Klettern in der Tarnschlucht

Südfrankreich ruft: Klettern in der Tarnschlucht


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Klettern in der Tarnschlucht, Südfrankreich
Foto: Sam Bié

 

Klettern in der Tarnschlucht, Südfrankreich
Foto: Sam Bié

 

Klettern in der Tarnschlucht, Südfrankreich
Foto: Sam Bié

 

Klettern in der Tarnschlucht, Südfrankreich
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Klettern in der Tarnschlucht, Südfrankreich
Foto: Sam Bié
Erst Teilsperrungen, dann Verhandlungen und umfangreiche Sanierungen. Das Klettergebiet Tarnschlucht im Südwesten Frankreichs hat eine wechselvolle Geschichte hinter sich. Seit kurzem lässt sich das Klettern dort wieder in vollen Zügen genießen.

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Gorges du Tarn! Schon allein die Erwähnung des Namens der Tarnschlucht im Süden Frankreichs lässt die Hände eingefleischter Sportkletterer automatisch Richtung Chalkbag zucken. Kein Wunder, hat doch zumindest jeder, der schon einmal dort war, das Bild der wilden, mit Löchern übersäten, graugelben Kalkwände über dem wunderschönen Fluss Tarn im Kopf.

Die Vorstellung von langen, überhängenden Routen, die so sehr zur Beliebtheit des Klettergebiets Tarnschlucht beigetragen haben. Ein Fakt, der wie in vielen anderen Gebieten auch nicht ohne Folgen blieb. So machte die Gorges du Tarn in den letzten Jahren dann mehr durch Sperrungen, Unfälle und ausgenagelte Sektoren von sich reden, als durch Kletterspaß an sonnenverwöhnten Felsen.

Hier gleich mal die gute Nachricht: So wie es aussieht, haben wir das jetzt größtenteils hinter uns. Notwendig aber auch, euch das Warum und Weshalb der Probleme und Maßnahmen im Klettergebiet Tarnschlucht im Folgenden einmal klar darzustellen.

Los ging es auch bei uns mit dem Beginn des Sportkletterbooms in den 80er-Jahren. Die Kletterer kamen, wie anderswo ebenfalls, bohrten, kletterten, nahmen die Felsen der Tarnschlucht in Beschlag ohne zu fragen. Eine wilde Horde, die sich teilweise leider auch genau so benahm. Früher oder später galt es also rings um den Cirque des Baumes, Natur, Tourismus und die Rechte der Eigentümer unter einen Hut zu bringen.

Der Punkt Naturschutz ist schnell abgehandelt. Die Gorges du Tarn sind als Randgebiet dem Parc National des Cevennes zugeordnet, und es gibt eine klare Zonierung, an welchen Felsen geklettert werden darf und wo nicht. Zudem gilt ein absolutes Verbot von offenem Feuer und wildem Campieren, wozu auch das Übernachten im Campingbus zählt.

Wem gehört die Tarnschlucht?

Der heikelste Punkt, den es im Hinblick auf die Zukunft des Klettergebiets Tarnschlucht zu klären galt, waren die Eigentumsverhältnisse, denn nach französischem Recht sind die Besitzer des Landes verantwortlich für alles, was auf ihrem Grund und Boden passiert, auch für die Sicherheit und die Ursachen etwaiger Unfälle. Es mussten also Vereinbarungen mit Gemeinden und Landbesitzern an der Tarnschlucht ausgehandelt werden.

Aufgrund der Größe und der internationalen Bedeutung des Klettergebiets Tarnschlucht gab sich der Gemeinderat von Saint Georges de Lévejac aber nicht nur mit einem Vertrag mit der lokalen Sektion Causses et Cévennes des französischen Alpenvereins zufrieden, sondern verlangte eine Garantie des Dachverbandes, die Verantwortung für das Klettern zu übernehmen. Im Zuge dessen konnte die Gemeinde Lévejac größere Parzellen Land von Privateigentümern ankaufen.

Aber nicht alle Eigentümer von Landabschnitten der Tarnschlucht konnten zu diesem Schritt bewegt werden. Auslöser für die Diskussionen und Probleme in der Gorges du Tarn war aber der Punkt Sicherheit. Denn in juristischem Sinne ist der Landeigentümer auch für die Sicherheit der Bohrhaken und Umlenker an den Wänden auf seinem Grund und Boden verantwortlich. Nach einem Unfall im September 2010 musste rasch gehandelt werden.

Ein einheimischer Kletterer war in einer relativ neu eingerichteten Route aus acht Metern Höhe auf den Boden gestürzt, weil ein 12-Millimeter-Bohrhaken ausgebrochen war. Was halten dann ähnliche Bolts in alten Routen, war die Frage. In der Folge wurden rund 200 Routen mit zweifelhafter Absicherung ganz oder teilweise ausgenagelt und die Kletterei in der Schlucht stand eine Zeit lang auf der Kippe.

Wie sollte in Zukunft die Sicherheit von über 700 Routen garantiert werden? Ein Plan für die Sanierung musste her und Vorschriften, welches Material in Zukunft verwendet werden darf und welches nicht. Erneut kam ein ganzer Berg Arbeit auf diejenigen Locals zu, denen die Kletterei in ihrer Schlucht am Herzen lag.

Das Ergebnis der ganzen Mühen waren dann 250 sanierte Routen und das Bewusstsein, dass man in einem modernen Klettergebiet nichts mehr dem Zufall überlassen kann. Routen, Ausrüstung und Zustiege werden inzwischen regelmäßig kontrolliert. Das Einbohren neuer Routen ist nur in Absprache mit den Verantwortlichen des Alpenvereins möglich, und jährlich wird ein Arbeitsplan über die erforderlichen Maßnahmen erstellt. Management eines Klettergebiets – man könnte auch sagen, die wilden Horden wurden gezähmt.

Klettern in der Tarnschlucht, neu aufgelegt

Heute können wir aufatmen: Es gibt eine frisch herausgeputzte Gorges du Tarn. Auch der Mangel an Infos hat ein Ende, seit im Sommer 2012 der neue Kletterführer heraus kam. Und wer den aufmerksam studiert, wird merken, dass nicht nur viel saniert wurde, sondern dass rund 200 neue Routen hinzu gekommen sind. Darunter sogar eine ganze Reihe an neuen Sektoren, in denen das Klettern bisher noch nicht offiziell erlaubt war.

Gleich am Anfang der Schlucht, von Les Vignes flussaufwärts, bieten die Wände beim beliebten Aussichtspunkt Pas de Soucy fünf neue Sektoren mit über 70 Routen. Darunter auch die weithin sichtbare Felsnadel Roc Aiguille, bei deren Anblick sich wohl jeder schon gefragt hat, ob man dort nicht klettern kann. Man kann. Drei Mehrseillängenrouten mit bis zu 120 Metern Länge führen auf den markanten Gipfel. Darunter mit Iseki eine für Tarnverhältnisse erstaunlich leichte Route, die einem in der ersten Länge den Grad 5c abfordert. Der Rest ist Genuss im vierten Grad.

Die übrigen vier Sektoren bieten steile, tarntypische Kletterei an perfektem, mit Löchern gespicktem Fels. Die Länge der Routen variiert zwischen 15 und 30 Metern, die Grade in der Hauptsache zwischen 6b und 7b. Im Sektor Tire jus finden sich aber auch noch ein paar härtere Linien. Für eine schlechte Nachricht muss zwischendurch dann aber doch noch Platz sein. Der Sektor Gymnase mit so beliebten Wänden wie Shadocks oder Grand Toit bleibt bis auf weiteres gesperrt, weil hier noch keine Einigung mit den Landeigentümern erzielt werden konnte.

Im Sektor Foetus wurden einige kurze Einsteigerrouten im 4. und 5. Grad erschlossen, während der neue Sektor Triplex denen vorbehalten bleibt, die sich in den Graden von 6c aufwärts bewegen. Neu sind ebenfalls die Sektoren Puerta del Sol im linken Bereich von Dé qué fas aqui und Goomy Land am Ende der Schlucht im Bereich Baumes Hautes. Wer am liebsten im französischen sechsten Schwierigkeitsgrad unterwegs ist, wird sich besonders über die neuen Routen im Bereich l‘entre deux freuen.

Obwohl einige Sektoren mit kürzeren Routen und auch eine ganze Reihe an mittelschweren Kletterrouten dazu gekommen sind, bleibt die Spezialität der Gorges du Tarn Routen, die scheinbar nicht enden wollenden – Ausdauerhämmer mit mehr als 40 Metern Länge, manchmal sogar viel mehr. Hier scheiden sich dann auch die Geister. Viel zu lang und ein völliger Quatsch sagen die einen, ein Riesenspaß, die anderen.

Der Sektor Dé qué fas aqui hat in diesem Punkt einiges Neues zu bieten. Auch die Länge der benötigten Kletterseile ist mit den Routen gewachsen. 80 Meter sind da schon das Minimum, 100 Meter Standard. Viele der langen Routen werden inzwischen mit zwei Seilen geklettert. Ein Seil für die erste Hälfte, das andere für die zweite Hälfte der Route. Eine Technik, die man sich besser vorher genau durchdenkt, bevor man sie zum ersten Mal in der Wand umsetzt.

Im Klettergebiet Gorges du Tarn ist eine neue Ära angebrochen. Aus einem Gebiet, das aus der Kletterszene heraus geboren und unkontrolliert erschlossen wurde, ist ein "professioneller" Kletterspot geworden. Was geblieben ist, ist der perfekte Fels mit fantastischen Routen inmitten einer wildromantischen Landschaft. Was wollen wir mehr?

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Fotostrecke: Klettern in der Tarnschlucht - Bilder vom Petzl Roctrip 2013

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Klettern in der Tarnschlucht / Petzl Roctrip 2013 Foto: © Petzl / La Fouche
Klettern in der Tarnschlucht / Petzl Roctrip 2013 Foto: © Petzl / La Fouche
Klettern in der Tarnschlucht / Petzl Roctrip 2013 Foto: © Petzl / La Fouche

Inhaltsverzeichnis

03.04.2014
Autor: Olivier Obin
© klettern
Ausgabe 02+03/2014