Klettern in Wales

Auf der Insel hinter den grünen Hügeln

Wales, die kleine britische Schwester von England, ist ein Felsen-Paradies. Unzählige Gesteinsarten und massenhaft Küstenklippen locken Kletterer.

Ich traue meinen Augen nicht. Ein Sandwich auf die Schnelle wollte ich mir im Bioladen von Llanberis (sprich: Klanberis) holen, und wer steht hinter dem Tresen und fragt, welche Art von Salat ich gerne darauf hätte? Die Kletterlegende Johnny Dawes! Der als "Stone Monkey" berühmt gewordene vormalige Spitzenkletterer jobbt also als Sandwichmann. Ich habe Glück, wird mir gesagt, denn Johnny ist meinen Anweisungen (Ziegenkäse, Salat, Preiselbeersoße) gefolgt. Dies ist wohl nicht immer so: meistens nimmt er sich ein bisschen künstlerische Freiheit, und man weiß nie so recht, was für ein Sandwich man nachher in den Händen hält.

 

Comes the Derwish (E3 5c)
Foto: Jack Geldard Klettern im Schiefer: "Comes the Dervish" im Vivian Quarry.

Gestärkt bin ich, und jetzt geht es los in den „Vivian Quarry“, einen der Schiefer-Steinbrüche direkt oberhalb des Orts. Hier wartet Comes the Derwish (E3 5c), ein Klassiker, der meine noch junge Trad-Karriere krönen soll. Die Linie ist wahrlich eine "Linie": Ein senkrechter Riss führt durch eine ungefähr 35 Meter hohe glatte Platte, die nur von einem kleinen horizontalen überlappenden Mini-Dach auf zwei Dritteln der Strecke unterbrochen wird. Mein Kletterpartner drückt mir einen kleinen flachen Haken in die Hand. Ich wende das Ding hin und her, und er sagt: „A bit of a life-saver that thing. The first couple of meters are hard to protect. Could be useful to place that thing in the crack. (Eine Art Lebensretter, das Ding. Die ersten paar Meter sind schwer abzusichern. Könnte nützlich sein, um es im Riss zu platzieren.“) Also packe ich ihn zu dem ganzen anderen Gebrimsel an den Gurt und lege los. Ich, Leistenliebhaberin, in einem anspruchsvollen Riss. Die ersten paar Meter fühlen sich schon enorm anstrengend an, aber wer weiß, ich als Riss-Niete kann das vermutlich nicht beurteilen.

Vielleicht bin ich auch nur so gepumpt, weil immer erst der dritte Keil, den ich hervorfische, tatsächlich passt. Nach ein paar Metern klopfe ich mit einem Karabiner diesen seltsamen Haken in den Riss. Danach, endlich, ein Ruhepunkt. Ich verweile einige Minuten, bis meine Füße sich beschweren. Dankbar stelle ich fest, dass auch neben dem Riss noch kleine Strukturen auftauchen, kleine leistige Abbrüche, die mich durch den Mittelteil retten. Dann: ein weiter Zug. Ein Zug, bei dem ich die Dreipunktregel missachten muss, die ich für das selbstabgesicherte Klettern flugs wieder hervorgekramt hatte. Ich zögere. Atmen, schauen, ruhig bleiben. Langsam wird es mit den Express-Schlingen eng, vielleicht hätte ich da unten doch nicht jedes Placement nutzen sollen – ich bin erst auf der Hälfte. Ich rufe runter: „I'm a bit scared! (Ich fürchte mich ein bisschen!)“ Keine Antwort. Zögern. Mein Puls beruhigt sich. Da, was ist das? Ich spüre Nieselregen. Jetzt aber zackzack, wenn ich das Ding noch irgendwie hochkommen will. Im meinem Hinterkopf läuft der Gedankengang noch kurz weiter; Was ist eigentlich, wenn ich hier nicht hochkomme? Dann werde ich meine kunstvoll erstellte Sicherungskette wohl belasten müssen. Also, zusammenreißen! Ich mache den Zug, halb so wild, und lege noch etwas, bevor das Dach kommt...

Nachher bin ich mir nicht sicher, ob es das Sandwich vom "Stone Monkey" war oder der Kitzel des Selbstabsicherns, die diese Route zu einer unvergesslichen Erfahrung gemacht haben. Vielleicht beides. Hierzulande wenig bekannt ist indes, dass Nord-Wales von diesen noch unzählige bietet. Auf den nächsten Seiten präsentieren wir einen Überblick über die Klettereien von Nord-Wales.

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