Mehrseillängen klettern bei Arco (Bilder & Info)

Lange Routen im Sarcatal


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Mehrseillängen Klettern am Gardasee Sarcatal
Foto: Archiv Heinz Grill

 

Alpines Sportklettern im Sarcatal am Gardasee
Foto: Archiv Franz Heiß

 

Alpines Sportklettern im Sarcatal am Gardasee
Foto: Archiv Franz Heiß

 

Alpines Sportklettern im Sarcatal am Gardasee
Foto: Archiv Franz Heiß

 

Alpines Sportklettern im Sarcatal am Gardasee
Foto: Archiv Franz Heiß
Wer Mehrseillängen klettern will, braucht gutes Wetter. Kein Problem am Gardasee: Unzählige alpine Neutouren machen das Sarcatal zur ersten Wahl.

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Vor mir ein Berg von Klettertopos, dahinter flimmert der Wetterbericht über den Bildschirm. Nein, nicht schon wieder! Das dritte Jahr in Folge regnet es Heni und mich aus dem Wilden Kaiser, bevor wir überhaupt die Hinfahrt angetreten haben. Seit Wochen hatten wir geplant und diverse Routen herausgesucht, die uns beiden etwas bieten sollten. Nach Routen mit Erlebnischarakter und ein bisschen Abenteuer stand uns der Sinn.

Keine leichte Aufgabe, da die Definition von Abenteuer bei uns beiden sehr verschieden ausfällt – zu unterschiedlich die Zahl der Kletterjahre und der damit verbundene Erfahrungsschatz. Meine alpinen Skills aufzupolieren, sollte meine Herausforderung werden: als Vorsteiger an der Wegfindung zu verzweifeln, weit über der letzten Sicherung nach einer Ritze zu suchen, die einen Friend schlucken könnte, und dabei zu zittern und zu fluchen.

In jeder Route eine oder mehrere Seillängen am Limit absolvieren zu müssen, dabei mehr Klettermeter pro Tag zu machen als je zuvor und Schlüsselzüge in mehreren hundert Metern Höhe durchzuziehen, das sollte Henis Abenteuer werden. Aber wie schon die beiden Jahre zuvor lässt der Wetterbericht keinen Zweifel aufkommen: kein Kaiser. „Dolomiten?“, fragt Heni. „Auch nicht.“ „Schweiz?“ „No!“ „Also wieder Arco?“ „Sieht ganz danach aus“, entgegne ich.

Schon wieder Arco

Wieder soll also das Sarcatal die Notlösung für die „echten“ Berge werden. Wobei, was heißt Notlösung? Zuletzt hatten wir dort zweimal eine grandiose Zeit verbracht und eine ganze Reihe toller alpiner Routen geklettert. Als wir vor zwei Jahren vor dem gleichen Problem gestanden, waren mir in Sachen alpines Klettern in Arco nur der Colodri und die Sonnenplatten eingefallen. Doch die Routen an der Colodri-Ostwand stehen seit eh und je in dem Ruf, speckig, schwierig und ordentlich exponiert zu sein. Die Sonnenplatten hingegen sollen immer voll und – nomen est omen – extrem sonnig und heiß sein. Nach einigem Recherchieren hatten wir dann immerhin eine Handvoll Routen abseits dieser beiden Wände gefunden, die unseren Ansprüchen zu genügen schienen.

Eine gewisse Skepsis begleitete uns aber doch auf der Fahrt ins Sarcatal. Als erste Route kletterten wir die Aspenttando Martino (5a). Gut mit Bohrhaken ausgestattet zieht sie als leichteste Linie an der Rupe Secca in sechs Seillängen empor. Insbesondere die letzten drei Längen erwiesen sich mit einer 25-Meter-Rissverschneidung und einer tollen Querung auf einer löchrigen Platte als traumhafte Kletterei. Vom Ausstieg quert man zum Colodri-Klettersteig, der einen schnell zu Eis, Cappuccino oder Pizza in die Gassen von Arco hinab führt. Dolce vita statt kniemordender Hüttenabstiege – auch nicht schlecht!

Der nächste Klettertag verlief dann eher enttäuschend. Die Orizzonti Dolomitici (5a, 10 SL) an der Parete di Limaró über Sarche bot wenig Highlights, dafür viel Schrofen, Geröll und Menschen. Unsere Rechnung, in der etwas weiter von Arco entfernten Wand wenig Betrieb vorzufinden, war nicht aufgegangen. Die Parete San Paolo ragt dagegen direkt über Arco empor. Zuvor hatte ich nie Notiz von der neben dem imposanten Colodri etwas unscheinbar wirkenden Wand genommen.

Auf den zweiten Blick und mit einigen Topos in der Hand wurde mir aber klar, dass auch diese Wand guten Fels und Platz für viele Routen bietet. Besonders hatte es mir die Beschreibung der Via Helena (5c, 8 SL) und ihres „großgriffigen Überhangs“ in der vierten Seillänge angetan. Doch so sehr mich diese beiden Worte begeisterten, so sehr schreckten sie Heni ab.

Kletterei, Erlebnis und einer Prise Abenteuer

Einige Tage später konnte ich sie dann doch überreden, diese Route zu probieren. Zu Beginn galt es, einen kleinen, steilen Vorbau zu überwinden. Dies erwies sich schon schwieriger als gedacht. Keine Technik, sondern pure Kraft löste das Problem. „Oh je“, dachte ich, als ich den ersten Ring ausfindig gemacht hatte. „Dort jetzt noch auf dem schmalen Band hinübereiern?“ Zum Glück hatte ich entgegen der Empfehlung im Topo einige Friends am Gurt und versenkte gleich einen. Meine psychische Stabilität verbesserte sich schlagartig. Nach einer wackeligen Querung ging es nur mit einem geschlagenen Haken gesichert einen Riss hinauf. Zeit für noch einen Friend.

„Das geht ja gut los“, dachte ich grimmig am ersten Stand angekommen, „und für Heni ist das doch viel zu kräftig.“ Falsch gedacht. Ich kam kaum mit dem Seil einziehen hinterher, während sie über den Einstiegsüberhang tanzte, und kurze Zeit später stand sie schon neben mir. „Und, sollen wir weiter?“, fragte ich zweifelnd. „Klar, war doch eine nette Länge“, entgegnete Heni. Die nächsten Seillängen führten uns über diffizile, meist mit Sanduhrschlingen gesicherte Platten und bescherten uns reichlich von der erhofften Mischung aus schöner Kletterei, Erlebnis und einer Prise Abenteuer.

Der „großgriffige Überhang“ entpuppte sich dann wirklich als grandioser Höhepunkt der Route. Auch für weniger geübte Überhangkletterer ist die Passage dank der riesigen Griffe gut machbar. Auch die weiteren Seillängen begeisterten uns mit schöner, abwechslungsreicher Kletterei in kompaktem Fels. Auf 215 Meter Kletterstrecke vereint die Via Helena perfekt ein wenig alpines Abenteuer mit tollen Sportkletterlängen.

Die besten Routen von Arco?

In den folgenden Tagen zog es uns immer wieder an die Parete San Paolo, wo wir eine schöne Route nach der anderen kletterten. Dabei fielen uns drei Dinge beim Topostudium auf: zum einen der Name Heinz Grill, der als Erschließer vieler Routen an dieser Wand genannt wird. Zum zweiten seine meist der griechischen Mythologie entnommenen Routennamen und die – ich will es mal vorsichtig ausdrücken – ungewöhnlichen Routenbeschreibungen. Es macht neugierig, wenn eine Führe als „leicht, rhythmisch und all denjenigen zu empfehlen, die das Spiel mit den Füßen lieben“ beschrieben wird. Nicht minder interessant klingt die Erklärung, dass der Routenname La fuga dall‘ Hades (5c) die Flucht vieler Kletterer aus der materiellen Welt symbolisieren soll.

Die allabendliche Massenflucht der Kletterer in die Arco‘schen Bergsportgeschäfte führt den Namen zwar ad absurdum, die Route ist trotzdem traumhaft schön. Ein kräftiger Einstiegsüberhang und lange schöne Plattenpassagen führen direkt unter die große gelbe Dachzone, die das Bild der Wand schon aus der Ferne prägt. Von dort zieht ein eindrucksvoller Riss, La fessura del Hades, im oberen siebten UIAA-Grad durch den steilen Teil des Ausbruches. Doch auch die „Flucht“ nach links ist richtig schön zu klettern. Sie führt in einem ausgesetzten Quergang zu einem kürzeren und weniger steilen Überhang. Gute Griffe führen über diesen auf eine Platte, an deren Ende die Riss-Variante wieder in die Route mündet.

Klassische alpine Linien für alle

Auch beim nächsten „Notaufenthalt“ in Arco im darauffolgenden Jahr waren es immer wieder die Routen des Erschließerteams um Heinz Grill, Florian Kluckner und Franz Heiß, die uns besonders gut gefielen. So zum Beispiel die Il Mercurio serpeggiante (5b), die in 13 Seillängen durch die „Piramide Lacsmi“ an der Cima alle Coste sud zieht. Prunkstück dieser Route sind mit Sicherheit die Seillängen Neun und Zehn, die sich den leichtesten Weg durch die gewaltigen, rot-gelben Dachzonen der Wand suchen, ohne dabei den sechsten UIAA-Grad zu überschreiten.

Was uns an diesen Routen gefällt, ist, dass sie eine neue Art der Kletterei nach Arco gebracht haben. Die insbesondere von Heinz Grill und seinen Freunden, aber auch von anderen wie zum Beispiel Giuseppe Mantovani erschlossenen und hergerichteten Routen ermöglichen einem breiten Publikum das Klettern von Wegen mit alpinem Charakter. Es gibt Routen von vier bis zwanzig Seillängen, von sehr gut mit Bohrhaken ausgerüstet bis zu viel Eigeninitiative erfordernd und vom vierten bis zum achten Schwierigkeitsgrad.

Damit wurde eine Lücke im Sarcatal geschlossen – die Lücke zwischen gut gesicherten Sportklettergärten wie Nago und Massone und den erfahreneren Alpinisten vorbehaltenen Wänden des Colodri oder Monte Brento. Sowohl von der Linienführung als auch von der Absicherung wurde auf Vielfältigkeit gesetzt. Klassische alpine Linien ziehen durch Risse und Kamine und erfordern den Umgang mit Keilen oder Friends, aber auch kompakte Platten und überhängende Wandzonen wurden erschlossen.

Die alte Kontroverse

Diese Herangehensweise findet nicht nur Zustimmung. Wie Heinz Grill mir erzählte, hat er bereits viel Kritik von traditionell denkenden Alpinisten der Region einstecken müssen. In deren Sinne, so Grill, soll eine Route im Zustand der Erstbegehung bleiben. Weder wird eine Reinigung von losem Gestein oder Vegetation erwünscht, noch eine Verbesserung der Absicherung im Nachhinein. Geringe Wiederholungszahlen einer Route dokumentieren nach Meinung der Traditionalisten die bergsteigerische Leistung der Erstbegeher. Anhängern dieser Kletterethik ist das „zielgruppenorientierte“ Herrichten von eröffneten Routen natürlich ein Dorn im Auge. Dementsprechend wurde schon manche hitzige Diskussion zwischen den beiden Parteien geführt.

Heinz Grill antwortete auf die Kritik mit der Eröffnung der Via della Polemica an der Coste dell‘Anglone, die er wie gefordert im Orginalzustand beließ. Lange Zeit blieb diese Route ohne Wiederholung. Dafür erreichte Heinz viel Post mit der Bitte, auch diesen Anstieg in seinem üblichen Stil einzurichten.

Unbeirrt durch Kritik und Diskussionen bringt es die Seilschaft Grill, Kluckner und Heiß inzwischen auf rund 70 Routen im Sarcatal, die fast alle seit 2005 entstanden sind. Da die offensichtlichen Linien an den Wänden längst erschlossen sind, entwickelt Heinz zuerst das Idealbild einer Route und sucht dann die Wände nach entsprechenden Elementen ab. Heraus kommen Wege wie die Via Sette muri („Sieben Wände“, 5c, A0 oder 6b), die mit vielen Quergängen verschiedene interessante Wandbereiche miteinander kombiniert.

Großen Wert legt Heinz auch auf eine homogene Schwierigkeitsverteilung sowie flüssige Kletterbarkeit. Was ihm zweifellos gelingt. Uns jedenfalls hat bislang jede seiner Routen sehr gut gefallen. Und so weicht der Ärger über den Wetterbericht schnell der Vorfreude auf unser geliebtes „Ausweichziel“. Beim Durchstöbern von Arco-Topos und Internetseiten stoßen wir dann noch auf unzählige vielversprechend klingende Routen, die wir noch nicht geklettert sind. Und wir fragen uns, warum wir uns nicht von Anfang an für das Sarcatal entschieden haben.

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Fotostrecke: Impressionen aus den Dolomiten

13 Bilder
Dolomiten Foto: Südtirol Marketing / Tappeiner
Karersee in der Latemargruppe Foto: Südtirol Marketing / Helmuth Rier
Dolomiten Foto: Südtirol Marketing / Bernd Ritschel

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18.04.2013
Autor: Frank Rindermann
© klettern
Ausgabe 04/2013