Chalchschijen

Out of Space am Chalchschijen


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Bigwall-Klettern am Chalchschijen
Foto: Robert Bösch

 

Bigwall-Klettern am Chalchschijen
Foto: Robert Bösch

 

Bigwall-Klettern am Chalchschijen
Foto: Robert Bösch

 

Bigwall-Klettern am Chalchschijen
Foto: Robert Bösch

 

Bigwall-Klettern am Chalchschijen
Foto: Robert Bösch
Vier Jahre lang war die Südostwand des Chalchschijen Schauplatz einer Material- und Nervenschlacht. Das Ergebnis: "Out of Space", eine Route von Jvan Tresch, Jürgen Bissig und Pascal Siegrist.

 

Bigwall-Klettern am Chalchschijen
Foto: Robert Bösch Der Kalk der Chalchschijen-Südostwand ist größtenteils sehr kompakt.

Endlich. Alle nötigen Bohrhaken um den Stand herum sind verbunden, das gesamte Material mit einem einigermaßen ordentlichen System aufgehängt, die Portaledges installiert. Noch ist es hell und wir lassen unsere Seele in den gediegenen Hängezelten wortwörtlich baumeln. Musik säuselt aus den Boxen. Jetzt wird erst mal Kaffee gemacht!

Wo sind die Foodsäcke!? Wenn etwas nicht sofort zu finden ist, wird gleich beim „Magaziner“ die Schuld gesucht – und das bin ich. Alle Esswaren und Kochutensilien habe ich schon vor Monaten portioniert, abgepackt und sogar beschriftet. Diese doch recht penible Vorbereitung kommt uns nun zugute. Fixfertige Kaffeemischung raus, Kocher an und den Blick in der Zwischenzeit über die unglaublich schöne, zugleich bizarre, aber immer mehr vertraute Umgebung schweifen lassen.

Wir können es kaum fassen, schon wieder hier oben zu sein. Das Jümarn an den Fixseilen und das Nachziehen der Bags und Portaledges war zwar kein Vergnügen, aber langsam haben wir den Dreh raus. Und nach dem Kaltstart am Morgen hat es dank der Flaschenzugtechnik gut geklappt. Ein zufriedenes Grinsen macht sich auf unseren Gesichtern breit, es ist einfach der Hammer! Hier oben musst du nichts, du darfst oder du willst. Unten das Rauschen des Bocktschingelbachs, gegenüber der Düssistock, die Hüfihütte und der alles abrundende Hüfigletscher. „Das Wasser kocht!“ Ahh, der Kaffee schmeckt hier oben irgendwie auch besser. Wir scherzen, erzählen Geschichten und lassen vergangene Versuche Revue passieren.

Erstbegehung am Chalchschijen

Keiner hätte gedacht, dass sich dieses Projekt so lange hinziehen wird. Bis zum Anschlag motiviert und besser vorbereitet denn je haben wir den Hüttenwart der Hüfihütte mit einem Funk ausgestattet, um uns mit Wetterprognosen zu versorgen. Bereits vor zwei Monaten haben Jvan Tresch und ich das ganze Material den mühsamen Weg zum Biwakstein geschleppt und in Fässern deponiert. Jedes Mal ein Riesenaufwand, denn der Zustieg folgt zuerst einem Wanderweg, dann in wilder Abgeschiedenheit steilen Fels- und Grasbändern, wo Stürzen nicht in Frage kommt. Nach vier bis sieben Stunden erreicht man den Biwakstein, „Camp No Go“, wie wir ihn ironisch nennen.

Diesen Platz habe ich 2008 bei meiner ersten Erkundungstour gefunden. Der einzige Ort hier oben, der etwas Schutz vor schlechtem Wetter und ebenen Boden bietet. Den Stein haben wir immer mehr ausgestattet und nach dem Absturz eines Armeehelikopters mit einem kleinen Bausatz an Wrackteilen geschmückt.

 

Bigwall-Klettern am Chalchschijen
Foto: Robert Bösch Bigwall-Style!

Steil, gelb, Bigwall style!

Die 600 Meter hohe, stark überhängende Südostwand des Chalchschijen kennt wahrscheinlich jeder Urner Kletterer. Dennoch hat sich bisher niemand ernsthaft an ihr versucht. Alle, so auch wir, waren vom riesigen Aufwand, der Abgeschiedenheit und der Ausgesetztheit eingeschüchtert. Eines Tages glaubte ich, beim Inspizieren der Wand von der Hüfihütte eine Linie entdeckt zu haben. Allein stieg ich über den Hüfigletscher zum Einstieg auf 2200 Meter, kletterte 25 Meter über glatte Platten hoch und hängte zur Markierung ein Seil in einen Bohrhaken. Danach kehrte ich mit ein paar Fotos zurück, zeigte sie Jvan, und ein paar Bier später war es beschlossene Sache.

Am nächsten Wochenende verirrten wir uns prompt im Nebel und schafften es geradeso zum Biwakstein. Am Morgen versuchten wir im Alpinstil so weit zu kommen, wie es geht … Es ging, aber zäh und nervenaufreibend. Der Fels war schlechter als erwartet. Zwar hatten wir mit Störzonen gerechnet, aber die Gletscherkur scheint diesem Wandteil nicht gut bekommen zu sein.

Die geplante Linie ging erstaunlich gut auf. Wir gaben alles, setzten nur die nötigsten Haken, sicherten so weit es ging mit mobilen Sicherungsmitteln und kamen schnell voran. Mit fünf Seillängen konnten wir zufrieden sein, aber der Blick nach oben war ernüchternd. Uns wurde klar, im Alpinstil ist diese Wand einfach nicht zu schaffen! Sie gliedert sich in vier Teile: plattig, senkrecht, überhängend und nochmals senkrecht. Der überhängende gelbe Teil der Wand bereitete uns ernsthaft Sorgen. So steil und gelb, das ließ nichts Gutes erahnen.

Ein neuer Plan musste her. Nur stabiles Wetter im Hochsommer kommt in Frage. Da es kein Biwakband gibt, sind Portaledges die einzige Möglichkeit, um länger in der Wand zu bleiben. Also Bigwall Style! Jvan hatte die Ausrüs­tung, fehlte nur der dritte Kletterer.

Flugstunden und Flüche

„Weißt du noch – der Pendler von Reto?“, fragt Jvan augenverdrehend und verteilt Schokolade zum Kaffee. Wir erzählen Pascal, unserer neuen Unterstützung aus Zürich, die Geschichte: Im August 2008 stiegen wir mit Reto Gasser nochmals ein. Er jümarte nach, während Jvan und ich den Haulbag, ein Double- und ein Singleportaledge hochzerrten. Die neu gewonnenen Seillängen waren senkrecht und anspruchsvoll. Meist selbst abzusichern, weite Runouts und extrem ausgesetzt. Die achte Seillänge ist ein gewagter Quergang in gutem, scharfem Fels. Sicher nichts für jedermann und für den Nachsteiger genauso herausfordernd. Alles schien zu klappen, doch vom letzten Keil zum Stand war ein ziemlicher Abstand. Als Reto den Keil beim Jümarn schräg belastete, brach er aus und Reto pendelte acht Meter unter uns durch.

Betretenes Schweigen, dann Rufe: „Hey Reto, alles klar!?“ Von unten waren Flüche zu hören. Unter uns fiel die Wand bodenlos ab, hier wird es jedem mulmig. Und zu allem Überfluss hängte sich sogar einer der Jümars aus den Seilen aus. Üble Sache! Der Name „Camp Sketchy“ war geboren.

12.03.2012
Autor: Jürgen Bissig
© klettern
Ausgabe 02 + 03/2012