Neues für Kletterer

Was Kletterer wollen

Die Bergsportausrüster beglücken uns Jahr für Jahr mit neuem Equipment. Dennoch gibt es vieles nicht, was wir gut brauchen könnten. Und manches nicht, von dem wir noch nicht wissen, dass wir es wollen.

 

Sicherungsbrille CU
Foto: Powernplay.de Manch ungewöhnliche Erfindung hat Chancen auf dem Klettermarkt: geschafft hat es zum Beispiel die Sicherungsbrille CU.

Was haben wir nicht alles gesehen auf der letzten OutDoor-Messe: Karabiner mit einem einzigen, streichholz­dicken Schnapper; Seile, die so öko sind, dass beim ersten Regen der Hanf aus ihnen sprießt; Membranen, durch die man Luft blasen kann, die beim Draufspucken aber nichts durchlassen.
Und doch: Wer als Redakteur ebenso sehr der Theorie wie der Praxis des Bergsports huldigt und mehr von der Phantasie als der Fingerkraft lebt, dem fallen im Lauf der Jahre noch ein paar Dinge ein, die die Kletterwelt gut gebrauchen könnte. Oder mit denen findige Firmen zumindest gut Kasse machen könnten.

Eisgerät mit beheizten Griffen

Beginnen wir mit den einfachen, offensichtlichen Erfindungen: Im Oralen hat die Elektrifizierung längst Einzug gehalten, warum nicht auch an den Blöcken der Welt? Mit einer elektrischen Boulderzahnbürste ließen sich Chalk, Hautreste und anderer Schmutz viel gründlicher und kraftsparender von den Griffen entfernen als von Hand. Ähnlich simpel und auf beziehungsweise in der Hand liegend: das Eisgerät mit beheizten Griffen. Nicht nur für kälteempfindliche Damen ein Komfortplus im Wasserfall und in der Nordwand. Natürlich werden die Akkus über die Schwung­-Energie beim Einschlagen und damit CO2-neutral geladen, damit das Klima auch schön eisig bleibt.

Von der Elektrik geht‘s gleich weiter zur Elektronik. Und damit auch zu den neuen Medien. Jeder hat ein Handy. Und einen Klingelton. Aber passt der Klingelton zu deinem Typ? Als Kletterer? Wahrscheinlich nicht so richtig, und hier liegt ein weiteres Geschäftsfeld brach: Klingeltöne für Kletterer. Für den durchschnittlichen Sportkletterer bietet sich ein aus vielen französischen Kehlen gerufenes „Allez, allez …“, gegen Aufpreis auch mit Personalisierung des Gerufenen: „Allez, Scherard, allez …“. Ja, Gerhard, allez, allez, rangehen – es klingelt. Der Boulderer bekommt von Klem Loskot ein aufmunterndes und immer aufgeregteres „Kumm, geht scho, geht scho, auf, geht scho, kumm, geht scho“ als Klingelzeichen zugerufen. Und für den Alpinkletterer bietet sich Hermann Buhls legendärer 60-Meter-Sturz an der Fleischbank an. Der geht ungefähr so: Erst das Scharren von schweren Stiefeln an Fels, untermalt von Keuchen und Stöhnen. Dann ein langgezogener Schrei (mit viel Echo und Hall) und das Klappern von Haken und Karabinern, schließlich ein dumpfes Rumpeln und kurze Stille. Wer den Anruf jetzt noch nicht entgegen genommen hat, hört als nächstes Hermann Buhls Ausruf: „Was ist mit dir, Waldi?“ und Waldemar Grubers überraschte Entgegnung: „Ja, lebst du?“, beides originalgetreu nachgesprochen von Schauspielern des Tiroler Landestheaters in Innsbruck. Spätes­tens bei Waldemar Grubers „Ja, lebst du?“ sollte man rangehen.

 

Boulder in Tüten: Midnight Lightning
Foto: Sarah Burmester Für nur 54,95 Euro: Midnight Lightning im Super-Sonder-Angebot!

Boulder in Tüten

Womit wir zum Sahnestückchen unserer bisher unverwirklichten Geschäftsideen kommen. Dass damit wirklich Geld gedruckt werden kann, haben mir Kletterkameraden zu biergeschwängerter Stunde immer wieder bestätigt. Echte Unternehmer im Allgemeinen und unternehmerisch denkende Kletterwandbauer im Besonderen sollten aufhorchen, denn wir machen euch reich. Das Zauberwort heißt: „Bouldern in Tüten“, oder kurz: BIT. Das Prinzip ist einfach, das Potenzial riesig.

„Bouldern in Tüten“ besteht im Grundsatz aus zwei Komponenten: Zunächst wird dem trainings­eifrigen Kletterer oder Boulderer eine Schlaf- oder sogar Wohnzimmer-taugliche kleine Boulderwand verkauft. Diese ist auf einfache Weise in der Neigung verstellbar und nimmt nur soviel Platz ein, dass sie in möglichst jede Wohnung passt. Die Boulderwand verfügt über ein klar bezeichnetes Raster an Griffbefestigungsmöglichkeiten.
„Wann kommen denn die Tüten ins Spiel?“, höre ich die Boulderer unter euch fragen. Jetzt. Denn statt zusammengewürfelter Griffesets verkaufen wir dem Konsumenten fix und fertige Boulder – in Tüten. Die kann er sich beim Sport Schuster oder beim Globetrotter holen und zuhause an die Wand schrauben. Natürlich enthält jede Tüte eine Schraubanleitung sowie eine Vorgabe für die Neigung der Wand – denn nur so, in just dieser Form, ist der Boulder genau so schwer wie auf der Tüte angegeben.

Soviel zur rein praktischen Ebene dieser Idee. Doch „Bouldern in Tüten“ ist noch viel mehr. Warum nicht jeden Monat einen neuen Boulder in einem bestimmten Schwierigkeitsgrad anbieten? Und wenn etwas schon monatlich erscheint, bietet sich doch gleich der Einkauf im Abo an: Statt jedesmal in den Laden latschen zu müssen, schickt mir der Hersteller die neue Bouldertüte einfach zu. Und das ist nicht einfach eine Tüte mit ein paar Griffen drin: Warum sollen die Boulder keine Namen haben? Warum nicht bekannte Probleme anbieten? Womöglich von bekannten Boulderern designt? Ich sehe schon die Gerüchte im Internet: „Wie aus eingeweihten Kreisen zu hören ist, soll im kommenden März bei „Bouldern in Tüten“ endlich Midnight Lightning auf den Markt kommen. An den Griffdetails arbeitet derzeit Ron Kauk. Auch Fred Nicoles Dreamtime soll noch nächstes Jahr erscheinen.“
Womit wir auf der Metaebene von „Bouldern in Tüten“ angekommen wären. Denn ein gutes Produkt alleine genügt heute nicht mehr, darum muss – und das war auf der OutDoor wie immer schön zu beobachten – eine Markenwelt aufgebaut werden, und mit dieser Markenwelt muss dem Kunden ein positives Erlebnis versprochen werden. „Bouldern in Tüten“ leis­tet all das. Denn erstens lassen sich die an die Wand geschraubten Boulder jetzt weltweit direkt vergleichen. Zweitens sind sie über ihre Namen und Kreateure von vornherein emotional aufgeladen. Und um das Potenzial vollends auszuschöpfen, kreieren wir im Web eine Community, in der sich BIT-User vergleichen und austauschen können: „Habe Probleme mit dem Start von Dreamtime. Hat jemand einen Tipp, wie ich rechts hooken soll?“
Kann man von einem Kletterprodukt mehr erwarten? Ich denke nicht. Lizenzgebühren gehen natürlich an uns, das gilt im übrigen auch für Einwegkeile, Chalkhosen, Eisbühler und alles andere.

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Autor: Ralph Stöhr
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Ausgabe 09/2010