Kletter-Verletzungen & Prävention

Klettern bis der Arzt kommt?

Finger Tapen fürs Klettern
Foto: Volker Schöffl
Wie erkennt und behandelt man Ver­letzungen und Überlastungsschäden beim Klettern? Und wie vermeidet man sie?

 

Bouldern im Tessin - Finger aufgestellt
Foto: Frank Enz Bouldern, hier im Tessin, bedeutet Stress für die Finger.

Noch immer gilt Klettern in großen Teilen der Bevölkerung und bei Versicherungen als Risikosportart. Unsinn! Das Unfallrisiko beim Sportklettern oder Bouldern ist um ein Zehnfaches geringer als beim Fußball. Im Gegenteil: Klettern ist gesund, offensichtlich so gesund, dass inzwischen sogar in Physio­therapie-Zentren kleine Kletterwände zu finden sind.

Aber auch wenn an den viel­zitierten Fingerspitzen nicht das Leben hängt, so hängt doch oft das gesamte Körpergewicht daran. Sprich, besonders unsere Greifwerkzeuge, aber auch Arme und Schultergelenke müssen einiges aushalten. Und manchmal halten sie es eben nicht mehr aus – rund 80 Prozent der kletterspezifischen Beschwerden treten an den oberen Extremitäten auf, mehr als die Hälfte davon an Hand und Fingern.

Die meisten Verletzungen beim Sportklettern betreffen die Ringbänder an den Fingern. Mehr als zwei Drittel der beim Klettern auftretenden Beschwerden sind jedoch keine akuten Verletzungen, sondern Überlastungsschäden wie Sehnenscheidenentzündungen, Tennis- und Golfer-Ellbogen oder Überlastungen im Schulterbereich.

 

Foto: Jakob Schroedel Klettern an der Kunstwand ist nicht unbedingt gelenkfreundlich. Hier: Cedric Lachat beim Boulderweltcup.

Die gute Nachricht: Überlastungsschäden sind kein Schicksal. Es liegt in eurer Hand, diese zu vermeiden. Und damit ist nicht gemeint, dass ihr um kleine Griffe und harte Züge einen Bogen machen sollt. Wer unsere allgemeinen Empfehlungen (auf den nächsten Seiten) beherzigt, steigert seine Chancen, frei von größeren Blessuren zu bleiben, schon enorm.

Aber auch für die weniger Glücklichen gibt es gute Nachrichten: Hinsichtlich kletterspezifischer Verletzungen und Überlastungsschäden hat die Medizin in den vergangenen zehn Jahren große Fortschritte sowohl bei der Diagnostik als auch bei der Behandlung gemacht. Und dank der Publikationsoffensive kletternder Ärzte wie dem deutschen Nationalmannschaftsarzt Dr. Volker Schöffl oder dem Züricher Chirurg Dr. Andreas Schweizer ist der Klettersport inzwischen in der Sportmedizin sehr präsent. Dazu tragen auch kletterspezifische Fortbildungen für Ärzte bei, wie sie Schöffl schon seit Jahren anbietet.

Auch in der Schweiz werden inzwischen solche Kurse für Mediziner abgehalten.
Und natürlich wächst mit der stetig steigenden Zahl der Kletterer auch die Zahl der kletternden Ärzte. "Es ist aber nicht entscheidend, dass der Arzt oder Physiotherapeut selbst klettert. Wichtig ist nur, dass er sich mit der Materie – insbesondere bei Hand- oder Fingerverletzungen – auskennt", beschreibt Schöffl das Anforderungsprofil. Das Hauptproblem sieht er jedoch woanders: "Viele Kletterer pausieren bei Beschwerden lieber ein halbes Jahr als zum Arzt zu gehen. Dabei ist es bei vielen Verletzungen von entscheidender Bedeutung, dass sie möglichst frühzeitig behandelt werden."

Dies gilt auch für Verletzungen der Wachstumsfugen bei jugendlichen Kletterern, deren Zahl in den letzten Jahren analog zur gesteigerten Trainingsintensität in jungen Jahren angestiegen ist. Treten bei Kindern und Teens langsam zunehmende Schmerzen und Schwellungen an den Fingergelenken auf, sollte unbedingt ein Handspezialist aufgesucht werden. Wachstumsfugenverletzungen im Frühstadium lassen sich mittels Kernspintomografie erkennen und sind relativ leicht zu kurieren.

Werden solche Verletzungen nicht rechtzeitig erkannt und behandelt, drohen dagegen schwere Folgen wie Deformationen der Hand und ein frühzeitiger Verschleiß der Gelenke.
Eine ansteigende Tendenz ist auch bei Schulteroperationen zu verzeichnen. Zum einen liegt dies an den Fortschritten der Chirurgie in diesem Bereich, zum anderen daran, dass immer mehr Kletterer auch jenseits der 50 noch hart klettern. Und da macht die lange Bizepssehne dann eben bei andauernder Überlastung manchmal schlapp. Auch der Umstand, dass beim Klettern und Bouldern vermehrt steiles Gelände, dynamische Züge und Sprünge angesagt sind, dürfte zu dieser Entwicklung beitragen.

Ganz gleichgültig ob alt oder jung – passt auf euch auf und bleibt gesund!

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27.05.2010
Autor: Steffen Kern
© klettern
Ausgabe 4 / 2010/2010