Bouldern in Petrohrad

Die besten böhmischen Knödel

In Tschechien kann man nicht nur fett essen, sondern auch fett bouldern. Rund 3000 Linien tischen die runden Granitblöcke von Petrohrad auf – genug, damit der kleine Ort nördlich von Pilsen für Boulderer kein böhmisches Dorf sein sollte.

Zugegeben, die Gebiete sind nicht immer leicht zu finden. Und Zecken gibt es auch. Doch wer sich damit abfindet, den erwarten Granit-Juwelen der besonderen Art im Wald von Petrohrad. Kleine weiße Pfeile markieren die Linien, bei Sitz- oder Hockstarts ist die Höhe der zulässigen Startgriffe durch einen Balken unter den Pfeilen definiert. Schnell schnappen wir uns Kletterschuhe, Chalk und Bürsten und bringen die Crashpads in Position. Eine halbe Stunde zuvor hätten wir uns nicht vorstellen können, dass uns in dieser unscheinbaren Gegend echte Boulderfreuden erwarten sollten.

Von der Psychiatrie zum Friedhof

Die Locals Jiri, Pavlina und Andrew zeigen uns Petrohrad: los ging es mit dem Sektor "Hrbi-tovní Kameny". Erst fahren wir an der psychiatrischen Anstalt des Ortes vorbei, dann parken wir am Friedhof - doch unsere Verwunderung ist schnell verflogen, der Granit der Blöcke ist erstklassig und unwiderstehlich. Die Reibung der Petrohrader Felsen ist sehr hoch, das können wir schon nach den ersten Warm-ups bestätigen. Trotz des schwülen Wetters schmiert der Fels kaum. Kehrseite des harten und sehr rauen Granits ist, dass die Haut an den Fingerkuppen hier kaum mehr als zwei Bouldertage am Stück halten dürfte.

Böhmischer Blockreichtum

Auf dem Weg nach "Pod Hradem", einem der größeren Sektoren, deutet Jiri an einer höheren Wand auf einige Haken und beginnt, von der vertikalen Erschließung der Gegend zu erzählen. Geklettert wird in Petrohrad schon seit den Siebzigern, damals vor allem an den höheren Felsen von "Mal Josemit". Zum Bouldern wurden die Blöcke aber erst Ende der neunziger Jahre entdeckt.

Inzwischen existieren in den Sektoren rund um Petrohrad etwa 3000 Boulder-Probleme: Von vielen leichten, oft plattigen Bouldern bis zum 8b-Highball-Hammer ist alles geboten. Die Knödelform vieler Blöcke bedingt, dass die Kletterei im unteren Teil der Boulder oft stark überhängt und an kleinen Leisten stattfindet. An den Ausstiegen wird‘s dann flacher, aber auch runder – es darf geslopert und gemantelt werden. Das einzige, was fehlt, sind großgriffige Dächer à la Hueco Tanks. Dass den hiesigen Boulderern die Probleme ausgehen könnten, steht nicht zu befürchten: Längs unseres Weges warten unzählige Granit-Eier darauf, entgrünt zu werden.

Auch für Erstbegeher ist das böhmische Gebiet also eine lohnende Adresse, erschließungsfreudige Gäste sind gern gesehen (Neue Boulder bitte an den Haupterschließer Petr Resch schicken. Wer nur Züge konsumieren möchte, ist aber ebenfalls willkommen. Denn: Je mehr Crashpads durchs Gestrüpp getragen werden, desto einfacher sind die Wege zu begehen, und häufigeres Beklettern verhindert, dass das Moos geputzte Probleme zurückerobert. Angesichts des riesigen Potenzials ist zu viel Trubel ohnehin unwahrscheinlich.
Nur einmal im Jahr wird es voll im Wald von Petrohrad: An einem Sommerwochenende steigt alljährlich das tschechische Pendant zum Melloblocco, das PADani. Da wird gebouldert, geputzt und gefeiert. Die ideale Zeit, um Petrohrad einen Besuch abzustatten, ist aber im Spätherbst, Frühjahr oder an schönen Wintertagen. Dann sind die Bäume nicht belaubt, die Wege besser gangbar, die Zecken zurückhaltender und die Orientierung für Ortsunkundige ist leichter. Und der ohnehin schon phantastische Grip des Granits noch besser.

Vom Regen in die Kneipe

Unsere Boulderfreude wird von einem kurzen Gewitter unterbrochen. Schade, die Blöcke sind klatschnass und werden heute nicht mehr trocken werden, auch wenn unser Local meint, dass die Felsen hier sehr schnell abtrocknen. Dafür will unser er uns noch "Brana" zeigen. Nein, mit böhmischem Buddhismus hat das nichts zu tun, mit tschechischer Klettermode ebensowenig. So lautet schlicht der Name eines weiteren Sektors. Nach fünf Minuten Autofahrt schlagen wir uns wieder in die Büsche. Schon nach wenigen Schritten bemerken wir, dass der Boden staubtrocken ist. Das Gewitter ist hier gar nicht vorbeigekommen. Umso besser! Wir schultern die Crashpads, und als wir bei einer Ansammlung von interessanten Blöcken ankommen, greifen wir nochmal zu.
Als es zu dämmern beginnt, fahren wir gemeinsam nach Jesenice, und überzeugen uns von der Güte der tschechischen Küche und des unweit in Pilsen beheimateten Urquells.

Am nächsten Morgen hat sich das Wetter leider verschlechtert. Schade, schade, wir hatten uns richtig darauf gefreut, uns noch einmal an den Petrohrader Blöcken die Finger lang ziehen zu können. Dann wohl beim nächsten Mal - und dickere Haut bringen wir dann auch mit.

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03.03.2010
Autor: Steffen Kern und Felix Forsbach
© klettern
Ausgabe 11/2005