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Klettern auf Sardinien

Piccolo Mondo

Die zweitgrößte Insel im Mittelmeer ist ein Kletterkontinent für sich. Ob abenteuerliche 400-Meter-Wände oder gechilltes Sportklettern und Bouldern, Sardinien bietet alles im Überfluss.


Klettern auf Sardinien
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Das sardische Bier "Ichnusa" kommt in 0,66-Liter-Flaschen daher. Das "Sardische Blut" knallt auch volle Kanne...
Foto: Günter Mauthe

Sardinien erstreckt sich über maximal 270 Kilometer in Nord-Süd-Richtung und 145 Kilometer von Westen nach Osten. An der 1850 Kilometer langen Küste warten etliche Kubikkilometer Felsklippen, die zum Teil direkt aus dem Wasser ragen. Aber auch das Inselinnere ist mit kletterbarem Fels übersät. Angesichts dieser Fülle muss der Versuch eines kurzen Überblicks über das Kletterangebot Sardiniens zwangsläufig scheitern.

Daher beschränke ich mich auf eine kleine, subjektive Auswahl. Wer umfassende Information will, muss sich an „Pietra di Luna“ halten. Für den Über- und Durchblick ist dieses Werk des nimmermüden Erschließers und Sardinien-Hausmeisters Maurizio Oviglia der mit Abstand umfassendste Kletterführer der Insel. Noch 2010 soll eine neue, erweiterte Auflage mit unzähligen, bislang noch nicht veröffentlichten Felsen erscheinen. Doch auch die aktuelle Auflage enthält mehr als genug Fels für viele Urlaube.

Liv Sansoz In "The day after" bei Cala Gonone.
Foto: Maurizio Oviglia

Unsere Reise beginnt in Olbia im Nordosten der Insel, wo die meisten germanischen Besucher aus dem voluminösen Bauch mopsiger Fähren auf die Insel gespült werden. Wer Fliegen schöner findet, landet ebenfalls in Olbia. Der Osten bietet die größte Vielfalt an Gebieten. Ob maritim oder alpin, hier ist für jeden Geschmack etwas geboten: von absolut abgelegenen Alpinrouten an den bis zu 400 Meter hohen Kalkmauern des Supramonte-Gebirges bis zu perfekten Boulderblöcken aus Granit, von geneigten Anfängerplatten bis zu höllisch athletischer Höhlenkletterei, von einsamen Sportkletterfelsen in sanfter Mittelgebirgsszenerie bis zu parkplatznahen, gut polierten Breitensportfelsen mit Badestrand bei Cala Gonone. Von dem Touristenort aus erreicht man auch einige besondere Schmankerl: abenteuerliche Mehrseillängen-Routen direkt über dem Meer. Das leuchtende Türkis des Wassers, in das perfekte Kalkfelsen abtauchen, erscheint selbst dem Auge eines nüchternen Betrachters völlig irreal. Egal, ob man das Türkis gelöst vom Schlauchboot oder dehydriert aus 300 Metern Höhe betrachtet – es bleibt der hell(türkis)e Wahnsinn. Mag sein, dass sich das euphorisierte Auge optisch täuschen lässt. Doch die Finger und Füße können sich nicht täuschen, sie be-greifen und ver-stehen in Routen an der Aguglia Goloritze oder der Punta Giradili bei Baunei, wie genial Klettern sein kann.

Die Punta Giradili.
Foto: Günter Mauthe

Doch nicht alles ist fest, schon beim Zustieg schwankt der Boden unter den Füßen, und die Gefahr ins Nass zu fallen, umgibt einen glasklar. Das passiert, wenn sich Gehfaule auf eine neumodische Art des Wasserstarts einlassen: direkt aus dem Meer in eine Meer-Seillängen-Route. Das ganze nennt sich „Boat climb“. Was man hier allerdings benötigt, ist Vertrauen – in den Bootsführer oder die eigenen Skipper-Künste, in die Schwierigkeitsangaben und in einen nachvollziehbaren Routenverlauf. Ein Paradebeispiel ist die Via Fedeli alla Linea südlich von Cala Gonone, ein grandioses Gesamterlebnis für nervenstarke Zeitgenossen mit 15 Seillängen inklusive abenteuerlichem Abstieg und Bootsfahrt hin und zurück.

Deutlich konsumfreundlicher geht es in den vielen Sportklettergebieten rund um Cala Gonone zu. Aber auch abseits der Küste wird in den letzten Jahren immer mehr geklettert und gebouldert. Letzteres vor allem südwestlich des Städtchens Nuoro, ersteres an den Wänden des Ogliastra südwestlich von Tortoli, wo schon einige große Riegel mit bestem Kalksandstein erschlossen wurden, oder an den extralöchrigen Felsen bei Isili, die mit ihren oft mächtig überhängenden Routen Pflichtprogramm für die starken Jungs und Mädels sind.

Weiter führt die Reise nach Süden Richtung Cagliari. Boulderer werden wohl vor der Hauptstadt nach links abzweigen, denn an der Südwestspitze der Insel finden sich eine ganze Reihe von Granitbouldergebieten. Wer die Metropole Cagliari besucht, sollte sich die perfekte Kombination aus Klettern und Baden in der hübschen Cala Fighera nicht entgehen lassen.

Die verlockende Isola Foradada am Capo Caccia an der Westküste.
Foto: Günter Mauthe

Mystischer Südwesten

Wer von Cagliari direkt nach Westen fährt, landet im Iglesiente, dem südwestlichen Zipfel des Eilands. Zwischen Buggeru und Masua bietet die Küste famose und familienfreundliche Möglichkeiten, wunderschöne Sandstrände mit verschiedenen Klettergebieten an Klippen zu kombinieren. Ebenso lohnend sind Abstecher ins nahe Hinterland Richtung Domusnovas. Hier gibt‘s geniale Sinterklettereien noch und nöcher. Hinzu kommt die marode Mystik der bis zu 900 Meter hohen, bewaldeten Berge, wo zahlreiche aufgegebene Erzminen mit den Ruinen der Siedlungen und verrottenden Abbau- und Verarbeitungsstätten nicht nur im wolkenverhangenen Zustand anregend auf Fantasie und Forscherdrang wirken. Wer genug vom Klettern hat, der kann sich hier mühelos und tagelang die Zeit vertreiben.

Vom Bouldern bis zur Mehrseillängenroute: Sardinien macht alle glücklich.
Foto: Günter Mauthe

Fährt man entlang der Küste weiter nach Norden, bleibt die Landschaft wunderschön, die kletterbaren Felsen sind hier aber weitläufiger verstreut als im Iglesiente, Ogliastra oder um Cala Gonone. Dafür warten Schmankerl wie der Monte Arci, wo man das seltene Vergnügen hat, Basalt unter die Finger zu bekommen. In Alghero endet diese für sardische Verhältnisse schon fast als Kletterdias­pora zu bezeichnende Ecke entlang der Westküste. Rund um Alghero und Sassari sind innerhalb der letzten Jahre viele Gebiete erschlossen und veröffentlicht worden. Die Felsen bei Osilo und Rocca Doria sind kein Geheimtipp mehr, wovon der drei Jahre junge Kletterführer „Arrampicare ad Alghero“ von Corrado Conca zeugt.

Der Kletterklassiker der Region und auch landschaftlich ein Highlight sind die gewaltigen, kreidezeitlichen Kalkklippen des Cappo Caccia, der aussichtsreichen Halbinsel westlich von Alghero. Hier wurde in den letzten Jahren fleißig saniert und auch neu erschlossen. Sogar Klettersteige mit 200-Meter-Tiefblicken aufs Meer wurden eingerichtet. Bei hoher Luftfeuchte werden aber selbst in dieser Höhe die Griffe noch schmierig und schwierig zu halten. Anstatt dann überstürzt an nahegelegene Sandstrände, Bars oder andere Gefahrenzonen zu flüchten, sollte man einen Abstieg in die Unterwelt erwägen – in die beeindruckende Grotta die Nettuno, die den teuren Eintritts­preis absolut wert ist.

Wasser, Luft, Meer, Fels: Sardinien ist die perfekte Urlaubsinsel.
Foto: Günter Mauthe

Bouldern gegen Bonzen

Im Hinterland der Gallura sind Klettersteige und neue Bohrhaken weniger angesagt, so herb wie die Landschaft ist auch die Kletterei. Die nördlichste Region Sardiniens bietet vor allem traditionelle Routen und Clean Climbing, Neutouren mit Bolts sind hier tabu. Einige Sportklettereien, viel Boulderpotenzial und vor allem eine grandiose Szenerie finden sich dafür am Capo Testa. Die Verwitterung formte hier grobkörnige Granitfelsen zu bizarr durchlöcherten, manchmal surrealistisch anmutenden Skulpturen, die sich mit etwas Fantasie oft als Tierfiguren deuten lassen. Das östlich gelegene Capo d‘Orso, das „Bärenkap“, ist eine von vielen schönen Felsformationen, deren Besuch sich schon wegen des Anblicks lohnt.

Womit wir bei der letzten Etappe der Reise angelangt wären: entlang der berühmten „Costa Smeralda“ zurück nach Olbia. Die „Smaragdküste“ mit ihrem türkisfarbenen Meer und schönen Buchten mit Granitfelsen ist die Touristenhochburg Sardiniens, das Sardinien der ausländischen Inves­toren, nicht das Sardinien der Sarden. Aber vielleicht wird diese Gegend ja noch zum Sardinien der Boulderer. Teils runde, teils bizarr geformte Boulderblöcke aus grobkörnigem Granit gibt es nämlich im Überfluss. Und längst nicht alles liegt im Privatbesitz von Ferienanlagen und bewachten Bonzenfestungen.

In diesem einen Fall, aber wirklich nur hier, bei meiner begeisterten Vision von einer Boulderküste entlang der Costa Smeralda, kann ich allerdings nicht ausschließen, dass Dosierungsprobleme mit sardischen Alkoholspezialitäten im Spiel waren. Viva Ichnusa, viva Sardegna!

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Autor: Günter Mauthe

© klettern : Ausgabe 09/2010

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