Ueli Steck Interview

Interview mit Ueli Steck: "Auf einmal sagte der Körper Stop"

"Auf einmal sagte der Körper Stop" - eine neue Erfahrung für Extremsportler Ueli Steck. Im Interview erklärt er, wie er mit der Zwangspause umgeht und was er gelernt hat.

Herzlicher Dank geht an den Fotograf Robert Bösch für die faszinierenden Bilder in der Fotostrecke

Ueli Steck, 35 Jahre alt, ist Extremsportler. Er hat eine ganze Reihe an außergewöhnlichen Erfolgen auf dem Konto. Ueli Steck hat die Grenzen im Bergsport mehrmals verschoben. Ob Alpinismus, Sportklettern oder Alpinklettern - Ueli ist ungemein schnell und stark. Er hat einmal über sich gesagt: "Ich bin nicht besser als andere, ich bin nur fanatisch, was das Training angeht." Nun musste Ueli Steck erfahren, dass er seine Grenzen nicht unbegrenzt herausschieben kann.

Auf seiner Webseite schrieb er im Sommer:

"Mein Enthusiasmus war groß nach der Mount Everest Expedition. Ich war motiviert, fühlte mich gut nach zwei langen Monten im Himalaja zurück in der Schweiz. Im Gegensatz zum letzten Jahr fühlte ich mich nicht ausgebrannt. Ich wusste was ich wollte, nämlich laufen! Der Jungfraumarathon, der New York Marathon, der K78 am Swiss Alpine in Davos: Alle diese Läufe standen auf meinem Programm. Sehr schnell konnte ich meine Intensität im Training hochfahren.

Ich wurde besser und schneller. Das Lauftraining hatte mich so richtig gepackt. Mein Ziel war, besser zu laufen, effizienter, ergonomischer, schneller. Ich bin viel gelaufen in den letzten Wochen, zu viel. Immer wieder hatte ich Schmerzen im Vorfuß. Ich dachte mir, dass das vom Laufen im flachen Gelände käme. So habe ich auf Bergläufe gewechselt bis der Schmerz weg war. Das ging zwar einigermaßen gut, aber der Schmerz kam immer wieder. Bis ich am Morgen kaum mehr aus dem Bett steigen konnte. (...)

Mein Physiotherapeut und Trainer Simon Trachsel ahnte Böses. Leider hatte er Recht: Mein ganzer Vorfuß war überlastet und entzündet. Die Diagnose bedeutete für mich eine Zwangspause. Die nächsten vier bis sechs Wochen muss ich mich komplett schonen. Es gibt kein Laufen und auch kein Klettern. Das ist eine ganz neue Erfahrung für mich. Bis jetzt konnte ich immer trainieren. Nie hatte ich ernsthafte Probleme. Doch jetzt auf einmal sagt mein Körper Stop. Eine neue Grenzerfahrung..."

Ueli Steck klettert free solo in den Wendenstöcken.
Foto: Robi Bösch

Interview mit Ueli Steck

Ueli, Du musstest jetzt eine Weile pausieren. Was ist passiert?
Ich hatte die Idee, ein paar flache Marathons zu laufen. Klar hatte ich auch einen gewissen Ehrgeiz und habe viel flach trainiert. Das haben meine Füße aber nicht so toll gefunden. Es kam zu einer Überlastung des Vorderfußes. Die Sehnen waren eingerissen und auch Knochen standen kurz vor einem Übermüdungsbruch.."

Wie lang hast Du pausiert, und ist mittlerweile Besserung eingetreten?
Ich habe jetzt mal fünf Wochen entlastet. Kein Laufen und auch kein Klettern. Es geht besser.

Wie sah /sieht das Reha-Programm aus?
Ich bin nicht nur faul rumgesessen (grinst). Ich habe sehr konsequent im Kraftraum gearbeitet.

Wie hat Dein Trainingspensum vorher ausgesehen?
Ich bin sehr viel gelaufen; kombiniert mit Krafttraining und Klettern. Zehn bis zwölf Einheiten pro Woche.

Du hast von einer neuen Grenzerfahrung gesprochen. Wie war das jetzt für Dich?
Erst habe ich gedacht: jetzt wirst du alt. Ich musste mir eingestehen, dass es leider nicht mehr so ist wie vor zehn Jahren. Ich habe mir auch ernsthaft überlegt, einen "normalen" Job zu suchen und meine Verträge zu kündigen...

Was war das Schlimmste oder Schwierigste an dieser Verletzung?
Zum Nichtstun verdammt zu sein!

Was hast Du aus dieser Erfahrung gelernt?
Ich weiss jetzt wo meine Grenze ist. Sonst hatte ich immer das Gefühl, ich könnte doch noch mehr trainieren... Jetzt weiß ich, dass es nicht geht!

Wirst Du Konsequenzen aus der Erfahrung ziehen? Wenn ja, welche?
Sicher, ich achte noch mehr auf den Trainingsplan. Und plane sicher etwas vorsichtiger. Etwas weniger ist definitiv mehr!

Bergsportler sind meist Individualsportler, sie trainieren oft allein. Meinst Du, ein Trainer wäre in einem solchen Fall hilfreich? Oder muss man als Kletterer einfach auf seinen Körper hören und in der Lage sein, Signale richtig zu deuten? Wie hältst Du das, bisher und in Zukunft?
Ich kenne mein Körper sehr gut. Ich spüre eigentlich gut, wieviel ich trainieren kann. Ich habe auch analysiert warum es so weit gekommen ist. Den Fehler mache ich nicht noch einmal. Und ich bin mir bewusst: Ich bin nicht mehr 20. Da geht einfach nicht mehr so viel Umfang.

Welchen Fehler meinst Du?
Ich denke der grundsätzliche Fehler war, dass ich das Gefühl hatte, genau so trainieren zu können wie zum Bergsteigen, was Umfang und Intensität angeht. Laufen ist etwas anderes! Und ich wollte zuviel! Ich neige dazu, zu viel auf einmal zu machen. Ich weiß auch ganz genau, dass die Qualität des Trainings wichtiger ist als der Umfang. Ich musste Pause machen.

Was hast Du in der "Pause" mit Deiner Zeit angefangen?
Ich habe viele Stunden im Fitnessraum verbracht. Wer denkt, Profibergsteigen sei locker etwas Bergsteigen und That's it - der täuscht sich. Ich habe sehr viel gearbeitet... Die Pause haben wir ausgenutzt um konsequent im Kraftbereich zu arbeiten und an meinen Schwächen.

Geht es denn langsam besser?
Nach fünf Wochen Pause konnte ich letzten Samstag ein langersehntes Projekt realisieren: Jungfrau, Mönch und Eiger in 15 Stunden - wobei ich jeweils mit den Gleitschirm abgestiegen bin. Ich war 15 Stunden unterwegs und hatte eigentlich nicht das Gefühl, weniger fit zu sein als vorher... Das war super, vor allem auch für den Kopf!

Was steht als nächstes auf dem Plan?
Zurück in den Himalaya im Frühjahr. Bis dann habe ich noch ein paar Ideen hier in der Umgebung.

Vielen herzlichen Dank Ueli, und natürlich weiter gute Besserung!

Unter www.ueli-steck.ch kann man den Schweizer Allrounder und seine Fortschritte verfolgen.

Herzlicher Dank geht an den Fotograf Robert Bösch für die faszinierenden Bilder in der Fotostrecke

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Autor: Sarah Burmester

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