DAV-Bereichsleiter Witty zum Thema Klettern und Naturschutz

»Wohnortnahes Klettern ist ein wichtiges Ziel«

Der Deutsche Alpenverein betreibt Hütten und Kletterhallen in großer Zahl und ist zugleich Naturschutzverband. Wie sich Kletter - und Naturschutzinteressen vereinbaren lassen, erklärt Stefan Witty.

 

Stefan Witty
Foto: Archiv Stefan Witty

Der DAV vertritt sowohl Tourismusinteressen als auch Naturschutz. Wie lässt sich beides unter einen Hut bringen?

Die Alpen sind mit der wichtigste ökologische Ausgleichsraum in Europa. Der Tourismus in den Alpen profitiert von diesem einzigartigen Naturraum. Wer langfristig von und mit dem Tourismus leben will, muss diesen Naturraum nachhaltig bewirtschaften und pflegen. Der DAV – bundesweit anerkannter Naturschutzverband – hat sich den Schutz der Alpen seit Jahrzehnten auf seine Fahnen geschrieben. Die DAV-Hütten werden daher seit über 20 Jahren Zug um Zug auf ökologische Bewirtschaftungsformen umgestellt, das heißt autarke Energieversorgung mit Solar-, Wasser- und Bioenergie, eine effektive Reinigung der Abwässer und die Verwendung regionaler Speiseprodukte. Der DAV lässt sich das im Jahr über zehn Millionen Euro kosten. Darüber hinaus wollen wir, dass auch die Bergsportler sich naturverträglich im empfindlichen Lebensraum bewegen. Die Aus- und Weiterbildung der Fachübungsleiter durch das Bundeslehrteam Naturschutz gehört genauso dazu wie die künftig verstärkt ins Programm genommene Pflege der Bergwege.

Was sind derzeit die dringlichsten ökologischen Projekte beim DAV?

Lokal ist die Intensivierung der Nutzung der Alpen das dringlichste Problem:
Gletscherskigebiete werden ausgeweitet, Beschneiungsanlagen flächendeckend errichtet, Wintersportanlangen zunehmend in Funparks umgestaltet, die auch im Sommer genutzt werden, und last but not least werden riesige Stauseen gebaut. Die Gebiete, in denen Mensch und Tier sich ungestört bewegen können, werden immer kleiner. Global ist die Klimaerwärmung unser größtes Problem. Die Grenze der Permafrostböden steigt nach oben. Der Untergrund für hochgelegene Hütten und Wege wird labil und kann ins Rutschen geraten. Viele Hochtouren sind heute in den Sommermonaten nur noch eingeschränkt begehbar. Hinzu kommen Starkniederschläge, die die Sicherheit sowohl der alpinen Bevölkerung als auch der Weg- und Steiganlagen des Deutschen Alpenvereins gefährden. Auf der anderen Seite ist angesichts der abschmelzenden Gletscher absehbar, dass das Wasserschloss Alpen – der wichtigste europäische Wasserlieferant – versiegen wird.

Wo positioniert sich der DAV im oft immer noch gespannten Verhältnis zwischen dem privaten und behördlichen Naturschutz und den Klettererinteressen in Deutschland?

Klettersport soll in ganz Deutschland wohnortnah betrieben werden können. Dazu werden vom DAV in Zusammenarbeit mit den anderen Klettersportverbänden wie der IG Klettern Konzepte erarbeitet, die das naturverträgliche Klettern ermöglichen. Mit der Internetseite www.dav-felsinfo.de stellt der DAV die Information zur Verfügung, wo in ganz Deutschland klettern naturverträglich möglich ist. Leider werden nicht in allen Gebieten die Kletterkonzepte von den Behörden so akzeptiert, wie es der DAV für fachlich geboten hält. Hier wird sich der DAV auch in Zukunft dafür einsetzen, dass das Anliegen, naturverträglich zu klettern, eine breitere Akzeptanz findet.

Gibt es beim DAV eine konkrete Zielsetzung, in Deutschland wieder mehr Felsen fürs Klettern freizubekommen? Wäre es angesichts der globalen Probleme (wie Klimawandel durch Verkehrsabgase) nicht dringlich, das Klettern vor der Haustür zu stärken?

Wie schon gesagt ist für den DAV die wohnortnahe Ausübung von Klettersport ein wichtiges Ziel. Der Schaufelsen im Donautal hat gezeigt, dass wir mit guter fachlicher Arbeit in kleinen Schritten diesem Ziel näher kommen können. Insbesondere die Situation in Nordrheinwestfalen ist für den DAV nach wie vor nicht akzeptabel. Wir werden weiterhin daran arbeiten.
Der DAV generiert mit den Kletterhallen eine Vielzahl neuer Klettersportler.

Werden die aus Vereinssicht eher als Chance für den Sport und den Verein oder als Bedrohung für die Ökologie angesehen?

Klettersportler in den DAV-Kletterhallen sind für den DAV mit Sicherheit eine Bereicherung. Die steigenden Mitgliederzahlen der Sektionen mit Besitz einer guten Anlage belegen das. Nach unsere Recherchen gehen von den Anfängern zwischen 10 und 20 Prozent auch an den Naturfels. Darin sehen wir eine große Aufgabe, diese neuen Kletterer über Kletterkonzepte und naturverträgliches Klettern zu informieren. Der DAV-Fachbeirat Klettern & Naturschutz arbeitet derzeit an einem Konzept, wie diese Hallenkletterer am effektivsten mit Informationen zu erreichen sind.

Stefan Witty ist Bereichsleiter Hütten, Naturschutz, Raumplanung
beim Deutschen Alpenverein in München.

© klettern
Ausgabe 10/2007