Studie: Angst beim Klettern

Die Vermessung der (Sturz-)Angst

Eine Studie der Uni Fribourg in der Schweiz hat die Angst vor dem Sturz vermessen. Pirmin Bertle, Sportkletterer und Psychologe, berichtet.

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Mit bislang einmaliger Technik und in nie dagewesenem Umfang machte sich eine psychologische Forschungsgruppe der Universität Fribourg in der Schweiz daran, die Angst vor dem Sturz zu vermessen. Pirmin Bertle, selbst nicht so schwacher Sportkletterer, berichtet von seinem Experiment und den Ergebnissen.

Es schien nicht ganz einfach, Angst und Stress beim Sportklettern auf diesem Wege zu erfassen: Eine Kunstwand, Helmpflicht, homogenes Sturzgelände, ein extrem erfahrener Sicherer, der aus ethischen Gründen nicht einmal einfache Fehler wie ein falsch eingelegtes Seil vortäuschen durfte, dazu hartgesottene, fortgeschrittene Kletterer, die die Höhe ihrer Stürze ins Seil auch noch selbst würden bestimmen dürfen. Wer würde sich da schon fürchten?

Mein Professor aber, seines Zeichens Kaumsportler und Nichtkletterer, findet die ganze Angelegenheit extrem spannend und richtig gefährlich. Unsere Betonwand macht ja auch zugegebenermaßen Eindruck: Die Pont de Pérolles in Fribourg in der Schweiz mit ihren oben U-förmig zusammenlaufenden Brückenpfeilern, den bis zu 30 Meter hohen und zum Teil genauso weit ausladenden Routen und den immerhin bis zu drei Meter weiten Hakenabständen befindet sich in unmittelbarer Nähe der Uni und stellt also den perfekten Durchführungsort dar.

Und auch der Umfang unserer Studie kann sich sehen lassen. Über 50 Kletterer werden wir im Laufe eines Jahres durch den drei Stunden langen Versuchsablauf schleusen, filmen werden wir, einen ganzen Packen Fragebögen verteilen und über mehrere Sensoren unter anderem die Pulsfrequenz messen, die in der Emotionspsychologie als tragfähiger Angstindikator gilt. Zumindest die methodologische Seite also sollte stimmen. Sogar Theorie zum Thema wurde schon publiziert. Mehr als „Vorstieg ist fieser als Nachstieg“ konnte bislang aber nicht wissenschaftlich belegt werden.

 

Imposanter Versuchsaufbau: praktisch, die bekletterbare Pont de Pérolles parat zu haben.

Große Klappe. Kleiner Sturz.

„Du machst in deiner Arbeit am besten einen Manipulation Check, das ist schon genug Arbeit“, eröffnet mir kurz darauf mein Professor. Manipulation Check, das heißt überprüfen der Einflussgrößen, die wir in der Studie gezielt variieren: Höhe zum Boden und Sturzhöhe. Bleibt nur zu hoffen, dass sich nicht zu viele Cracks und eher mehr Einsteiger in den Vorstieg im fünften Grad melden, denn das ist unsere untere Hürde. Und dann werden laut Versuchsplan ja auch 50 Prozent Frauen mitmachen.

Irgendwann beginnt dann die heiße Phase. Proband für Proband muss sich erst mit vier Bewegungssensoren an Hand- und Fußgelenken, einem Brustsensor und einem Hautleitfähigkeitsmesser unter der Fußsohle verkabeln lassen, dann sein Einverständnis zu allem erklären, um in der Folge sogleich mit einem der insgesamt 30 zweiseitigen Fragebögen, die ihn in den nächsten drei Stunden erwarten, belangt zu werden. So verheize ich erst mal die Geduld meiner Freunde und Bekannten.

Je nach Zufallszuordnung geht es daraufhin in eine erste, 10 Meter hohe Aufwärmroute im Vor- oder Nachstieg, ein kurzer Sturz an deren Ende. Bis hierhin sehen die meisten der im Schnitt im mittleren sechsten Franzosengrad Kletternden noch sehr entspannt aus. Im Anschluss wieder ein paar Seiten Kreuzchen, dann die 30-Meter-Hauptroute am persönlichen Onsight-Limit mit einem je nach Lust und Laune zwischen null und zehn Meter weiten, gewollten Sturz am Ende.

Routineaufgabe? Klar, hatten die meisten vor der Studie noch gesagt, aber Abspringen ist eben doch nicht gleich Stürzen, und auch wenn sie hinterher nur von wenig bis moderatem Stress in ihren Fragebögen berichten, brauchen hier doch einige sehr lang, um auch schon einen Meter über dem Haken überhaupt erst einmal loszulassen.

 

Verkabelt: Pirmin Bertle demonstriert die "Vermessungs"-technik.

Grandios signifikante Ergebnisse

Im zweiten Durchgang dann die gleichen zwei Routen noch einmal im Vor- oder Nachstieg und zwischendrin noch eine ?Videokodierung besonders brenzliger Situa­tionen während des Kletterns. Ja, wir verlangen den armen Teilnehmern alles ab, und ganz cool scheint das Gros der Teilnehmer nicht durch unsere Vermessung der Angst gegangen zu sein.

Ein Jahr ist inzwischen ins Land gegangen. Viele, viele Fragebögen haben wir in Excelmasken eingetippt, viele, viele Stunden verrauschter Herzraten von Hand ausgelesen. Mein Manipulation Check, der noch vielen Vorforschern vor allem wegen zu kleiner Stichproben misslungen war, fällt grandios signifikant aus. Ab diesem Tag ist es amtlich: Je höher man klettert und je weiter man fallen kann oder fällt, desto mehr Angst hat man!

Die Psychologie hat sich ein weiteres Mal in ihrer Paradedisziplin hervorgetan: Bereits allseits bekannte Phänomene auch wissenschaftlich zu bestätigen. Ich bin trotzdem ein wenig stolz auf diesen ganzen, für mich persönlich ganz untypisch großen Aufwand. Vielleicht ist das auch der Grund, warum ich beginne, zum Spaß weitere Teile der Daten durch das Statistikprogramm laufen lasse. Vielleicht lassen sich noch ein paar weitere Fragen beantworten.

 

Der kletternde Psychologe Pirmin Bertle in seiner Route 'Meiose' (9b).

Sturzweite sorgt für Freude

Die Daten sind bisher leider nur zu einem Bruchteil aufbereitet, ein paar aufschlussreiche Dinge lassen sich aber trotzdem herauslesen. Dass der Kletterer an sich seine Angst gern klein redet oder in unserem Fall klein schreibt, wenn man ihn hinterher befragt, hatte schon die erste Auswertung ergeben. Die motorische Variable des Zögerns vor dem Sprung ins Seil und das psychophysiologisch bedingte Ansteigen der Herzfrequenz (vor allem durch Adrenalin bedingt) fielen zwischen den verschiedenen Stufen der Angstinduktion stärker aus, als es die Teilnehmer in den Fragebögen für ihr subjektives Befinden angegeben hatten.

Weiter wollte ich natürlich unbedingt wissen, ob die typischen Klettermacho-Vorurteile in unserer Stichprobe zutrafen. Aber siehe da, die Mädels waren im Schnitt sogar mutiger als die Jungs und sprangen freiwillig von weiter oben ins Seil. Auch die Bestmarke eines zehn Meter Sturzes auf vertikaler Wand holte sich eine weibliche Teilnehmerin. Dann war mir beim Kodieren der Videos aufgefallen, dass den Kletterern die Sprünge ins Seil beinahe besser von der Hand liefen, wenn sie weiter über dem Haken standen. Und auch das bestätigte sich.

Die Teilnehmer berichteten zudem auch in den subjektiven Daten von mit zunehmender Sturzhöhe abnehmender Angst und größer werdender Freude im Moment des Absprungs. Zu schön wäre es jetzt, hieraus eine Regel fürs Sturztraining abzuleiten, dass wenn jemand Probleme hat, von einem Meter über dem Haken ins Seil zu springen, er doch einfach noch ein bisschen weiter hinauf klettern möge. Eher jedoch entwickelt sich mit höher werdenden Graden erst eine Abhärtung gegenüber Stürzen ins Seil und in der Folge anscheinend sogar eine enge emotionale Bindung dazu. Es wäre ja auch unsinnig, nicht zu mögen, was man in den Projekten ständig tun muss.

Und wo ich schon die Variable „Freude“ bearbeitete, wollte ich doch gleich noch wissen, was meinen Professor immer so staunend hatte sagen lassen: „Diese Kletterer sind aber ein angenehmes und entspanntes Völkchen.“ Sollten am Ende selbst im Augenblick der von uns arrangierten größtmöglichen Angst positive Gefühle überwiegen? Und auch dieses etwas irrige Verhältnis bestätigte sich: Selbst im Moment des Sprungs ins die Tiefe, der Übergabe des eigenen Schicksals in die Hände eines gelangweilten Sicherers irgendwo dort unten, wollten unsere Teilnehmer noch mehr Freude als Angst empfunden haben. Und nein, wir haben keine bewusstseinserweiternden Substanzen verabreicht.

Auch insgesamt berichteten die Probanden von viel Freude, trotz des ermüdenden Untersuchungsablaufs. Wir hatten ja auch immer eine gute Zeit dort unten an der Brücke, bei schönem Wetter, Kunstwand und doch draußen, und einen Moment musste ich, der ich die Doktorandenstelle bereits ausgeschlagen hatte, an die Forschernamen denken, die da immer wieder über den Publikationen gestanden hatten: Sanchez, Drake, Van irgendwas ... Ein schönes Forscherleben wäre das. Oder wie mein Professor immer nach den gelegentlichen Besuchen bei seinen Studenten gesagt hatte: „Das war jetzt der beste Arbeitstag der letzten paar Jahre!“ Dabei waren wir ja nur ein bisschen klettern.

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02.02.2017
Autor: Pirmin Bertle
© klettern
Ausgabe 03/2016