Klettern in der Red River Gorge

Der beste Sandstein der USA?


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Klettern in der Red River Gorge, Kentucky, USA
Foto: Martin Schepers

 

Klettern in der Red River Gorge, Kentucky, USA
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Klettern in der Red River Gorge, Kentucky, USA
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Klettern in der Red River Gorge, Kentucky, USA
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Klettern in der Red River Gorge, Kentucky, USA
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Von Indian Creek und den Red Rocks abgesehen, bietet der Fels der Red River Gorge in Kentucky den vermutlich besten Sandstein der USA. Info und Bilder zum Klettern in der "Red".

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Der beste Sandstein der USA? Vielleicht Indian Creek mit seinen großen Wüstentürmen? Oder die Red Rocks bei Las Vegas. Alles richtig. Diese Gebiete bieten famosen Sandstein. Doch nirgends findet der "ganz normale" Sportkletterer eine derart große Auswahl an perfekten Routen wie in der Red River Gorge im US-Bundesstaat Kentucky. Eins muss man allerdings mitbringen: eine Menge Ausdauer.

Jede Route ein Laktat-Fest

Die Red River Gorge ist zwar ein Klettergebiet, dass von Europa aus nur sehr aufwendig zu erreichen ist, doch ich habe es so ins Herz geschlossen, dass ich immer wieder dorthin zurückkehre. Ich zähle die Red River Gorge mit Abstand zu den besten Sportklettergebieten der Welt.

Allerdings sollte man eher ein Ausdauerkletterer als ein maximalkräftiger Klettertyp sein, denn die Routen hier sind meist ein Laktat-Fest: steil bis extrem überhängend, lang und meist durchgehend mit mittelgroßen Griffen pumpen sie dir gnadenlos die Unterarme auf.

Der Sandstein ist fest und rau, so dass man den Routen die zahlreichen Begehungen nicht am Speck, sondern nur am massenhaft vorhandenen Chalk anmerkt. Da die meisten Wände so steil sind, hat auch der Regen so gut wie keine Chance, ihn wegzuwaschen.

Eine typische Begehung sieht so aus: Du kletterst 18 Meter in deinem Projekt, bis die Griffe etwas kleiner werden. Du stürzt, hängst kurz im Seil und kannst danach die Stelle problemlos klettern. Bei deinen nächs­ten beiden Durchstiegsversuchen geht es dir genau gleich. Immer wieder hängst du an der gleichen Stelle und nach einer kurzen Pause geht sie problemlos. Leider klappt sie nicht, wenn du von unten im Durchstieg dorthin kommst.

Es mangelt also nicht an der Klettertechnik oder an der Maximalkraft, sondern einzig an der Kraftausdauer. Diese baut sich gewöhnlich in einigen Tagen auf, bis du auch diese Route endlich (meist nach einem Ruhetag) abhaken kannst. Wenn du die gleiche Route nach einigen Tagen Einklettern an den Wänden der Red River Gorge noch einmal versuchst, durchsteigst du sie auf Anhieb und fragst dich, wo denn eigentlich die Schlüsselstelle war.

Wenn es soweit ist, hast du es geschafft! Du darfst die typische Red-River-Kraftausdauer dein eigen nennen, und vieles, was dir am Anfang gnadenlos schwer gefallen ist, geht fast wie von selbst. Du befindest dich im siebten Kletterhimmel und erlebst einen „Edelsteinmoment“ des Kletterns, wie ich diese ganz besonderen Augenblicke gerne nenne. Es läuft einfach!

Diese spezielle Kraft ist aber auch der Grund, warum viele Routen im Laufe der Jahre abgewertet wurden. Sie ist auch der Grund, warum man durch beharrliches Projektieren relativ schnell zum Erfolg kommt und seine Leistungsgrenze hier so genial nach oben verschieben kann. Zugegeben: klettertechnisch gibt es wesentlich anspruchsvollere Gebiete.

Video: US-Klettertalent Kai Lightner klettert "Southern Smoke" (5.14c) in der Red River Gorge




Miguel's Pizza und das Klettern in der Red River Gorge

Wie viele Traumgebiete hat auch die Red River Gorge einen Haken. Der National State Park liegt mitten im Osten der USA, und spektakuläre Landschaften, wie man sie von der Westküste kennt, sind hier nicht zu finden. Der größte Teil der Bevölkerung besteht aus Romney-Wählern und ist in der Freizeit damit beschäftigt, den Rasen rund ums Haus auf exakten 1,5 Inch zu halten. Wer kurzweilige Unterhaltung für die häufig benötigten Ruhetage sucht, wird enttäuscht.

Meist beschränken sich die Aktivitäten auf Wanderungen, die zwar sehr schön sind, die man aber auch im Pfälzer Wald unternehmen könnte. Wer damit klar kommt und die Chance auf die schönsten Klettertage seines Lebens nicht ungenutzt vorüberziehen lassen möchte, bucht einen Flug. In der Pferde­metropole Lexington wartet man, bis das Gepäckband den Rucksack ausspuckt, und fährt in gut einer Stunde ins Kletterparadies.

Jeder Klettertrip in „The Red“, wie die Sportkletterszene ihr Gebiet liebevoll nennt, fängt bei „Miguel's Pizza“ an. Miguel ist einer der wenigen echten Kletterszene-Treffpunkte auf der Welt, zu vergleichen mit Oma Eichler im Frankenjura. Ihre Geschichte ist sehr ähnlich: Aus der Möglichkeit, hinter dem Haus zu zelten, ist inzwischen eine große Biwakwiese mit Toiletten und Duschhaus geworden. In Miguels Pizzeria stehen keine Eimer mehr unter dem undichten Dach, wie es 1997 bei meinem ersten Besuch noch der Fall war.

Inzwischen hat Miguel an sieben Tagen die Woche geöffnet, und in seinem kleinen Kletterstore bekommt man weit mehr als die notwendigen Kleinigkeiten. Miguel Ventura und seine Familie arbeiten zwar viel, aber sie nehmen sich auch Zeit für eine Unterhaltung. Von seinem Sohn Dario erfährt man die Neuigkeiten der Szene, da er seit Jahren ambitioniert klettert und Routen erschließt.

Dass der Familie Ventura die Anliegen der Kletterer am Herzen liegen, zeigt sich auch daran, dass sie Land rund um einen Felsen gekauft haben, um so den Zugang weiterhin zu ermöglichen. Ach ja, die Pizza (besonders die mit Sweet Potatos) ist auch exzellent.

Klettern und gesperrete Felsen in der Red River Gorge

Miguel’s Pizza ist der Ausgangspunkt, dort entscheidet man sich, in welche Richtung es zum Klettern gehen soll. Dieser Aufteilung folgt auch der zweibändige Kletterführer, der gerade neu erschienen ist. Links geht es in die südlichen Gebiete wie Solar Collector, Dark Side sowie Motherlode, Chocolate Factory, The Gallery, Drive by, Bob Marley Crag und so fort.

Hier ist die größte Ansammlung von extrem schwierigen Routen zu finden. Am Bob Marley Crag befindet sich mit Southern Smoke Direct (5.14d), die 2012 von Adam Ondra geflasht wurde und ursprünglich mit 5.15a bewertet war, die derzeit härteste Route. Wer kann, sollte mindestens eine Route im Monstersektor Motherlode geklettert haben. Eine so beeindruckende Wand bekommt man nur sehr selten zu Gesicht oder noch besser unter die Finger.

Doch auch diejenigen, die es gerne etwas gemäßigter haben oder lieber Routen spulen, sind in den südlichen Gebieten bestens aufgehoben. Die Dichte an „Kinglines“ in allen Graden ist so hoch, dass ein Urlaub einfach nicht ausreicht, alle zu klettern. Ähnlich wie es Miguel mit seinem Landkauf getan hat, agiert auch die Red River Gorge Climbing Coalition, ein Zusammenschluss von Kletterern, der hier ebenfalls rund um die Felsen Land gekauft hat. Denn wegen der Ölgesellschaften, die in der Nähe der Felsen Förderrechte besitzen, gibt es durchaus Potenzial für Interessenskonflikte. Derzeit scheint man aber mit dem Ankauf der Klettergebiete auf eine beeindruckende und funktionierende Möglichkeit gestoßen zu sein, sich die Felsen für den Klettersport zu sichern.

Leider gibt es auch Beispiele, für die keine befriedigende Lösung gefunden werden konnte: Fotos vom zwei Meter großen, kreisrunden Loch der Route Mississippi Moon an der Pocket Wall trugen in den 90er-Jahren dazu bei, die Schlucht bekannt zu machen. Heute ist der Sektor gesperrt.

Torrent Fall wurde privat aufgekauft und hat so strenge Zugangsregeln, dass kaum eine Chance besteht hier zu klettern. Einer der wichtigsten Sportklettersektoren, Roadside, wurde von mehreren Kletterern gekauft. Leider haben sich viele Besucher nicht an die gewünschten Spielregeln gehalten, so dass man dieses Gebiet derzeit nur noch mit einem Führer besuchen kann. Doch dies sind aktuell die einzigen Sperrungen.

Muir Valley - ein privates Klettergebiet

Einige Meilen vor diesen Gebieten befindet sich in einem Seitental das Muir Valley. Dieses liebliche Stück Natur ist erst vor einigen Jahren fürs Klettern entdeckt worden. Rick und Liz Weber, selbst aktive Kletterer, haben das Gebiet gekauft und kümmern sich seitdem um die Erschließung, um das Anlegen von Wegen und vieles mehr. Sie finanzieren ihren Einsatz ausschließlich über freiwillige Spenden und möchten das solange wie möglich beibehalten. Laut Rick spenden die Kletterer im Schnitt 30 Cent pro Besuch. 90 Prozent der angefallenen Kosten haben die Webers bisher selbst aufgebracht.

Dank des Eifers von Rick und Liz hat sich das Muir Valley zu einem der wichtigsten Spots des Gebiets entwickelt. Man parkt oberhalb des Tals und läuft in 10 bis 15 Minuten hinunter. Dort angekommen, hat man je nach Geschmack Auswahl von ganz, ganz einfachen Touren wie an der Practice Wall oder der Bruise Brother Wall über die Traumtouren am Solarium bis hin zu den härteren Routen am Midnight Surf.

Die Erschließung ist noch nicht abgeschlossen, und Rick hat mir verraten, dass er und seine Freunde gerade einen neuen Fels mit Routen im Bereich 5.12 bis 5.13 erschließen. Wer Ambitionen auf eine Neutour im Muir Valley hat, sollte mit Rick sprechen. Er möchte, dass ein paar Dinge bezüglich der Haken beachtet werden, ist ansonsten aber sehr aufgeschlossen und freut sich über jede Unterstützung.

Tradklettern in der Red River Gorge

Folgt man von Miguel‘s Pizza der Straße nach rechts, erreicht man über Slade und den Nadatunnel die Gebiete, die nördlich des Mountain Parkhighway liegen. In diesen Gebieten sind an vielen Massiven sogenannte Tradrouten (Routen zum selbst Absichern) zu finden. Die durchaus attraktiven Risse und Verschneidungen machen zwar Lust, mal ein paar Friends und Keile zu versenken, doch wir haben bei unseren Reisen lediglich Expressen ins Gepäck geworfen und uns aufs Hakenklippen konzentriert.

Wie bereits erwähnt, die Linien sehen größtenteils wirklich gut aus. Es ist außerdem schön anzusehen, wie gut die Existenz von beiden Kletterstilen nebeneinander funktioniert. Wer bei einer Begehung von The Underling (5.9) an der Eastern Sky Bridge Ridge zuschauen darf, bekommt ein sehr kurzweiliges Unterhaltungsprogramm geboten. Hier zwängen sich die Aspiranten teilweise kopf­über durch einen Durchschlupf im Fels! Zum Glück gibt es in unmittelbarer Nähe die bestens abgesicherte Fünfsterne-Route King me (5.11b), von der aus man sich die anbahnenden Dramen in The Underling anschauen kann.

Mit Military Wall, Left Flank oder Funk Rock City sind in den nördlichen und östlichen Gebieten von „The Gorge“, wie viele Tradclimber ihr Gebiet nennen, auch echte Sportkletterperlen zu finden, die bereits für mehrere Tage oder Wochen Aufenthalt reichen. Auch viele der Tradfelsen weisen immer wieder fantastische Sportkletterlinien auf.

Es handelt sich um ein echtes Luxusproblem, dass man diese Felsen nicht so oft aufsucht, da die Auswahl an den anderen Felsen bereits unglaublich vielfältig ist. Einen Zwischenstopp muss jedoch jeder einmal an der Phantasia Wall machen, um die Route Twinkie zu klettern. Nach einer anspruchsvollen Einstiegsplatte wird die Route zur wahrscheinlich steilsten Route im Grad 5.12a weltweit.

So könnte ich nun Sektor für Sektor von den Traumrouten der Red River Gorge schwärmen, doch das wäre wie über eine blühende Sommerwiese zu schreiben, anstatt selbst über sie zu gehen. In der Gorge vergehen die Tage zwischen Klettergier, Edelsteinmomenten und der Sehnsucht, dem Körper endlich mal mehrere Ruhetage am Stück zu gönnen, bis das Auto endlich voll beladen wieder Richtung Flughafen steuert.

Zum letzten Mal fahren wir durch das Tal an der genialen Kante mit dem passenden Namen No place like home (5.11c) am Sektor Lady Slipper vorbei. Diese fotogene Route ist eine der wenigen, die man von der Straße aus sieht, und ich erinnere mich, wie schön es war, den ausgesetzten Umlenker zu clippen. Wir verabschieden uns von Miguel, und ich frage mich, wann ich ihn das nächste Mal sehen werde – und wie ich meine unglaubliche Red River Kraftausdauer bis zum nächs­ten Besuch am besten konservieren kann.


Inhaltsverzeichnis

16.05.2014
Autor: Martin Schepers
© klettern
Ausgabe 05/2013