Patxi Usobiaga Interview

"Ich kann und kenne nichts anderes" - Patxi Usobiaga Interview

Foto: Annika Müller Patxi Usobiaga in Margalef
Patxi Usobiaga hatte nach einer Schulter-OP gerade wieder Anschluss im Wettkampfzirkus gefunden, als ihn ein Bandscheibenvorfall überrascht hat. Annika Müller hat mit ihm gesprochen.

Nachdem sich Patxi Usobiaga Lakunza gerade von einer Schulteroperation 2009 erholt hatte, stand für ihn auch das Jahr 2010 unter einem schlechten Stern: In Folge eines Autounfalls im Juni konnte Patxi mitten in der Wettkampfsaison plötzlich den Kopf nicht mehr bewegen und bestritt die letzten beiden Worldcup-Wettkämpfe unter starken Schmerzen. Obwohl er im August im südkoreanischen Chuncheon noch auf Platz Eins gelandet war, zog er zuletzt nicht einmal mehr ins Finale ein. Diagnose: Bandscheibenvorfall. Annika Müller sprach mit ihm über Wettkämpfe, Zweifel und die Abhängigkeit vom Körper, aber auch über große Ziele, Motivation und Freundschaften.

Foto: Annika Müller Patxi Usobiaga

Patxi in Santa Linya.

Wie geht es Dir? Hast Du große Schmerzen im Nacken?

Ja, ziemlich. Ich muss derzeit sehr viele Schmerz- und Muskelentspannungsmittel nehmen und außerdem regelmäßig zur Physiotherapie gehen. Ich kann nur hoffen, dass ich nicht operiert werden muss und dass ich nicht noch einmal wie im Oktober morgens aufwache und mich plötzlich nicht mehr bewegen kann.

Wie hat sich Deine Schulterverletzung vom vergangenen Jahr entwickelt?

Davon merke ich kaum mehr etwas. Nach der Operation im Dezember konnte ich schnell wieder aufbauen. Allerdings musste ich intensiv daran arbeiten, wieder zur alten Form zurückzukehren. Dann kam der Autounfall im Juni und seither macht mein Körper wieder nicht mehr richtig mit. Nach all der Aufbauarbeit ist es besonders ärgerlich, dass ich mich nun schon wieder schonen muss.

Foto: Archiv Usobiaga Patxi Usobiaga nach Schulter-Operation

Patxi nach der Schulter-Operation Ende 2009.

Unabhängig von den Schmerzen, den vielen Arztbesuchen und der Frustration, nicht volle Leistung bringen zu können – belastet es Dich auch, festzustellen, dass Du als Spitzensportler vollkommen von Deinem Körper abhängst?

Ja, dies wird einem in solchen Momenten besonders bewusst. Die Abhängigkeit von der körperlichen Leistungsfähigkeit ist für mich aber auch sonst eine ständig gegenwärtige Tatsache. Wirklich frustrierend ist, dass all meine Pläne schon wieder platzen. Ich habe mich –wie schon im letzten Jahr – die ganze Wettkampfsaison über darauf gefreut, den Winter in Katalonien zu verbringen und einige große Projekte anzugehen. Nach der Überwindung der Schulterverletzung war ich unglaublich motiviert, fühlte mich stark und voller Optimismus. Ich hatte so große Lust, endlich wieder richtig loszulegen. All diese positive Energie ist nun verpufft. Ich muss jetzt während meines Felsurlaubs außerdem regelmäßig zurück ins Baskenland um zum Arzt und zur Krankengymnastik zu gehen. Das ist nervig.

Kannst Du vor dem Hintergrund Deines Gesundheitszustandes überhaupt Zukunftspläne schmieden?

Bis vorgestern wusste ich noch nicht, was genau nicht mit mir stimmte. Darum hatte ich noch nicht viel Zeit, mir die Situation richtig klar zu machen. Es fällt mir generell schwer, in die Zukunft zu blicken, da ich sehr in der Gegenwart lebe. Ich plane eher kurz- oder mittelfristig. Im Moment muss ich mich ganz darauf konzentrieren, wieder gesund zu werden. Noch baue ich darauf, dass alles gut läuft und ich im nächsten Jahr zu den Wettkämpfen wieder in Form sein werde und danach endlich Felsprojekte in Angriff nehmen kann. Aber da sind viele Zweifel. Bei der Halswirbelgeschichte habe ich überhaupt keinen Einfluss darauf, wie sie sich weiter entwickelt. Eine ausgerenkte Schulter ist sehr viel überschaubarer. Da wusste ich mit Sicherheit, dass es höchsten drei bis vier Monaten dauern würde. Mit gezieltem Aufbautraining habe ich es sogar geschafft, nach zwei Monaten wieder zu klettern. Diesmal habe ich keine Ahnung, wie lange es dauert, bis ich wieder ganz hergestellt bin und ob dies überhaupt je wieder der Fall sein wird.

Foto: Hubert Canard / www.belclimb.net Klettern Lead Worldcup Puurs

Patxi beim Weltcup in Puurs 2009.

Denkst Du in solchen Phasen auch über Alternativen zum Profi-Klettern nach? Ist es für Dich überhaupt vorstellbar, Dich beruflich umzuorientieren und Dich Dingen abseits des Kletterns zu widmen?

Ehrlich gesagt kann ich mir nicht vorstellen, je etwas anderes zu tun. Seit acht Jahren sind die Wettkämpfe mein Lebensinhalt und ich hoffe, dass sie es noch ein paar Jahre mehr sein werden, egal ob ein, zwei oder drei. Ich bin mir sicher, dass das Klettern immer eine große Rolle spielen wird. Ich kann und kenne nichts anderes.

Verschieben sich für Dich die Prioritäten – weg vom Wettkampf hin zum Fels?

Langfristig wird das Felsklettern mit Sicherheit wichtiger werden. Insgesamt sind mir aber die Wettkämpfe noch zu wichtig, um mich daraus zurückzuziehen. Schließlich ist dies mein Brotjob und ich bin es meinen Sponsoren schuldig.

Setzen Dich die Sponsoren unter Druck, wenn Du nicht die gewohnte Leistung bringst?

Nein überhaupt nicht. Sie haben volles Vertrauen in mich.

Machst Du Dir selbst Druck?

Ja. Ich habe sehr hohe Ansprüche an mich und muss derzeit sehr mit mir kämpfen, mich auch mit leichten Routen zufrieden zu geben. Da sind zwei Gegenspieler in mir: einerseits der Wunsch, mich beim Klettern zu entspannen und andererseits der Gedanke, dass ich statt zum Beispiel eine 8a viel lieber eine 9a oder 9b versuchen würde. Das fördert wiederum Stress und Unzufriedenheit.

Hast Du Dir trotzdem Ziele für Deinen Aufenthalt in Katalonien gesetzt?

Ich hätte sehr gerne Pachamama (9a+) in Oliana und natürlich First round first minute (Projekt) hier in Margalef versucht. Aber davon kann nun nicht die Rede sein. Nun will ich einfach die Zeit mit meinen Freunden genießen, Fotos machen, reden und vor allem entspannen. Und wenn ich dann noch zwei oder drei leichtere Routen am Tag gehen kann, dann bin ich schon glücklich.

Patxi ist am Fels wie am Plastik zu Hause.

Kannst Du "leichte" Routen ebenso genießen, wie solche, die Dich an die Leistungsgrenze bringen?

Wenn man sich einmal damit abgefunden hat, dass nicht mehr drin ist, können leichte Routen auch unheimlich motivierend sein. Gestern bin ich nach mehreren Anläufen eine 8a mit einer interessanten Schlüsselstelle geklettert. Nachdem ich die letzten Monate ziemlich abgebaut habe, war das durchaus eine Herausforderung und hat großen Spaß gemacht. Ich konnte mich über die 8a genauso freuen, wie sonst vielleicht über eine 8c onsight oder eine 9a. Letztlich ist einfach nur wichtig, mich nach wie vor als Kletterer zu fühlen.

Foto: Annika Müller Patxi Usobiaga

Santa Linya bietet vor allem in den oberen Schwierigkeitsgraden viel zu tun.

Dies klingt so, als könntest Du mit Enttäuschungen sehr gut umgehen. Wie ging es Dir während der letzten beiden Einzelwettkämpfe des Worldcups, die nicht die erwarteten Ergebnisse brachten?

Ich habe zunächst einfach nicht verstanden, wie das geschehen konnte. Meiner Schulter ging es zunehmend besser, ich konnte das Training steigern und fühlte mich gut in Form. Das bestätigte sich, als ich im August in Südkorea gewann. Zwar habe ich mich die ganze Zeit schon ein wenig komisch gefühlt und konnte nicht mehr das Trainingsniveau des Vorjahres erreichen. Ich war aber trotzdem sehr selbstsicher und ging in dem Bewusstsein guter Gewinnchancen in die letzen beiden Wettkämpfe. Doch dann plötzlich konnte ich meinen Kopf nicht mehr drehen und hatte außerdem starke Nervenzuckungen. In China habe ich mich mehr schlecht als recht durchgeschlagen. In Kranj hatte ich dann bereits völlig das Vertrauen in meinen Körper verloren und ziemlich gelitten. Ich war sehr unzufrieden. Nachdem ich nun weiß, dass all dies auf einen Bandscheibenvorfall zurückzuführen ist, kann ich es rückblickend aber gut akzeptieren. Ich habe geleistet, was im Rahmen meiner Möglichkeiten lag und muss mir keine Vorwürfe machen.

Es ist Dir also nicht so wichtig, auf dem Siegertreppchen zu stehen?

Man wünscht sich natürlich immer, zu gewinnen, aber das Wichtigste ist, alles gegeben zu haben. Erfolg ist sehr relativ. Ich versuche mich nur an mir selbst zu messen. Dass ich im letzten Jahr den Worldcup als Zweiter im Vorstieg beendete, obwohl ich mit wahnsinnigen Schulterschmerzen und teilweise einarmig geklettert bin, war für mich durchaus nicht selbstverständlich und hat mich stolz gemacht. Dieses Jahr habe ich ebenfalls bewiesen, dass ich trotz Einschränkungen gute Leistungen erbringen kann. Das zählt für mich mehr, als ein Platz auf dem Podest. Wenn es mir gut gegangen wäre, hätte ich gewinnen können. Aber das war eben nun einmal nicht der Fall. Also ist das Ergebnis absolut in Ordnung.

12.01.2011
Autor: Annika Müller
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