Diese drei jungen starken Kletterinnen stehen für eine ganze Generation - hier gibt's viele Bilder, Infos und Hintergründe. mehr ...
Griechenland
Klettern auf Telendos
Erst vor kurzem hat sich die Insel Telendos ernsthaft mit dem Klettervirus infiziert, und schon findet sich dort eine ideale Ergänzung zum Routenangebot von Kalymnos. Nur zehn Minuten Überfahrt bringen frischen Fels.
Telendos: Reise-Infos, Sektoren, Topos
"Keine Angst, Jungs, jetzt wird alles gut." Giannis ist der archetypische Grieche: braun gebrannt, modische Sonnenbrille und im Leinenhemd immer gut angezogen. Als Fährmann zwischen Telendos und Kalymnos kennt er jeden und weiß immer Rat. Mit der "Regina", seinem Piratenschiff, setzen wir nach Telendos über.
Während der Fahrt drückt uns Giannis einen der ungewöhnlichsten Briefe der jüngeren Alpingeschichte in die Hand:
Dear Mr. Peter Keller & Mr. Urs Odermatt
Lassen Sie uns bei Ihnen bedanken, dass Sie nach Telendos kommen, um neue Routen einzurichten.
Im Beiblatt finden Sie Ihren Zeitplan, in welchen Hotels Sie schlafen und essen werden. Alle Bewohner von Telendos schätzen Ihre Arbeit sehr und möchten Sie unbedingt bei Ihrer Arbeit unterstützen, damit Telendos einen neuen Klettersektor bekommt. Wir geben unser Bestes, damit Sie alle Leute kennenlernen. Bitte fühlen Sie sich frei, alle um Ihre Unterstützung zu fragen, sie werden mehr als glücklich sein, Ihnen zu helfen.
Mit freundlichen Grüßen,
die Einwohner von Telendos
Wir sind eingeladen. Eine Woche lang genießen wir freie Kost und Logis und haben außerdem ein Motorboot zur Verfügung. Als Gegenleistung bohren wir eine neue Wand ein. Ein fairer Deal.
Routen einbohren ist ein harter Job
Da Aris Theodoropoulos die riesigen Höhlen rechts über dem Dorf bereits an Ostern 2007 erschlossen hat, suchen wir mit dem Boot nach Neuland. Was wir finden, übertrifft unsere Erwartungen. Wir haben die Qual der Wahl: gewaltige Überhänge oder Plaisirklettern? Wir entscheiden uns für eine Wand, die nur fünf Minuten über dem Meer liegt und Potenzial für 40 Routen von 3c bis 8c, mehrheitlich im Genussbereich aufweist. Bis jetzt hat noch kein Kletterer dieses edle Stück Fels berührt. Das Abenteuer kann beginnen.
Seit fast zehn Jahren beobachten die Bewohner von Telendos die rasante Entwicklung auf der Nachbarinsel Kalymnos und hätten nur zu gerne ein Stück von dem Kuchen abbekommen. Doch Routen einbohren ist ein harter Job. Nun, es hilft nichts – einer muss ihn machen. Mit Unterstützung von IROX investieren wir eine Woche, um diesen Knochenjob zu erledigen. Soll mir ja keiner behaupten, das wäre Urlaub.
In Love with Telendos
Während wir am Tag die mehrheitlich einfachen Routen einrichten, fahren wir am Abend mit dem Speedboot von Padelis nach Kalymnos. Einmal müssen Padelis und Giannis im Restaurant dringend den Tisch wechseln. Wir denken natürlich, sie hätten ein paar Mädchen anvisiert. Dabei geht es nur darum, dass der Tisch näher bei Telendos steht und man die Insel sogar sehen kann. Zehn Minuten fern der Heimat wird das Herz des Griechen schwer.
Das Interesse anderer Kletterer ist groß. Offenbar gibt es noch immer zu wenig einfache Touren im Bereich 3a bis 5a. Außerdem ist es eine willkommene Abwechslung, die Felsen mit dem Boot zu erreichen. So kommt es, dass schon kurz nach dem Einrichten die meisten Touren geklettert werden.
Ab Mittag liegen die meisten Routen im Schatten
Foto: Klaus Fengler
Nicht so schnell gehen!
Auch Padelis, der schnellste Captain von Telendos, der behauptet, von Beruf Fischer zu sein, wird vom Klettervirus infiziert. Mit seiner Schwester Sevasti führt er das Café Naftikos in Telendos, verbringt seine Zeit jedoch am liebsten beim Tunen seines Speedboots. Fischen ist nur im Winter für rund 40 Tage im Jahr angesagt. Telendos, das ist ein anderer Lebensrhythmus. Auf unserem Rückmarsch von den Felsen werden wir sogar einmal von einem alten Griechen angehalten und ermahnt, nicht so schnell zu gehen. Tranquillo, das bringt doch nichts, so schnell zu gehen. Während Kalymnos boomt, finden wir hier eine eingeschworene Inselgemeinschaft, die zusammenhält wie Pech und Schwefel. 42 Einwohner, das Durchschnittsalter 35 Jahre. Abwanderung kein Thema. Das sieht man auch an den Kindern. Die Lehrerin kommt jeden Tag von Kalymnos rüber. Autos gibt es hier keine, also auch keine Straßen.
Das Klettern könnte man beinahe vergessen. Ist man erst einmal dem Inselgroove verfallen, fällt es einem schwer, am Morgen früh loszuziehen. Zum Glück sind die Felsen ab Mittag im Schatten. So kann man, im Gegensatz zu Kalymnos, nach einer langen Nacht gemütlich ausschlafen und frühstücken. Die Kletterei ist sehr abwechslungsreich, in den leichten Touren oft sehr scharf, in den schwierigeren eher großgriffig und athletisch. Aber das probiert ihr am besten selbst aus.

