Bouldern in Albanien

Mitten in Europa und doch Neuland

Bouldern in Albanien
Foto: Gentsch
Die Kalkblöcke in den Tälern von Albanien kennen noch kein Chalk. Die Täler von Theti warten auf Boulderer, die unberührte Landschaften und frische Linien schätzen.

 

Frische Blöcke in Albanien

Die Täler um Thethi wirken wie aus einer anderen Zeit. Ich bin im Auftrag der GTZ (Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit) hier im Norden von Albanien, "nachhaltiger Tourismus" steht auf dem Programm. Ich erforsche also die Gegend für zukünftige Reisende.

Ich bin nicht der erste, der hier Bergsport-Potenzial verortet, aber der erste, der Boulder putzt. Mein Ausgangspunkt ist das Dorf Thethi, über dem auch die 800-Meter-Wand des Arapi als Abschluss des Shala-Tals thront.

Der Morgen nach meiner Ankunft verspricht gutes Wetter, und so beschließe ich, die entferntesten Areale zuerst in Augenschein zu nehmen. Der Abschnitt des Tals zwischen Thethi und dem Ortsteil Nderlysa scheint mir die meisten Blöcke zu bieten. So wandere ich mit Crashpad los. Begleitet werde ich von Roza, die mehrsprachig ist und für Besucher Unterkünfte, Transport und Co. organisieren kann. Der Wanderweg durchs Tal umgeht den Canyon des Shala Flusses und am unteren Talabschnitt findet man bald die ersten Blöcke links am Hang sowie am Flussufer.

Nach einer knappen Stunde befinden wir uns dann schon beim Aufstieg in einer Rinne östlich oberhalb von Nderlysa. Das Panorama ist fantastisch, ich bouldere oberhalb des Dorfes, umgeben von steilen Bergflanken. Ab den mittleren Graden aufwärts würde das Potenzial mindestens einen Tag füllen und trotz der Lage am Hang reichen meist ein bis zwei Matten für eine sichere Landung. Von Dach bis Reibung gibt‘s alles. Da ich weder mit Spottern noch mit adäquater medizinischer Versorgung rechnen kann, bin ich vorsichtig.

Im Anschluss wandern wir Richtung Dorf, wo es dank Rozas Bekanntschaften einen Kaffee gibt. Der kräftige Mokka belebt die müden Glieder. Ausgeruht beschließen wir, das nordöstliche Seitental mit der Siedlung Kaprea nach weiteren Bouldern zu erkunden. Der Weg führt an einem Bach entlang, der kurz hinter dem Ort sich durch eine Schicht roten Marmors gespült hat. Je nach Wasserstand kann man hier in Gumpen baden oder man bewundert einfach nur die von tosendem Wasser umgebenen bizarr ausgewaschenen Formen.

Bevor der Weg den Bach verlässt, sehe ich am Ufer noch ein paar Blöcke. Wir folgen dem Weg oberhalb einer Schlucht zum „Blauen Auge“, einem runden Pool im Bach, der von einem Wasserfall gespeist wird. Nicht nur die Farbe passt, auch sieht ein dunkler Stein in der Mitte wie eine Pupille aus. Auch wenn hier keine Boulder zu finden sind, ist es doch ein sehenswertes Ziel ebenso wie der oberhalb gelegene Talboden.

Für den Rückweg nach Thethi wählten wir die Schotterpiste, denn dort war oberhalb des Weges noch einiges zu erwarten. Auf einer Terrasse gleich am Weg reckt sich ein Kalksporn gen Himmel. Seine überhängende Seite bietet einen genialen Sitzstart. Leider zu schwierig für mich, es wird ein Hockstartversuch und schließlich doch nur ein Stehstart. Naja, ich werde wiederkommen! Immerhin entdecke ich noch ein paar schattige Boulder im Wald nahe der Straße.

 

Unberührte Landschaften und frische Linien warten in Albanien.

Am nächsten Tag folge ich wieder dem Weg hinab in die Gegend unterhalb des Canyons. Erstes Ziel ist eine ausgespülte große Rinne mit reichlich Bouldern, die vom Wanderweg gequert wird. Der Fels ist hier nicht nur sehr kompakt und fest, sondern auch meist absolut sauber. Zudem finden sich hier wohl die meisten Probleme innerhalb eines Sektors. Los geht‘s im oberen Teil mit einigen recht ansprechenden Problemen im sechsten Fontainebleau-Grad.

Ich bouldere von Block zu Block und suche mir nur die schönsten Linien aus. Mit zunehmendem Sonnenstand sinkt allerdings die Leistungskurve. Als die Sonne irgendwann richtig heftig brennt, gibt es nur noch einen rettenden Gedanken: zum Fluss! Das Wasser ist glasklar. Heute ist der Wasserstand niedrig, man kann entspannt zur anderen Seite gelangen, wo auch noch einige Boulder warten.

Direkt in der Nähe des Dorfes, in Sichtweite des Blutracheturmes (keine Panik, ist heute Museum, umgeben von Campinggelände), liegen auf recht ebenen Wiesenterrassen auch noch einige Blöcke. Es sind nicht allzu viele, für ein paar Stunden kann man sich aber beschäftigen. Auch braucht man von den meisten Gästehäusern nur wenige Minuten bis hierhin.

Satt geklettert gönne ich mir erst mal Kaffee in der Sonne vorm Haus. Danach wate ich durch den Fluss und erreiche zwei recht interessante Blöcke mit steilen Kanten. Die eine gelingt ohne Putzen, die andere ist recht hoch, die Landung würde noch ein paar Crashpads vertragen. Schade! Doch nach kurzer Suche finde ich im Wald noch ein ansprechendes Problem. Wenig später hänge ich an einem heiklen Ausstieg in etwa drei Metern Höhe und versuche, die aufkommende Panik zu unterdrücken. Es gelingt. Jetzt reicht‘s für heute!

Auf dem Rückweg kühle ich meine weichen Knie im Bach. Abends gibt es Maisfladenbrot, frischen Joghurt, Käse und alles, was der Garten hergibt. Und ein Raki ist natürlich auch immer zur Hand.

Unter www.geoquest-verlag.de findet sich ein ausführlicher Bericht zur Arapi-Besteigung, Sportklettermöglichkeiten und Topos für Albanien

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20.05.2011
Autor: Ralf Gentsch
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