Diese drei jungen starken Kletterinnen stehen für eine ganze Generation - hier gibt's viele Bilder, Infos und Hintergründe. mehr ...
Klettern in China
Yangshuo - Klettern und Konfuzius
Gerhard Schaar stellt die besten Sektoren von Yangshuo vor und macht sich seine Gedanken, ob Politik und Kletterreisen zusammenpassen.
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"The White Mountain" ist wahrscheinlich der beste Sektor Yangshuos. Er hängt leicht bis stark über und hat eine Auswahl von etwa 50 Routen zwischen 6b und 8b+. Dazu liegt er wunderschön. Direkt vor ihm breitet sich eine Wiese aus, dahinter überblickt man ein kleines Becken mit Orangenplantagen und Gemüsefeldern. Hier finden vor allem Hardcore-Kletterer und ambitionierte Sonnenanbeter ein reichliches Betätigungsfeld.
Ebenso schwer geklettert wird an "The Banyan Tree", "Lei Pi Shan" und am "Moon Hill". Letzterer ist allerdings sehr bekannt und voll mit Touristen und Getränke-Verkäuferinnen, die einem zum Wahnsinn treiben können. Mit ihrem "Watel, watel, watel!" verfolgen sie einen den ganzen halbstündigen Anmarsch und hören selbst am Einstieg nicht auf. Kleiner Tipp am Rande: Jeglicher Versuch zu erklären, dass man genügend Wasser mit dabei hat und nichts kaufen möchte, ist zum Scheitern verurteilt. Außer den auswendig gelernten Sprüchen verstehen die Frauen kein English. "Cold watel! Flesh watel! You buy!"
Entengeschnatter und Büffelgrunzen
In den anderen Gebieten geht es zum Glück ruhiger zu. So auch am Sektor "The Egg". An dem zweihundert Meter langen Felsband gibt es eine schöne Auswahl an Routen von 6a bis 7a mit unterschiedlichem Charakter. Die einzigen Geräusche hier sind das Entengeschnatter von den Fischteichen und das Grunzen der Wasserbüffel von den Reisfeldern her – sozusagen ein klassisches chinesisches Ambiente. Schwer zu empfehlen sind auch die Sektoren "Twin Gate" und "Banyan Tree". Sie liegen eng beieinander und können leicht mit dem Fahrrad erreicht werden. So bekommt man garantiert einen guten Eindruck von Land und Leuten. Gegenüber der „Wine Bottle“ finden sich einige Mehrseillängenrouten an "The Thumb" und "The Middle Finger" – zwei schöne, freistehende Karsttürme, die jeweils ungefähr 100 Meter hoch sind.
Auch der kitschige Klassiker ohne Namen an der touristischen "Butterfly Cave" – ein Teil der Route verläuft über riesige chinesische Schriftzeichen – ist nur einen Steinwurf entfernt.
Zwischen Klettern und Konfuzius
Die Felsqualität in den 20 Sektoren, der unterschiedliche Charakter der rund 400 Routen und die einmalige Landschaft machen Yangshuo bereits heute zu einem Klettergebiet von internationalem Format. Doch das Potenzial ist bislang erst angekratzt, und ständig werden neue Linien erschlossen. Einzig die bislang geringe Anzahl an Mehrseillängen-Routen und ihre teils bescheidene Absicherung sind ein Wermutstropfen dieser außergewöhnlichen Destination. Alle Felsen gehören hier dem Staat, und es gibt fast keine Beschränkungen, was das Einbohren betrifft. Kein Wunder, dass vor allem verhältnismäßig wohlhabende Kletterer aus Europa und den USA hier ihre Spuren hinterlassen und zu den Haupterschließern zählen. Ohne Zweifel wird das Gebiet bald seinen verdienten Platz im internationalen Kletterzirkus einnehmen.
Ist es eine gute Idee, in China zu sein?
Sofern die politische Entwicklung in China dies nicht verhindert. Zum Ende meines Aufenthalts in Yangshuo brechen in Tibet Unruhen aus, und ich werde Zeuge der harten Hand des Regimes über sein Volk. Die staatlich zensierten Medien berichten in teils lächerlich einseitigen Reportagen über die Vorgänge. Durch die Gespräche mit meinen Freunden erfahre ich auch, wie sehr sie geblendet werden. Natürlich wirft das bei mir die Frage auf, ob es überhaupt eine gute Idee ist, in China zu sein. Soll ich tatsächlich einen Beitrag schreiben? Lange weiß ich nicht, wie ich mit dieser Frage umgehen soll. Dann stoße ich in einem Magazin auf einen Beitrag über den Dalai Lama, dessen Aussagen mir helfen, meine eigenen Erfahrungen und Gedanken in eine Botschaft zu formulieren: Die "normalen" Menschen in China und besonders die Kletterer leben ein Dasein fernab der Interessen der Entscheidungsträger in Beijing. Es ist die Regierung des Landes, die anzuprangern ist, nicht die Bevölkerung. Die Menschen in China auszugrenzen, wäre daher der falsche Weg. Ein Besuch in Yangshuo, und so sehe ich das auch für meinen Aufenthalt, bietet zumindest die Möglichkeit, einigen wenigen Menschen eine andere Sichtweise zu geben – einen anderen Blickwinkel, den sie sonst nie einnehmen würden. Und man selbst lernt die Kultur des Landes besser zu verstehen und fällt nicht mehr vorschnell ein Pauschalurteil über die gesamte Bevölkerung.
Vor diesem Hintergrund nimmt sich letztlich die Bedeutung des Kletteranteils meines Besuchs im Reich der Mitte relativ bescheiden aus. Was überwiegt, ist die Freude über die neuen Freundschaften, den gewonnen Respekt füreinander und die Erkenntnis, dass vermeintlich unbedeutendes individuelles Handeln einen Ausschlag geben kann. Aber das wusste ein Chinese namens Konfuzius bereits vor zweitausend Jahren.

