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Chalchschijen

Out of Space am Chalchschijen - Fortsetzung

... dann wurde es ernst: 2009 wurden sie fast von Lawinen aus der Wand gewaschen, doch schließlich gelingt dem Team um Jvan Tresch die Erstbegehung am Chalchschijen.

Aber die Geschichte geht ja noch weiter! Nach einer Zigarette im Stirnlampenlicht schlugen wir die Portaledges auf und übernachteten zum ers­ten Mal in der Wand. Am nächsten Tag meis­terte Jvan eine weitere Seillänge im überhängenden gelben Teil. Der Fels war abartig, teils Tropflöcher, teils Bienenwaben, teils bröselig.

Und es wurde noch steiler. Wieder im Vorstieg setzte ich gehemmt einen Haken. Der Fels war brutal brüchig. Viele Griffe lösten sich unter meinen Fingern richtiggehend in Staub auf – der blanke Horror! Ich kletterte über den Haken, legte einen miesen Friend hinter einen Block und belas­tete ihn. Zack! Der Block löste sich, fiel auf mich, ich hing im Seil und konnte nicht atmen – scheiße! Mein Arm schmerzte. Alles aufgeschürft und blutig. Feierabend!

In der Hitze des Gefechts hatten wir gar nicht mitbekommen, dass das Wetter umgeschlagen hatte. Es regnete. Schnell beschlossen wir, im strömenden Regen abzuseilen. Die Nacht unterm Biwakstein war kalt und nass. Einen Tag später schneite es.

„Was gibt’s zu essen?“ Unsere Geschichten scheinen Pascal nicht satt zu machen. Ich zähle die Menüs auf. Die Wahl fällt auf „Indian Curry Rice“. Lecker! Danach kriecht jeder in seine Ecke und versucht zu schlafen.

Bilder vom Chalchschijen Bigwall

Bigwall-Klettern am Chalchschijen
Foto: Robert Bösch
Bigwall-Klettern am Chalchschijen
Foto: Robert Bösch
Bigwall-Klettern am Chalchschijen
Foto: Robert Bösch
Bigwall-Klettern am Chalchschijen
Foto: Robert Bösch

Dann schlug das Wetter um

Schlafen kann ich noch nicht, aufgewühlt erinnere ich mich im Halbschlaf. 2009 fiel ich verletzungsbedingt aus, im Jahr darauf kehrten wir mit Dominik Angehrn und Zvonimir Pisonic als Fotografen zurück. Anfangs kamen wir gut voran, und ich konnte meine offene Rechnung mit der angefangenen Bruchlänge in Schlossermanier begleichen. Doch dann schlug das Wetter um. Tagelang harrten wir in den Portaledges aus, spielten Karten, rauchten und tranken Kaffee. In einer Woche schafften wir gerade mal drei Seillängen im Schutz der gewaltigen Überhänge.

Und es wurde immer kälter und ungemütlicher. Ende der Woche ein böses Erwachen: 35 Zentimeter Neuschnee. Der Berg wurde zum Pulverfass. Bald schossen die ersten Lawinen die Wand runter. Wir mussten hier raus, aber derzeit war es zu gefährlich. Die Schneemenge war immens. Dann die haarsträubende Abseilfahrt an halb gefrorenen Seilen. Allen war der Ernst der Lage bewusst und wir funktionierten perfekt als Team. Jvan riss sich eine Sehne an einem Finger, ansonsten überstanden wir diese gruseligen Stunden unbeschadet.

Immer mehr wird die Chalchschijen-Mission zum Nervenspiel...
Foto: Robert Bösch

Zwetschenschnaps im Kaffee

Mit schwitzigen Fingern und einem flauen Gefühl im Magen wache ich abrupt auf. Der prüfende Blick aus dem Portaledge beruhigt mich. Es ist eine traumhafte Mondnacht, keine einzige Wolke am Himmel und sternenklar. Dieses friedliche Gesicht der Wand gefällt mir deutlich besser. Beruhigt schlafe ich weiter. Das Schlafen in Portaledges ist unbeschreiblich, vor allem am Morgen beim Aufwachen mit den ersten Sonnenstrahlen: zuerst der betörende Ausblick, dann der saugende Tiefblick. Da vergisst man sogar schmerzende Glieder.

Nach Kaffee und „Special Porridge“ ist Zürcher Power gefragt. Das ist das Geniale zu Dritt. Ges­tern konnte sich Pascal etwas schonen, während Jvan und ich uns beim Haulen geschunden haben. Unser Camp liegt diesmal weiter oben, am Ende der elften Seillänge mit dem brüchigsten Teil unter uns. Pascal klettert an der Lippe des letzten gigantischen gelben Überhangs durch die graue Tropflochlandschaft der zwölften Seillänge, 400 Meter über dem Wandfuß. Jvan und ich jümarn nach. Vor uns Neuland aus genialem grauen Kalk. Pascal ist skeptisch. Von unten sieht man absolut keine Griffe. Er klettert so weit es geht, versucht Cliffs zu setzen und zieht die Bohrmaschine nach. Dieses Nervenspiel wiederholt sich, dazwischen immer wieder Stürze – Pascal braucht den ganzen Tag. So schwer hätten wir es nicht erwartet.

Zurück im frisch getauften „Air Camp“ kommen erste Zweifel auf. Wenn das so weiter geht, werden wir es kaum auf den Gipfel schaffen. Jvan und mir graust die Vorstellung einer weiteren Materialschlacht mit der Wand im nächsten Jahr. „Voll geil, aber sackschwer!“, meint Pascal und murmelt etwas von 8a. Deftig! Wir gießen einen Tropfen Zwetschgenschnaps in unseren Kaffee, reißen trockene Urner Sprüche und motivieren uns gegenseitig.

Der Morgen kommt früh, Jvan weckt mich. Das Morgenritual ist hastig, bald stehe ich zum Vorstieg bereit. Verloren in einem grauen Meer aus Fels suche ich nach dem rettenden Ufer. Ich schwimme, kraule und mache mehrere Tauchgänge. Ich lasse mich von meinem Instinkt leiten und erreiche schließlich das angesteuerte Risssystem. Definitiv die Schlüssellänge! Jvan klettert den Riss weiter, und kurz darauf stehen wir zusammen vor einem Problem: Links verliert sich unsere angepeilte Linie in einer absolut blanken Wand, keine Chance zum Freiklettern.

Wir entschließen uns für Plan B: Dem Risssystem weiter nach rechts folgen. Die Kletterei verläuft eigenartig stemmend, verklemmend, fügt sich aber wie ein Puzzle zusammen. Drei Seillängen später können wir es kaum glauben: Der Gipfel ist nur noch 100 Meter über leichte Gratkletterei entfernt. Der Gipfel … Die ganze Anspannung, die Ungewissheit, die Vorgeschichte, Freud und Leid lösen sich in diesem Moment auf. Wir haben Zeit, verweilen und genießen.

Happy End out of Space: Der Gipfelmoment entschädigt für all die Strapazen.
Foto: Robert Bösch

It’s party time!

It’s party time! Zurück im „Air Camp“ feiern wir unseren Erfolg. Heute ist in Zürich Streetparade, also machen wir hier oben Wallparade! Ausgelassen überlegen wir bereits, was wir mit der restlichen Zeit anstellen, bis der Fotograf Robert Bösch zu uns stoßen wird. Was wohl? Klettern! Paul, der Hüttenwart, und seine Gäste haben alles mitverfolgt und gratulieren uns herzlich. Das Wetter soll halten. Wir legen uns zu chilligem Sound schlafen, machen Witze und überlegen uns einen Namen. Abgespaced ist die Route, anders, weit draußen, jenseits: Out of Space!

Die nächsten Tage bouldern wir die neu eingerichteten Seillängen aus. Pascal, unser Ropegun, punktet seine Länge (8a) und sogar die Schlüssellänge (8a+). Die Zeit vergeht, und der Besuch von Robert Bösch rückt näher. Und auf einmal bricht Hektik aus. Entfernt ist Rotorenlärm zu hören, und kurz darauf fliegt uns die Heli Gotthard mit Röbi schon um die Ohren.

Der gute Vibe hält auch die letzten Tage an, als Röbi für eine weitere Fotosession zu uns heraufjümart. Am Abend packt er sogar Bier und Kuchen aus dem Rucksack. Morgen werden wir abseilen. Alle freuen sich, endlich wieder normal laufen zu können und das Geschäft nicht immer in schwindelerregender Höhe zu verrichten. Darauf stoßen wir an.

Acht Tage in der Wand, für Jvan und mich sind es sogar schon 14 über die vier Jahre verteilt. Zeit zu gehen. Am Wandfuß herrscht Erleichterung, aber wir wissen, dass das letzte Kapitel der Geschichte noch nicht geschrieben ist: die durchgehend freie Begehung der Route.

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© klettern : Ausgabe 02 + 03/2012

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