Klettern auf Teneriffa

Die Perlen der Insel


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Sportklettern auf Teneriffa
Foto: Hermann Erber

 

Klettern auf Teneriffa
Foto: Ralph Stöhr / klettern.de

 

Klettern auf Teneriffa
Foto: Archiv Goller

 

Klettern auf Teneriffa
Foto: Ralph Stöhr / klettern.de

 

Klettern auf Teneriffa
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Eigentlich ist es ja nur ein Vulkan. Dennoch bieten die Wände und Türme auf der größten Kanareninsel Teneriffa eine Klettervielfalt, wie man sie selten trifft.

 

Klettern auf Teneriffa
Foto: Ralph Stöhr / klettern.de

Junge, Junge, da waren die Augen mal wieder größer als die Ausdauer. In meinen Unterarmen herrscht ein Überdruck wie in einem hartgepumpten Mountainbike-Reifen. Ein Nadelstich, und sie würden platzen wie zu heiß gekochte Würstchen. Aber so ist das ja fast immer, wenn man ein neues Klettergebiet besucht: Gleich am ersten Tag reißt einen die Begeisterung mit. Leider nicht immer nach oben. Ich hänge in Silla Electrica (7b) in einer von Aricos steilsten Wänden am Bohrhaken. Unter mir wölbt sich eine einmalige, schwarze Wabenwand etliche Meter nach innen, über mir bester, rötlicher Basalt nach außen. Wer hätte diesem Anblick widerstehen können?

Teneriffa kennt man vor allem als Rentner- und Surferparadies. Die günstige Lage – die Insel liegt etwa auf Höhe der Sahara, aber eben im Atlantik – führt dazu, dass die Temperaturen das ganze Jahr über angenehm sind. In den kältesten Monaten, das sind Januar und Februar, beträgt die Durchschnittstemperatur auf Meereshöhe circa 18 Grad. Im Sommer steigt dieser Wert auf knapp über 24 Grad. Da lässt sich das Rentner-Dasein ganz gut aushalten. Addiert man noch die beständigen Passatwinde dazu, dann kommen auch die Surfer auf ihre Kosten.

Ex-Surfer sind es auch, die uns auf die größte Kanaren-Insel gelockt haben. Schon seit fast zwei Jahren bedrängen uns Nick und Juliane, die Klettermöglichkeiten Teneriffas selbst zu erkunden. Die beiden – er Belgier, sie Deutsche – betreiben in Granadilla auf der Südostseite der Insel und damit in nächster Nähe zu den größten Klettergebieten ihren Laden Tenerife Outdoor. Außerdem haben sie sich vorgenommen, das Klettern auf Teneriffa als festen Tourismusfaktor zu etablieren. Ein erster Schritt wurde vor zwei Jahren mit der Herausgabe eines Kletterführers für die Felsen um die Stadt Arico getan. 500 Routen beschreibt er, und wir wollen davon die Perlen picken.

Im Herbst 2008 ist es soweit: Mit bedenklich wackelnden Tragflächen setzen wir abends bei starkem Seitenwind auf der Rollbahn des Flughafens Tenerife Sur auf. Am nächsten Morgen versorgen uns Nick und Juliane mit Kaffee, Führermaterial und dem Wochenplan. Zum Glück besteht der überwiegend aus Klettern.

Das Tal der tausend Löcher

Die Schlucht von Arico ist der bekannteste Spot Teneriffas und mit über 220 Routen auch der größte. In diesem schmalen, felsgesäumten Tal gibt es alles, was ein gutes Sportklettergebiet ausmacht: Am Schluchtrand ein paar versiffte Baracken, in denen an Wochenenden die Locals hausen, mit Blick aufs Projekt, wohlgemerkt. Fingerlöcher en masse, so viele, dass wir am ersten Tag glauben, das sei eine generelle Eigenart des hiesigen Vulkangesteins. Was sich aber als Fehleinschätzung erweist: Nur Arico hat diesen Schweizer-Käse-Faktor. Außerdem erfreut eine richtig steile Wand mit athletischen Ausdauerhämmern höherer Grade den Besucher. Und eine erstaunliche Auswahl an gemäßigten Routen zwischen 5 und 6b, die bei aller Kürze auch jede Menge Würze bieten, denn oft führen sie durch für den Grad erstaunlich steiles Gelände. Aber dann eben an guten Griffen. Wohl dem, der sein Hallentraining ernst nimmt.

Viva Las Vegas

Ins älteste Klettergebiet Teneriffas führt uns Nick persönlich. Das ist auch gut so, denn im Gegensatz zu Arico ist die langgezogene Wand oberhalb der Ortschaft Las Vegas auf den ersten Blick etwas un­übersichtlich. Unseren zweiten Blick lenkt Nick dann gleich auf den Pastel de Chapas, den „Bohrhakenkuchen“, der mit 6a+ und bester Absicherung einen schmackhaften Einstieg ins Gebiet gewährt. Auch Living in Las Vegas (6a) entpuppt sich als großartige Wandkletterei, allerdings weniger löchrig als in Arico, sondern eher leistig und grobstrukturiert. Die meisten Felsen auf Teneriffa tendieren in diese Richtung: Der Basalt bietet oft Strukturen wie im Sandstein inklusive Risse aller Art. Ein Bohrhakenkuchen ist deshalb nicht in jeder Route anzutreffen: Sowohl in Las Vegas als auch in anderen Gebieten finden sich immer wieder einzelne Risslinien zum Selbstabsichern – Keile willkommen.

Fast wie Granit

Die Routen in der kleinen Schlucht von El Hoyo unterhalb von Villa de Arico sind so etwas wie der Gegenpol zu Arico. Der vom Wasser polierte Fels bietet kaum Löcher und klettert sich eher wie Granit. Risse und blockige Strukturen überwiegen, sauberes Stehen ist Pflicht. Der Fels ist aber bombenfest. Sicronicity (6a+) bringt einen gleich mitten ins Geschehen: Auf einen merkwürdig plattigen Einstieg folgt eine Gewusst-Wie-Crux an dem kleinen Überhang in Wandmitte. Richtig angesetzt kein Problem; falsch angesetzt treibt sie einen zur Verzweiflung.

Direkt gegenüber durchzieht ein feiner Riss eine Wand: King (6c) könnte so auch in den USA stehen, wäre dort aber nicht eingebohrt. Wir freuen uns an den Silberlingen, als wir uns über die schlecht klemmende Schlüsselstelle zittern. Kurzum: El Hoyo zeigt dem modernen Hallenmenschen gnadenlos auf, was er indoors alles nicht lernt. Hier kann er es nachholen.

Ein kleines Juwel

„Hier klettern wir nur eine Route“, erklärt Nick, als er uns am Abend noch den steilen Abstieg nach Las Bóvedas hinunterführt, „aber die ist es wert.“ Und wirklich: La Paella ist eine der schönsten 6a‘s Teneriffas. Auf einen steilen Einstieg an guten Löchern folgt ein kniffliger Schritt nach links, dann führen feine Leisten links und rechts des Risses in ausgesetzter Kletterei nach oben. „In einer Paella ist alles Mögliche drin“, hat Nick gemeint. Recht hat er.

Internationale Gesellschaft

El Rio ist nach Arico sicher das interessanteste Klettergebiet der Gegend. Das anfangs sehr offene Tal verengt sich nach oben zu einer schmalen Schlucht. Felsen hat es auf der ganzen Länge, und die Routen reichen von freundlichen Fünfern bis zur garstigen 8c. Wir reisen heute mit großem Gefolge an: Nick und Julia haben einen Tag mit den Locals organisiert. Da aber Teneriffa ein internationales Pflaster ist – rund 3,5 Millionen Touristen besuchen jährlich die Insel –, sind auch die Locals von überall her, aber nur selten von der Insel. Kleine Ausnahme: Marta Pardo ist gerade zwölf Jahre alt und 2008 bei den spanischen Meisterschaften Zweite bei den unter 16-Jährigen geworden. Mit nagelneuen Boreal-Schuhen an den großen Füßen steigt sie problemlos zum Warmmachen Zurrón del Gofio (6c+), eine brillante Wand- und Risskletterei, die fast alles bietet, was El Rio ausmacht: Sonne, besten Fels, Leisten und Risse, eine schöne Aussicht, gute Absicherung. Fast alles deshalb, weil die Route nur senkrecht ist. Im hinteren Teil der Schlucht folgen dann die wirklich steilen Routen.

Unter 7b+ ist hier nichts zu holen, und hier vergnügen sich Walter und Erich. Walter stammt aus Tirol, Erick aus Venezuela. Beide blieben wegen ihrer Kletterleidenschaft und des angenehm relaxten Klimas auf Teneriffa hängen. In der Schlucht treffen wir auf Stefan aus Schweden, der gerade mit Frau und Baby vier Wochen Kletterurlaub auf Teneriffa macht. In Schweden erschließt Stefan Eisklettereien in alten Minen. Kein Wunder, dass er immer wieder nach Teneriffa will zum Sonne tanken.

Fels mit Gipfelblick

Ein Klettertrip nach Teneriffa wäre ohne einen Ausflug in den Teide-Nationalpark mehr als unvollständig. Auf rund 2200 Metern liegen im großen Krater des Teide wie in einer Mondlandschaft verstreut Türme und Wände. Wir fühlen uns an manche Wüstengebiete in den USA erinnert.

Am zugänglichsten ist die Cañada del Capricho, die vom Besucherzentrum in einer knappen Viertelstunde zu Fuß erreichbar ist. Den Klotz des El Psiquiátrico scheint es direkt aus Idahos City of Rock hierher verschlagen zu haben: Der Fels klettert sich wie Granit, rau, an kleinen Leisten und Rissen. Geschenkt wird einem hier nichts, außer Freude, wenn eine Route wie La Via de Cesar (6c) sich weniger widerspenstig erweist als erwartet. Am Fraggel Rock zaubert uns dann Bobo (6a) ein Lächeln ins Gesicht: Wann hat man zuletzt einen derartig griffigen Überhang geklettert? Und dabei auf einen verschneiten Gipfel geschielt? Wahnsinn!

Zurück in Arico

Inzwischen hat der Pump in den Unterarmen etwas nachgelassen. Heftiges Schütteln hat sauerstoffreiches Blut nachströmen lassen. Dennoch habe ich größte Mühe, den steilen Rest der Route hochzuruhen. Frisch ist anders. Rotpunkt auch. Da der Rest der Woche uns durch alle anderen Gebiete der Insel führt, bleibt leider keine Zeit für einen zweiten Versuch. Da werden wir wohl wiederkommen müssen. Und darauf freuen wir uns jetzt schon.

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10.06.2009
Autor: Ralph Stöhr
© klettern
Ausgabe 4/2009