Interview - Nicolas Favresse

"...dann ist Komfort unwichtig" - Nico Favresse im Interview


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Nicolas Favresse climbing
Foto: Bernardo Gimenez

 

Nicolas Favresse climbing
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Nicolas Favresse climbing
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Nicolas Favresse climbing Chikane Siurana
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Nico Favresse gehört zu den besten Bigwall-Kletterern der Welt. Der quirlige Belgier über Risiko, seine Komfort-Zone und das Leben fürs Klettern.

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Schmale Gestalt, herzliches Grinsen, neugieriger Blick - so verrückt sieht Nico Favresse auf den ersten Blick gar nicht aus. Wir befinden uns in Freyr, Nicos Heim-Klettergebiet, um uns zu unterhalten. Er wirkt wie ein normaler Kletterpartner mit guter Laune, ja, er hält sogar fast immer das Bremsseil fest. Dann tauchen gute Freunde auf, deren Tochter Nicos Patenkind ist. Da wird klar: Er ist doch verrückt. So laut schreien, albern herumtollen und wie wild mit den Kids um die Ecke bouldern kann nur ein Vater – oder ein Verrückter...

Nico, wo wohnst du?

Die meiste Zeit in meinem Bus. Meine Basisstation ist bei meinen Eltern in der Nähe von Brüssel. Dort bin ich circa zwei Monate im Jahr.

Und den Rest der Zeit lebst du das Rockstar-Leben, also als Kletterprofi?

Den Rest des Jahres bin ich unterwegs. Aber was heißt schon Profi? Ich gehe einfach klettern. Ein oder zwei Mal im Jahr gehe ich auf Expedition, ansonsten gehe ich klettern, wie jeder andere es auch machen würde. Was mich vielleicht ein bisschen professioneller macht, ist, dass ich mittlerweile Vorträge halte – das ist tatsächlich Arbeit. Aber es gibt mir mehr Freiheit, zu tun und zu lassen, was ich möchte. Mit dem Verdienst bin ich etwas unabhängiger von Sponsoren. Ich versuche, so frei wie möglich zu bleiben und das zu tun, was ich wirklich möchte.
Vielleicht ist das nicht sehr profitabel, aber ich ziehe die Freiheit vor.

Du hast eine fulminante Kletterkarriere hingelegt, warst bei Wettkämpfen erfolgreich und hast recht schnell im elften Grad geklettert. Was hat dich bewogen, längere, abenteuerliche Routen zu klettern?

Ich war immer von der Abenteuerseite des Kletterns fasziniert. Trampen, in Höhlen übernachten; wir haben immer versucht, jeden Klettertrip so abenteuerlich wie möglich zu gestalten. Dann habe ich 2003 mit Sean Villanueva begonnen, Mehrseillängenrouten zu klettern, und es ist anfangs eine Menge schiefgelaufen, weil wir von nichts eine Ahnung hatten. Das Yosemite hat mir dann die Augen geöffnet fürs Tradklettern, Rissklettern und für Big Walls. Es war wie von Neuem klettern zu lernen. Danach blieb ich eine Zeit im Yosemite, und das war ausschlaggebend, mich eher dem Abenteuerklettern zu widmen.

Du nimmst immer deine Ukulele mit. Wie kommt das?

Am El Cap habe ich sie mal aus Spaß eingepackt. Dann habe ich gemerkt, wie gut das kommt: Die gesamte Stimmung fließt in die Musik, es macht den Kopf frei und egal wie hart es gerade ist: Es erinnert mich daran, dass ich zum Spaß klettere. Manchmal ist es umständlich, aber ich habe noch nie bereut, sie mitgeschleppt zu haben.

Was war dein bestes Erlebnis beim Klettern?

Alle meine Reisen waren coole Abenteuer, das ist schwer zu sagen. Die Grönland-Segel-Geschichte war stark. Aufs reine Klettern bezogen, war vermutlich die Erstbegehung der Secret Passage am El Capitan das beste. Es war lange nicht klar, ob es überhaupt frei gehen würde. Viele Kletterer hatten sich daran versucht, doch bis dahin hatte keiner eine Möglichkeit gefunden.

Mit Sean zusammen gelang es mir, alles bis auf vier Meter frei zu klettern. Die vier Meter schienen unmöglich. Doch dann bin ich eines Nachts aufgewacht und wusste: „Fuck it! Ich muss noch mal einsteigen!“. Nach einer Weile ausbouldern und nachdem wir alle anderen Längen gepunktet hatten, gingen die vier Meter dann doch frei. Einen Weg zu finden, der vorher unmöglich schien, war eine tolle Erfahrung. Auch die South-African in Patagonien zu befreien, war super. Es war hartes Wetter, aber das hat uns nur angestachelt. Wir verbrachten 13 Tage in der Wand, elf davon schneite es. Das war hart. Wir wussten nicht, wie das Wetter wird, ohne Kommunikation; und es war ziemlich kalt, drei bis fünf Grad maximal. Wir kletterten in grausigen Bedingungen.

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Favresse(s), Ditto, Villanueva rockclimbing in Greenland Foto: Ben Ditto
Favresse(s), Ditto, Villanueva rockclimbing in Greenland Foto: Ben Ditto
Favresse(s), Ditto, Villanueva rockclimbing in Greenland Foto: Ben Ditto

Wie ging das, bei der Kälte?

Rissklettern geht noch vergleichsweise gut bei solchen Bedingungen. Meist waren unsere Finger zum Ende der Seillänge aber komplett taub. Es war ziemlich schmerzhaft, das war manchmal kein Spaß mehr.

Aber es hat euch letztlich doch Spaß gemacht, oder?

Es ist die Herausforderung. Es ist ein besonderes Gefühl, bei Sturm im Portaledge an einem Berg in Patagonien zu sein. Um dich herum braust das Unwetter, und du liegst gemütlich im Schlafsack, machst Tee aus Schnee und liest ein Buch. Wir steckten für einige Tage fest. Und wegen dem Schnee war es entspannt: Wir haben bis Mittag geschlafen, und wenn das Wetter nachmittags besser wurde, ging das Klettern los. Meist kletterten wir von vier bis elf Uhr nachts – im Grunde meine liebste Kletterzeit (grinst).

Viele deiner Unternehmungen scheinen recht unbequem. Kalt, gefährlich, anstrengend – warum gefällt dir das so gut?

Mir gefällt nicht, dass es unbequem ist. Es geht ums Erlebnis. Wenn ich mein Komfort-Level senken und dafür an wundervollen Orten sein kann, dann ist Komfort unwichtig. Mich interessieren einzigartige Erfahrungen. Außerdem ist das Leben im Bus gar nicht so unbequem. Auch im Portaledge schlafen ist meist nicht so unbequem.

Wie gehst du mit Risiko um?

Beim Klettern in großen Wänden – auch beim Wiederholen, nicht nur beim Erschließen neuer Routen – musst du dich oft an Griffen halten, die nicht wirklich fest sind. Da musst du einschätzen können, was du tust. Klettern ist dann eine Frage der Erfahrung und der Vorsicht. Du darfst nicht zu stark an solchen Griffen ziehen. Das kann spannend sein.

Also einfach vorsichtig klettern?

Du musst deiner Intuition folgen und Risiko einschätzen können.

Wie machst du das?

Den Fels abklopfen, die Stru turen beachten. Ist es ein großer Block? Verläuft ein Riss ganz herum? Du musst das abschätzen können. Aber bei meinem bislang krassesten Erlebnis war es anders. Ich war in einem einfachen Kamin unterwegs, recht schnell und mit wenig Absicherung, weil ich ja im Kamin verspannt war. Dann berührte ich einen losen, recht großen Block, der im Riss steckte – den konnte man gar nicht sehen. Der kam mir dann entgegen. Ich stemmte mich dagegen, versuchte ihn zurück zu drücken, aber es ging nicht. Der Block war zu schwer. Ich begann zu schwitzen. Der Block war über meinen Beinen im Kamin. Ich hatte nichts gelegt, es gab keine Sicherung und unter mir war eine Platte und ein Band. Der Stand war eine Schlinge über einem Köpfl, direkt unter mir. Mein Freund Ben erfasste die Situation sofort und bewegte sich zur Seite aus der Falllinie heraus. Es war klar, ich musste springen.

Was ist dann passiert?

Ich dachte, ich sterbe. Der Sturz allein war schon fies, mit der Platte – aber dann noch der Block? Ich bin mit aller Kraft nach hinten weggesprungen. Dann, als ich aufgewacht bin, hing ich kopfüber im Seil, zehn Meter unterm Stand, und es war nichts passiert. Die Seile waren etwas beschädigt, das Köpfl und die Schlinge waren etwas angeknackst, und ich hatte einen Schnitt im Zeigefinger. Dann war ich wie auf Drogen, dann kam der Adrenalinschub. In meinem Kopf tauchte auf: Das will ich nochmal machen!

Bist du je auf die Idee gekommen, dass du verrückt bist?

Nein, ich bin nicht verrückt. Oder jeder ist ein bisschen verrückt, nehme ich an. Du kannst Gefahren nicht berechnen. Manchmal hat man einfach Pech, das passiert regelmäßig, sogar sehr guten und erfahrenen Kletterern. Du ziehst an einem Griff, den alle benutzen. Du denkst nicht einmal darüber nach, und er bricht aus und schneidet das Seil durch. Vor ein paar Jahren kam ein nahezu Auto-großer Block aus der Nose, der vorher jahrelang gehalten hat. Es ist manchmal ein schmaler Grat.

Woher weißt du, dass du noch auf dem Grat bist und nicht was komplett Verrücktes machst?

Das weiß man meist erst nachher (lacht). Aber manchmal hast du Angst und es gibt kein objektives Risiko. Das sind die schwierigsten Momente. An manchen Tagen fühlst du dich schlechter als an anderen. Und vielleicht kletterst du anders, wenn du Angst hast. Dann ist es wahrscheinlicher, dass etwas passiert, weil du schon in dem Modus bist.

Ist normales Sportklettern jetzt langweilig für dich?

Nein. Ich bin motiviert zum Sportklettern, ich mag Herausforderungen. Bis zur nächsten Expedition im Sommer werde ich nichts anderes machen: Sportklettern, Bouldern, vielleicht ein bisschen Trad klettern. Das Problem ist auch: Nach drei Monaten Expedition brauchst du wieder drei Monate zum fit werden. Da ist ein halbes Jahr weg. Und wenn du stärker werden willst, fängt die Arbeit dann erst an.

Wie geht das, stärker werden?

Du musst dich auf eins konzentrieren, mehr Zeit für eine Sache aufwenden. Du kannst nicht auf Expeditionen gehen – das ist mit stark werden nicht vereinbar.

Trainierst du in der Kletterhalle?

Selten. Ich habe nichts gegen Hallen, die sind super fürs Training und um Kraft aufzubauen. Aber meistens klettere ich draußen.

Du hast in einem Interview gesagt, es sei wichtig, „die Mädels rauszuhalten“. Was heißt das?

Oh, das! (lacht) Das heißt, äh, es ist ja klar, wenn man mit jemand zusammenlebt, ist das ein Kompromiss. Und wenn du fürs Klettern lebst, dann wirst du eingeschränkt. Wenn die Person dir wichtig ist, dann nimmt das den Fokus vom Klettern etwas weg. Aber das ist auch gut so, es bringt dir eine neue Sicht auf dein Leben. Und es bringt dich ins Gleichgewicht.

Dann würdest du das so nicht mehr sagen?

Ja, das ist etwas macho, klar (zögert). Aber es ist kompliziert, wenn Du auf Expeditionen gehst. Ich will viel klettern und reisen und ich will mich nicht einschränken. Ich kann eine Freundin haben und sechs Monate ohne sie reisen. Für mich ist das kein Problem, es ist immer für sie problematisch. Und dann ist es hart, wenn sie traurig darüber ist. Deshalb ist das Stress. Wenn du sie magst und sie nicht traurig machen willst, kletterst du vielleicht nicht die gleichen Projekte.

Also willst du keine Familie?

Doch, schon. Ich denke irgendwann will ich vielleicht schon Familie und Kinder.

Und gehst weiterhin auf Expeditionen?

Ja, das ist Teil von mir. Ich will glücklich sein. Ich brauche eine Person zum Partner, die das versteht und sich freut, dass ich tue, was mir wichtig ist.

Und wenn deine Partnerin für ein halbes Jahr reisen geht, wäre das o.k. für dich?

Ja, ich glaube schon. Ich finde es sogar anziehend, wenn jemand Ziele hat und seine Träume lebt und tut, was ihm wichtig ist. Klar: Wenn du viel unterwegs bist, dann löst man sich etwas von der Person und dann muss man sich erst wieder annähern. Das ist eine Aufgabe. Und es stimmt auch, dass du beim Reisen viele Leute kennenlernst. Und körperliche Anziehung existiert. Egal wie verliebt du bist, nach drei Monaten unterwegs triffst du vielleicht jemanden, den du anziehend findest und magst – das ist vermutlich schwierig. Nicht, dass mir das passiert wäre. Dann muss man die Beziehung eventuell etwas offener lassen. Aber das ist vermutlich auch nicht einfach (grinst).

Was sollte jeder Kletterer mal gemacht haben?
Die Route Ahab (5.10) im Yosemite klettern – das relativiert Schwierigkeitsgrade.

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