Klettern im Angesicht von Krankheit

Solo-Klettern statt Herzoperation

Klettern statt Herz-OP: Julia R.
Foto: Archiv Julia R.
Dass wir am Leben sind und klettern gehen können, ist für die meisten von uns eine Selbstverständlichkeit. Für Julia R. nicht. Ihre Geschichte.

 

Klettern statt Herz-OP: Julia R.
Foto: Archiv Julia R. Julia beim Klettern in Konstein.

Vor ihrer letzten angesetzten Herz-Operation drehte Julia (50) just vor dem Krankenhaus um. Hier erzählt sie ihre Geschichte.

Soloklettern statt Herzoperation

Klettern war mein Leben, meine Liebe, meine Leidenschaft! Die Berge, das "Extreme"! Seit vielen Jahren leide ich an einer seltenen, fortschreitenden Autoimmunerkrankung. Das geht einher mit starken Schmerzen in Muskulatur und Gelenken, diese versteifen langsam, wenn ich nicht diszipliniert jeden Tag trainiere.

Oft kann ich die Schmerzen nur mit Morphium aushalten. Einige Organe sind ebenfalls betroffen. So leide ich an einer sogenannten Kardiomyeopathie (lebensgefährliche Herzschwäche) und an Lungenfibrose (die Lunge wird immer kleiner und das Atemvolumen entsprechend auch, ich bekomme also immer weniger Luft).

So wurde es mit dem Sport immer schwieriger. Ich bin einige Male reanimiert worden, habe dem Tod schon öfter ins Auge gesehen. Die Ärzte prophezeiten, wenn ich weiter klettern gehen würde, wäre mein Ableben nahe. Also gab ich alles auf... und war todunglücklich.

 

Klettern statt Herz-OP: Julia R.
Foto: Archiv Julia R. Julia liebt das Klettern über alles.

Da ich beim Klettern immer wieder mal bewusstlos wurde, war es nur allzu verständlich, dass irgendwann keiner mehr mit mir klettern gehen wollte. Es war schlimm für mich, nicht mehr mithalten zu können, immer schwächer zu werden, auch sozial mehr und mehr isoliert zu sein. Mein Zustand wurde stetig schlechter. Und als mal wieder eine Operation am Herzen anstand, wusste ich, danach wird es mir noch schlechter gehen.

Als ich für die Herzoperation vor der Klinik stand, meinen Koffer in der Hand, kam die Panik. Was bringt das Ganze? Wie werde ich es aushalten? Früher einmal hatte ich als Nonne in einem kontemplativen Kloster gelebt. Ich erinnerte ich mich plötzlich an einen von unserer Äbtissin immer gern ausgesprochenen Satz: "Mädle, du muscht imma da nehma wo’s steht…." Jetzt leuchtete mir der Satz ein: Philosophisch interpretierte ich ihn so, das Glück nicht irgendwo zu suchen oder auf es warten zu müssen, sondern es dort zu sehen, wo es jetzt gerade für mich bereit steht.

 

Klettern statt Herz-OP: Julia R.
Foto: Archiv Julia R. Julia nach dem Klettern: fix und fertig, aber glücklich.

"Ich habe den Tod einkalkuliert"

Ein Glücksgefühl packte mich, ich machte auf dem Absatz kehrt und entschloss mich, klettern zu gehen. Die Sachen wieder ins Auto gepackt und ab ins Tessin! Ein super Gefühl von Freiheit und freier Entscheidung begleitete mich. Weil ich weder Partner noch Familie hatte, beschloss ich eine Solo Klettertour zu machen. Egal, was passieren würde.

Als ich zur Felswand ging, konnte ich mich am Einstieg kaum auf den Beinen halten. Mein Herz raste, mir ging es schlecht. Ich schaute den Fels entlang nach oben und ein geradezu schelmisches, innerliches Lächeln beschlich mich. "So", dachte ich, "nun schauen wir doch mal, wer von uns beiden gewinnt...", aber nicht verbittert und mit Selbsthass oder gar in suizidaler Absicht, sondern einfach so als "Experiment“. Gut, ich habe den Tod natürlich einkalkuliert.

Ich stieg ein, wie gesagt in sehr schlechtem Zustand. Nach wenigen Höhenmetern kam dann so ein "Umswitchen". Ich spürte meine Schwere, die Schmerzen und das rasend schnell schlagende Herz nicht mehr. Pures Glücksgefühl durchflutete mich. Das Gefühl, den geliebten warmen Felsen anzufassen, der Geruch, die Ausgesetztheit, es war unfassbar gut! Die quälende Erschöpfung war weg.

 

Klettern statt Herz-OP: Julia R.
Foto: Archiv Julia R. Julia beim Bouldern an einem Mäuerchen.

Dann, auf halber Strecke, rutschte ich plötzlich wieder in den anderen Zustand. Panik und Todesangst überkamen mich. Knapp 100 Meter Luft unterm Hintern und die "Nähmaschine" (Beinzittern) beherrschte mich. Mir war klar: Das ist das Ende! Für einen Moment ging mir ALLES durch den Kopf, mein Elend und die Hoffnungslosigkeit in meinem Leben, aber auch die ganze Schönheit dieser Welt.

Ich dachte an meine Kindheit, die von Folter und Alleingelassenheit, aber auch von Abenteuern beherrscht war. Mir fiel ein, wie ich als sechsjähriges Mädchen auf einer Frankreichtour vor meinem Stiefvater geflüchtet war und mich drei Tage ganz allein in der Pampa durchschlug. Ich erinnerte mich an diese innere Kraft, die mich schon als kleines Kind gerettet hatte. Meine ganze Not überwältigte mich. Knapp hätte ich losgelassen, aber dann war plötzlich alles ganz ruhig.

Ich war mir ganz sicher, dass ich leben will! Leben – jeden Moment aufsaugen, dieses kostbare Leben, das ich nur ein einziges Mal leben darf. Ich sah das Elend auf der Welt und mir war bewusst, wie privilegiert ich doch bin. Also machte ich mir klar: Julia, es gibt jetzt nur einen Weg - und der geht nach oben…. Meine unendlich schmerzenden Finger griffen die kleinen Felsleisten und ich setzte meine Füße stabil auf Reibung. Immerhin war ich im 6. – 7. Schwierigkeitsgrad unterwegs.

 

Klettern statt Herz-OP: Julia R.
Foto: Archiv Julia R. Julia beim Abseilen am Burgstein.

"Kann sein, dass ich ohnmächtig war"

Es gelang mir wieder in den Flow zu kommen. Mit dieser mentalen Verfassung konnte ich den Puls senken und die Beine wurden ruhig. Es war ein unbeschreibliches Gefühl von Stärke und Sicherheit. Ich schaffte es tatsächlich, oben auszusteigen. Völlig erschöpft und überglücklich brach ich auf dem Plateau zusammen.

Kann sein, dass ich ohnmächtig war, jedenfalls lag ich am Morgen immer noch da. Mir wurde bewusst, dass ich lebe. Ein medizinisches Wunder?! Ich musste laut über mich selbst und über alle Aussagen von Ärzten lachen. Überhaupt war in mir alles heiter und leicht. Eigentlich würde ich jetzt gerade auf dem OP-Tisch liegen, in Wirklichkeit saß ich in herrlicher Umgebung an einem wunderschönen Ort mit Aussicht auf den Lago Maggiore. Was für ein Glück! Was für ein Privileg! Was für ein Wunder! Was für eine Freiheit!

 

Klettern statt Herz-OP: Julia R.
Foto: Archiv Julia R. Henning Biedermann zeichnete Julias Situation so.

Durch diese Erfahrung an der absoluten Grenze bin ich in einen neuen Alltag gegangen. Mit der Krankheit und meiner Situation konnte ich Frieden schließen. Ich habe entschieden, mich von der Medizin weitgehend zu lösen und einen eigenen Weg zu gehen. Den Kummer über mein "Schicksal" loszulassen und mein Herz für die Menschen zu öffnen. Ich konnte eine gewisse Selbstdistanziertheit entwickeln, die mich auch im Leid frei und gelassen sein lässt.

Immer wieder war ich free solo am Fels unterwegs, wenn es mir besonders schlecht ging. Ich lebe und "nehme da, wo es steht" (Danke Frau Äbtissin!) Und dass ich immer noch leben darf, ist für mich das größte Geschenk. ALLES ist möglich! Man kann weitaus mehr, als einem bewusst ist. Die eigenen Ressourcen sind unerschöpflich! Ich bin nicht religiös, schon gar nicht esoterisch, aber der Glaube an diese Kraft und die Selbstverständlichkeit Dinge einfach zu tun, versetzen tatsächlich Berge.

 

Klettern statt Herz-OP: Julia R.
Foto: Archiv Julia R. "Atemnot aber happy" nannte Julia dieses Bild.

Auf unsere Nachfrage fügte Julia noch hinzu:

Ich habe eine Autoimmunerkrankung im rheumatischen Sinne. Das Ganze ist sozusagen ein Gendefekt. Der bewirkt, dass in meinem Körper ständig Krieg herrscht. Entzündungen, die vom eigenen Immunsystem hervorgerufen werden. Dadurch entstehen natürlich immer größere Schäden. Mit der Herzschwäche und der Lungenfibrose und den ständigen Schmerzen in den Gelenken und Muskeln wird mein Lebens - und Aktionsfenster wird immer kleiner. Es ist oft unerträglich und nur mit Morphium auszuhalten.

Insgeheim hoffe ich, dass es mich doch einmal plötzlich, am liebsten in den Bergen, wenn ich mal wieder den Mut habe etwas (in meinem Zustand) Verrücktes zu machen, erwischt. Das würde mir viel ersparen. Ansonsten kann es sein, dass ich noch lange lebe und es dauert, bis ich mich dann nicht mehr bewegen kann und "endlich" erstickt bin. Es ist in jeder Hinsicht keine schöne Perspektive. Aber daran denke ich möglichst nicht. Ein Lied aus meiner Klosterzeit hieß: "Jetzt ist die Zeit, jetzt ist die Stunde, heute wird getan....."

Und das ist mein Motto, "Immer da nehmen wo's steht..." Ich finde immer einen Grund zur Dankbarkeit. Heute wird es mit dem Klettern immer schwieriger und oft kann ich sowieso nur zusehen. Nur selten habe ich die Kraft eine Route zu rocken. Aber im Gegensatz zu früher macht es mich heute auch sehr glücklich, wenn ich sehe, wie glücklich andere am Fels sind! Wie gut es tut, sich ohne Schmerzen bewegen zu können und ohne die Angst, das Herz würde gleich stehenbleiben, vorsteigen zu können...

Danke Julia!


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13.06.2016
Autor: Julia R.
© klettern