenbrunner & Dujmovits
Impressionen aus dem Bildband 2x14 Achttausender von Gerlinde Kaltenbrunner und Ralf Dujmovits Foto: Archiv Kaltenbrunner & Dujmovits
Impressionen aus dem Bildband 2x14 Achttausender von Gerlinde Kaltenbrunner und Ralf Dujmovits Foto: Archiv Kaltenbrunner & Dujmovits
22.01.2014
Autor: Steffen Kern
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