Rissklettern in Italien

Cadarese: Rissklettern im Granit - mit und ohne Bohrhaken


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Rissklettern in Cadarese
Foto: Silvan Schüpbach

 

Rissklettern in Cadarese - Crack climbing Italian Granite
Foto: Silvan Schüpbach / Vera Reist

 

Rissklettern in Cadarese - Crack climbing Italian Granite
Foto: Silvan Schüpbach / Simon Spori

 

Rissklettern in Cadarese - Crack climbing Italian Granite
Foto: Silvan Schüpbach

 

Rissklettern in Cadarese - Crack climbing Italian Granite
Foto: Silvan Schüpbach
Rissklettern ist ein spezielles Vergnügen. Im Norden Italiens lockt das Granit-Klettergebiet Cadarese mit seinen schmucken Linien. Eine Gebietsvorstellung.

Rissklettern ist speziell. Es erfordert Spezialisierung. So viel, dass nach einigen Monaten Rissklettern in den USA alle 'normale' Kletterkraft weg war. Es mussten wieder Risse her. So kam ich im Frühling 2011 zum ersten Mal ins norditalienische Formazzatal. Sofort war mir das riesige Potenzial aufgefallen. Im Kletterrausch wiederholte ich Linie für Linie. Bereits bei meinem zweiten Besuch hatte ich auch ein Bürstenset dabei. So konnte ich einige hübsche Risse putzen und erstbegehen. Dabei fiel mir auf, wie sehr sich Cadarese für den Einstieg ins Rissklettern eignet. Daher fragte ich die Locals, ob es in Ordnung wäre, wenn ich das Gebiet publizieren würde. „Kein Problem, nur zu. Du bist ja selber schon Local“, war die Antwort. Erfreulich, wie nett die Kletterer hier sind.

Das Klettergebiet liegt schattig im Wald. Verteilt auf mehrere Sektoren reiht sich Riss an Riss. Von fingerbreit bis Kamin gibt es jede Größe. Speziell ist auch, dass manche Routen eingebohrt sind, manche nicht. So kann sich hier jeder seine Herausforderung suchen. Für den Trad-Einsteiger ist es durchaus beruhigend, eine eingebohrte Route mit Friends zu klettern. Um Vertrauen in die Klemmgeräte zu bekommen, kommt man nicht umhin, diese auch mal mit einem „Übungssturz“ zu testen. Gut, wenn dann ein Bolt als Backup da ist.

Cadarese eignet sich für den Einstieg ins Tradklettern und für den Einstieg ins Rissklettern.

Wie klettert man Risse?

Rissklettern ist hauptsächlich Technik, und Cadarese ist der Ort, um diese zu lernen. Die Schwierigkeit hängt oft weniger vom Grad als von der Rissbreite ab. Die eleganten Fingerrisse sind vor allem etwas für Kletterer mit starken Unterarmen. Die etwas breiteren Handrisse versprechen einen entspannten und genüsslichen Aufstieg (ein wenig Knowhow im Handklemmen vorausgesetzt). Meine persönlichen Favoriten sind jedoch die Offwidth-Risse: Zu breit, um mit einer Hand zu klemmen, kommt hier eine Vielzahl an Techniken ins Spiel, die viele europäischen Kletterer gar nicht kennen (die Briten vielleicht). Umso befriedigender ist es, eine solche Linie mehr oder weniger elegant gemeistert zu haben, denn muskulöse Arme sind meist nicht gefragt – mangelnde Technik kann nur schwer mit Kraft kompensiert werden.

Die meisten Routen lassen sich mit einem doppelten Satz Friends und einem Satz Keilen gut absichern. Die Standardgrößen sind finger- bis faustdick. Ganz große und ganz kleine Friends braucht man für gewisse Linien ebenfalls. Infos zu den benötigten Klemmgeräten gibt es im auf der nächsten Seite und im Topo. Werden bestimmte Größen mehrfach benötigt, bewährt es sich, mit anderen Kletterern zu tauschen oder zusammenzulegen. Für Einsteiger ist ein Handrücken-Tape von Vorteil, um Abschürfungen vorzubeugen. Tipp: Ein, zwei Nummern zu große Kletterschuhe klemmen besser und schmerzen weniger.

 

Rissklettern in Cadarese - Crack climbing Italian Granite
Foto: Silvan Schüpbach / Riky Felderer Matteo della Bordella klettert// The green rat// (7b+) in Cadarese.

Clean climbing im Granit

Die meisten Besucher klettern im zentralen Sektor. Hier liegen die Risse eng beieinander, und es wird eher gepiazt als geklemmt. Auch die vielen Bohrhaken tragen zur Beliebtheit des Sektors bei. Etwas rechts an erhöhter Stelle wartet der Crack a gogo (6c+), ein wahres Testpiece im Rissklettern: Nach einem Start mit guten Handklemmern verengt sich der Riss auf Fingerbreite. Am Schluss lauern noch ein paar Stemmzüge auf die Begeher. Im obersten Sektor gibt es viele steile, mehrheitlich eingebohrte Linien. Ganz rechts befindet sich das Prunkstück des Gebiets, die 35 Meter lange Linie The Doors (8a+). Boltfreie Fingerriss-Kletterei vom Feinsten. In Fessura Fallica (6b+) können erste Erfahrungen in der Materie „Big Hand“ gemacht werden.

Ganz rechts liegt der Sektor Crack Party. Hier sind alle Routen clean zu klettern, und der Fels hat die beste Qualität. La Freccia (6b+) und Mission Gin Lemon (6b+) sind die beliebtesten Routen. Bookcake (7c+) ist eine der schrägsten Routen im Gebiet: Eine große, schluchtartige Verschneidung verlangt Kamin- und Piaztechnik. Am meisten gepumpt werden dabei die Oberschenkel. Im untersten Sektor gibt es mehrheitlich geboltete Routen. Abgesehen von einem Rissdach ganz rechts und einem Fingerriss ist hier alles Wandkletterei. Es gibt auch einige hübsche „normale“ Sportklettergebiete im Tal (siehe Führer von Versante Sud: 'Ossola e Valsesia').

Und wenn die Hände zu arg geschunden sind, erholt man sich wunderbar im Thermalbad Terme di Premia, es liegt direkt gegenüber dem Parkplatz in Cadarese. In Baceno, aber auch in einem der vielen anderen hübschen Dörfern gibt es gutes Essen zu sensationellen Preisen. Also dann, bis demnächst im kleinen Rissparadies Cadarese.

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Inhaltsverzeichnis

18.10.2012
Autor: Silvan Schüpbach
© klettern
Ausgabe 05/2012