Nina Caprez & Babsi Zangerl klettern Unendliche Geschichte (8b+)

Die Geschichte der Unendlichen Geschichte (8b+) im Rätikon


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Nina Caprez & Babsi Zangerl klettern Unendliche Geschichte 8b+
Foto: Röbi Bösch

 

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Nina Caprez & Babsi Zangerl klettern Unendliche Geschichte 8b+
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Nina Caprez und Barbara Zangerl kletterten 2015 die Unendliche Geschichte (8b+, 11 SL) im Rätikon. Damit bekam die Kammerlander-Route 25 Jahre nach ihrer Erstbegehung ihre 2. und 3. Wiederholung.

Dieser Artikel erschien in klettern 01-2016

Nina Caprez und Barbara Zangerl waren 2015 in Topform: Am 5. Juli kletterte Nina im Rätikon Hannibals Alptraum rotpunkt, während Barbara am gleichen Tag an der Westlichen Zinne Bellavista durchstieg. Dann taten sie sich für ein neues Projekt im Rätikon zusammen und konnten Anfang September Die Unendliche Geschichte (8b+) wiederholen. Eine Story über Abenteuer, Kletterethik und Freude am Klettern.

Die Unendliche Geschichte an der siebten Kirchlispitze (2350m)

(8b+ oder 10+, 320 m, 11 SL, Beat Kammerlander, Heli Scheichl, Peter Mathis, 1990; 1. RP Beat Kammerlander 1991)

Unendliche Geschichte vollendet

Die kompakten Wände der Kirchlispitzen haben schon manchem Kletterer den Atem geraubt und die jeweils besten ihrer Zeit dazu inspiriert, hier die Grenzen im Alpinklettern zu verschieben. Der prominenteste Name in der Geschichte des Rätikons, das einst die Wiege des alpinen Sportkletterns in Europa war, ist sicher der von Martin Scheel. Der Erschließer vieler harter Testpieces in diesem Gebirge entwickelte seinen ganz eigenen Stil für Erstbegehungen, der nicht nur die lokale Kletterszene beeinflusste, sondern später weithin bei alpinen Sportkletterrouten anerkannt wurde: kein Auschecken, immer von unten einsteigen, Cliffs nur zum Setzen von Bohrhaken und grundsätzlich immer freikletternd. Das waren die Regeln dieses Spiels. Manche nennen es old school, andere Kletter­ethik – die heute manchmal in Vergessenheit gerät.

Scheels Erstbegehungsstil beeinflusste unter anderem Beat Kammerlander, einen jungen Anarchisten aus Vorarlberg. Bevor der sich den glatten Platten des Rätikons zuwandte, hatte er schon den Mittelpfeiler am Heiligkreuzkofel (7+) in den Dolomiten als erster free solo geklettert und die Eiger-Nordwand im Winter durchstiegen. In den frühen 80er-Jahren lernte Beat Martin Scheel kennen. Sie gingen nicht nur einige Male gemeinsam Sportklettern, sondern tauschten auch Ideen darüber aus, was ihnen beim Klettern und insbesondere beim Erstbegehen wichtig war. „Bevor ich Martin traf, war ich total gegen Bohrhaken“, erinnert sich Beat. „Ich habe einen sehr traditionellen Hintergrund, mir kam es immer auf den Stil an. Wenn du in den Bergen eine kompakte Wand angehst und hast keine Bohrhaken dabei, dann ist das gefährlicher und braucht viel mentale Stärke. Wenn du Bohrzeug dabei hast, weißt du immer: Wenn ich etwas Dummes anstelle, kann ich immer noch einen Bohrhaken setzen und wieder abseilen. Die Elite der Tiroler Kletterer – Reinhard Schiestl, Heinz Mariacher und Luggi Rieser – hatte die Einstellung, nie Bohrhaken mitzunehmen, weil sonst jede Erstbegehung mental viel leichter wird. Meine Herangehensweise war ähnlich: Ich nahm nie Bohrhaken zu einer alpinen Erstbegehung mit. Wir glaubten an Reinhold Messners Aussage, dass Bohrhaken das Unmögliche töten.“

Die technische Entwicklung verbesserte in den Folgejahren die Ausrüstung und eröffnete neue Möglichkeiten, besonders in alpinen Wänden, die früher unmöglich schienen. Nach einigen Jahren intensiven Sportkletterns kehrte Beat zu seinen Wurzeln zurück und machte dort weiter, wo Martin Scheel aufgehört hatte: „Nachdem ich ein paar von Martins Routen wiederholt hatte, begriff ich, dass der Bohrhaken nur zur Sicherung und nicht zur Fortbewegung genutzt werden kann. Für ihn war es völlig logisch, die Bohrhaken nicht an den schwersten Stellen zu setzen, sondern nur, wo nötig, und dann die schweren Stellen darüber zu klettern. Unlogisch erschien ihm, wenn du ständig Bohrhaken setzt, nur weil du zu schwach bist. Ich beschloss dann, ebenfalls diesem Stil zu folgen, weil die Kletterei so sicher und zugleich ernst blieb. Immerhin waren wir die ersten, die im Gebirge überhaupt stürzen durften.“

Beats Entschluss führte von 1986 bis 1997 zu einer Reihe außergewöhnlicher Neutouren, beginnend mit Maximum (8a) und Morbus Scheuermann (7c, immer noch unwiederholt) bis New Age (8a+) und schließlich dem bekanntesten Trio: Unendliche Geschichte (8b+), Silbergeier (8b+) und WoGü (8c). Jede davon 100 Prozent Qualität, jede mit ganz eigenem Charakter, jede ihrer Zeit weit voraus.
Die erste dieser drei Superrouten, Unendliche Geschichte, eröffnete Beat 1990 an der Siebten Kirchlispitze. Die Route, die ihrem Erstbegeher, einem der besten Kletterer seiner Zeit, alles abverlangte, hatte von Anfang an den Ruf, sehr hart zu sein. Der Österreicher brauchte ein Jahr für die Erstbegehung: „Das war definitiv ein Meilenstein in meiner Kletterkarriere. Anfangs hatte ich nicht vor, die Route an einem Tag rotpunkt zu klettern. Ich konnte die einzelnen Sequenzen klettern, aber ich war nicht stark genug, das am Stück zu durchsteigen. Dann trainierte ich wie nie zuvor, ein ganzes Jahr lang und spezifisch für dieses Projekt.“

„Beat durchstieg Unendliche 1991, und damals war das das alpine Äquivalent zu Action Direct beim Sportklettern“, sagt der Italiener Pietro dal Pra, Beats Freund und Kletterpartner. „Er war ein Visionär. Er dachte sich immer wieder etwas Neues aus, um das Klettern voranzubringen, vor allem, wenn es um Erstbegehungen ging.“ Dies war eine der Einstellungen, die Pietro, ebenfalls ein Pionier im Klettern, mit Beat teilte: „Ich verbrachte viel Zeit in Vorarlberg. Die Rätikon-Kletterer waren sehr offen, aber auch echte Allrounder, die Sportklettern, Bouldern und alpines Klettern beherrschten. Ich habe immer nach dem Unbekannten gesucht, und die Routen im Rätikon waren zu der Zeit noch ein bisschen sagenumwoben. Darum begann ich mich, für die Unendliche zu interessieren.“ Die Route musste volle 14 Jahre auf eine Wiederholung warten. 2005 gelang dem Italiener schließlich die zweite Rotpunktbegehung. In der Folgezeit interessierten sich immer noch kaum Kletterer für die Tour. Geschichten von langen Runouts in kompakten Platten schreckten viele ab, zudem verdiente sich Beat mit späteren Solos wie dem der Route Mordillo (8a+) oder der Eisroute Marylin Manson (WI6) im Brandner Tal endgültig den Titel „Mann ohne Nerven“. Was nur noch bestätigte, dass er gerne das Abenteuer weitab von sicheren Bohrhaken suchte.

Aus Liebe zum Abenteuer

In den 80er-Jahren war das Klettern ein Sport oder besser ein Lebensstil, der vor allem Außenseiter, Freiheitsliebende und Verrückte anzog. Es saugte nicht nur ihre Körper, sondern auch ihren Geist komplett auf, und der Nachhall dieser Passion ist in einigen alpinen Felsarenen wie dem Rätikon immer noch zu spüren. Die nächsten Generationen übernahmen irgendwann den Staffelstab und rannten weiter, verspürten aber weniger Lust auf die weiten Runouts an der Siebten Kirchlispitze.

„Beat und ich freuten uns, als wir hörten, dass die Mädels die Route versucht hatten“, sagt Pietro. Die „Mädels“ kommen aus Österreich und der Schweiz. Abgesehen davon, dass sie super stark sind, sind sie auch noch gleichermaßen motiviert und entschlossen. Sie teilen die gleichen Werte im Leben und die gleiche Liebe fürs Abenteuer. Sie haben alles, was es braucht, um nach den Regeln des Rätikons zu spielen. Es war Babsi Zangerl, die zuerst auf Unendliche Geschichte aufmerksam wurde und diesen Fokus an Nina Caprez weitergab: „Wir filmten mit Beat im Silbergeier für einen Film über die Alpine Trilogie. Beat gab ein Interview zum Silbergeier und generell zum Klettern im Rätikon, und irgendwann erzählte er auch von Unendliche Geschichte. Er sagte, er wisse nicht, warum die Route nur eine Wiederholung hat, wo doch die Route und die Wand selbst einfach wunderschön seien. Es stimmt, die Wand schaut unglaublich aus, und wenn du eine der einfacheren Routen in der Nachbarschaft kletterst, zieht es den Blick immer wieder dorthin. Ich beschloss, dort wenigstens einmal einzusteigen“, erzählt Barbara.

Im Bann der Unendlichen Geschichte

Sie und Nina kennen sich seit Jahren und waren schon einige Male gemeinsam in der Gegend klettern. Nina wuchs in Küblis direkt unterm Rätikon auf, wo Martin Scheel, Beat Kammerlander und Peter Schäffler als Helden galten und ihre Ethik respektiert wurde. Schon als Jugendliche akzeptierte Nina die Rolle des Unbekannten beim Klettern. Immer mit einem Maillon Rapide, einem kleinen Rückzugskarabiner, am Gurt war der Schweizerin klar, dass sie beim Klettern im Rätikon eine neue Dimension betritt, wo man womöglich lang vor Erreichen eines Standplatzes oder gar des Ausstiegs mitten in der Route den Rückzug antreten muss.

So viel Respekt die beiden auch vor der Route hatten, stiegen sie schließlich in die Wand ein. Und je härter diese psychologische Mixtur aus Balance finden, in Bewegung bleiben, präzise klettern und die Nerven behalten wurde, desto mehr zog sie Barbara und Nina in den Bann. Pietro erinnert sich: „Beat sagte immer, dass Unendliche Geschichte und Silbergeier Routen von höchster Qualität seien, und dem kann ich nur zustimmen: sauberer, fester Fels.“ Und Nina ergänzt: „Es ist immer noch unglaublich pure Kletterei. Kein Chalk, keine Tickmarks und dieser besondere, sehr boulderlastige Stil, wo du dich selbst in 6b-Seillängen schwer tust.“

Als Nina und Babsi das erste Mal unter der Siebten Kirchlispitze standen, hatten sie sich vorgenommen, bis zur ersten Schlüsselseillänge (8b) zu klettern. Abgesehen davon, das Unendliche vom Stil und der Schönheit außergewöhnlich ist, ist sie natürlich auch extrem schwierig, wie Babsi berichtet: „Wir verbrachten ungefähr zwei Stunden in den ersten drei Metern dieser Seillänge und versuchten alle möglichen Methoden, meist ohne Erfolg. Wir hatten keinerlei Info, wie das gehen soll. Eins meiner Mottos ist: Je weniger Informationen, desto größer das Abenteuer. Ich finde das cool, muss aber zugeben, dass es manchmal nicht sehr hilfreich ist. Nachdem wir drei mal in der Route waren, dachten wir schon: Vielleicht sollten wir aufgeben. Aber jedes Mal sagten wir uns: einmal noch, ein letztes Mal.“

Die folgende 8b+-Seillänge erforderte eine Art Jojo-Taktik. Nina und Babsi wechselten sich fünf mal im Vorstieg ab, wobei jede versuchte, einen Bohrhaken weiterzukommen oder wenigstens die nächsten Griffe zu finden. Dazu Babsi: „Mir ist dieser Prozess des Ausboulderns einer Route, des Klettern ins Ungewisse und die Angst davor wichtig. Und Teamarbeit ist dann gut, wenn sie dich zu Höchstleistungen und zum Ausstieg treibt. Und das war genau das, was ich mit Nina erlebte. Nicht zu vergessen, dass wir jede Menge Spaß hatten.“

Team-Spirit im Rätikon

Schließlich machte sich der gemeinsame Einsatz, unterstützt durch einige Tipps von Beat, bezahlt. Nach zehn Tagen waren beide in der Lage, die Seillängen einzeln rotpunkt zu klettern. Nun waren sie bereit für mehr. „Aus verschiedenen Gründen hatten wir erst eine dreiwöchige Pause. Dann rief mich Babsi an, sie sei bereits, es wieder zu versuchen“, erzählt Nina. „Ich war viel gereist in der Zeit und ziemlich erschöpft. Aber ich beschloss, vier Tage Pause zu machen, was bei mir selten vorkommt, und begann mich zu erholen.“ Die beiden trafen sich im Rätikon und erörterten ihre Möglichkeiten. Schließlich beschlossen sie, dass jede von ihnen die komplette Route in einem Zug rotpunkt versuchen würde.

„Ich hatte mehr an eine Teambegehung gedacht, weil ich unseren tollen Teamspirit nicht verlieren wollte. Individuelle Rotpunktbegehungen bedeutete, dass eine von uns zuerst versuchen und die Route vielleicht klettern würde. Dann würden die Medien das als erste Frauenbegehung bezeichnen. Dabei gibt es in meinen Augen keinen Unterschied zwischen Frauen und Männern, besonders bei senkrechten, technisch anspruchsvollen Klettereien wie im Rätikon. Es gibt nur einen Unterschied, der zählt, und das ist der zwischen dem Erstbegeher und allen, die danach kommen. Wiederholer haben immer einen Vorteil, weil sie schon wissen, dass die Route geht“, meint Nina. Barbara findet, dass es bei herausragenden Leistungen in der Klettergeschichte schon Sinn macht, eine erste Frauenbegehung zu erwähnen: „Aber es ist für mich sicher kein Ansporn, eine Route zu versuchen, nur um eine erste Frauenbegehung zu holen. Dann hätte ich auch nicht Nina gefragt, ob sie bei diesem Abenteuer dabei sein will “, ergänzt Babsi.

Der Morgen des 8. September 2015 erwachte feuchtkalt. Das Team musste erst mal warten, bis die ersten beiden Seillängen abgetrocknet waren. Die sind zwar mit den Graden 6b+ und 6c+ nicht die schwierigsten, aber auch die „leichteren“ Seillängen sind im Rätikon nie leicht und die weiten Hakenabstände machen sie nicht einfacher, schon gar nicht zum Aufwärmen. Nina sollte als Erste klettern: „Ich war echt im Stress. Beinahe hätte ich zu Babsi gesagt: Geh du, ich kann nicht. Aber dann zog ich meine Kletterschuhe an, berührte die ersten Griffe, und die ganze Welt um mich herum verschwand. Ich war total fokussiert aufs Klettern. Und mental zu allem bereit: stürzen, Züge gerade noch halten, egal. Ich fühlte mich in meinem Element.“ „Nina zuzuschauen war ein tolles Erlebnis. Ich konnte sehen, dass sie anfangs ein bisschen unsicher war, aber als sie loskletterte, änderte sich ihre Verfassung. Obwohl sie in den 7b+ und 7c+ Seillängen vor den Schlüsselseillängen schon stürzte, blieb sie cool und motiviert“, erzählt Babsi.

Das Nächste, woran Nina sich erinnert, ist der Ausstieg und ein seltsames Gefühl, eine Mischung aus Glück und noch ausstehender Pflicht: „Es war die Erkenntnis, dass unsere Mission erst zur Hälfte erfüllt war. Jedes Mal, wenn ich eine Länge punktete, war Babsi voller Begeisterung und feuerte mich noch mehr an. Ihre Energie war unglaublich. Jetzt war sie dran, und ich wollte alles zurückgeben.“

Der Druck lastete nun auf Babsi, das Spiel begann von Neuem. Nur dass am Tag darauf Wolken verhinderten, dass der Einstieg der Route richtig abtrocknete. „Ich beschloss, trotzdem einzusteigen. In der 7+ Seillänge nahm ich einen anderen Untergriff als sonst, und beide Füße rutschten auf der nassen Platte weg. Irgendwie erwischte ich genau im richtigen Moment den nächsten Griff. Das war wohl der Moment, wo ich am meisten Glück in der Route hatte. Für mich selbst überraschend konnte ich dann alle anderen Längen auf Anhieb klettern. So ist das Klettern im Rätikon: Die schlimmsten Momente hast du oft in vermeintlich leichten Passagen.“

Babsi kletterte sich in den gleichen Flow wie Nina tags zuvor und durchstieg die Route und alle riskanten Passagen in voller Konzentration. „Konzentration ist wie eine innere Uhr, die kommt und geht“, sagte Beat einmal. „Auch die Angst kann mit ihr kommen. Aber da ist auch Vertrautheit und manchmal die Gelegenheit, tief in deine Seele zu blicken. Denn dort gibt es keine Lügen mehr. Dort gibt es nur noch die Wahrheit.“

Nachdem sie ihre Mission abgeschlossen hatten, lagen Nina und Babsi am Nachmittag auf dem Gipfel der Kirchlispitze und beobachteten, wie die Sonne feuerrot hinter den Bergen unterging. Ihre lange Reise war am Ende, und beide hatten alles gegeben, um sie so perfekt wie möglich zu machen: „Für mich ist die Unendliche Geschichte das Ergebnis einer langen Periode, während der ich mein Leben neu definiert habe. In den letzten zwei Jahren wurde ich immer mehr zur Maschine. Ich trainierte viel, ging viel zum Sportklettern, wollte immer noch härter klettern. Letzten November brauchte ich dann eine Pause. Die führte mich zu den Wurzeln meines Kletterns zurück. Ich erinnerte mich, warum ich klettere und was ich wirklich brauche, um gut zu klettern. Und ganz ehrlich, ich brauche all das Training und die Campusboard-Übungen nicht. Mir ist eine große Motivation, die sich aus einer ebenso großen Lebensfreude, aus der Freude an Partnern und Freundschaften speist, lieber. Diese Dinge haben die Kraft, mich verrückte Dinge schaffen zu lassen, und Unendliche Geschichte war nur das Resultat dieses ganzen Prozesses des Suchens und Findens“, fasst Nina zusammen.

Jedes Jahr, in dem keine ihrer Routen wiederholt wird, wächst der Respekt für die Erstbegeher Martin Scheel, Beat Kammerlander und Pietro dal Pra, die ihre wohlverdienten Plätze im Pantheon des Kletterns schon eingenommen haben. „Ich denke, dass beide Routen, Unendliche Geschichte und Silbergeier, ihren Reiz nie verlieren werden. Das liegt an ihrem Stil und Charakter, der Art der Absicherung und ihrer Lage. Sie sind für viele einfach erreichbar. Aber wenn du sie kletterst, schaust du immer weit zum letzten Bohrhaken hinunter. Obwohl die Schwierigkeitsskala so erweitert wurde in den letzten Jahren, stellen diese Routen immer noch eine große Herausforderung dar. Und ich freue mich immer, wenn Kletterer die Ethik respektieren“, meint Pietro dal Pra.

Träume statt Projekte

Was leider nicht immer der Fall ist: „Die Methoden, die du im Silbergeier immer öfter beobachten kannst, finde ich sehr verstörend. Das Erlebnis in der Route ist nicht mehr das Gleiche. Fixe Expressschlingen und lange Clipsticks killen das Abenteuer“, sagt Nina, und Babsi fügt hinzu: „Natürlich ist jeder frei, seine Methoden zu wählen. Aber wenn du daran denkst, wie die Routen erstbegeangen wurden, dann scheint es unfair, all diese Erleichterungen zu nutzen und hinterher von einer schnellen Begehung zu sprechen. Neben dem Respekt vor der Ethik des Erstbegehers gibt es auch noch den Aspekt des Abenteuers, und einen Bohrhaken anzuklettern ist in Gebieten wie dem Rätikon eben Teil des Abenteuers.“

„Sportklettern oder Bouldern haben sich in den letzten beiden Jahrzehnten gewaltig weiter entwickelt“, sagt Nina, „aber beim alpinen Sportklettern ist der Stand ungefähr gleich geblieben. Und die Unendliche Geschichte ist ein Beleg dafür.“ Ihre und Babsis Begehung dieses Meisterwerks von Beat Kammerlander markieren einen wichtigen Moment in der Geschichte des Kletterns im Rätikon. Wobei das, so Nina, den beiden Frauen nicht das Wichtigste war: „Am Ende geht es nicht darum, ob du eine Route durchstiegen hast oder nicht. Es ist das Erlebnis, das zählt und das dich zu einem Gewinner macht. Babsi und ich sehen unsere Ziele nicht als Projekte, sondern als Träume an.“


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01.03.2016
Autor: Piotr Drodz, Monika Jedrzejewska
© klettern
Ausgabe 01/2016