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Interview

Ungekürzt: Boulder-Koryphäe Fred Nicole im Interview

Fred Nicole hat die Welt des Boulderns entscheidend mitgeprägt. Der sympathische Schweizer stand klettern-Redakteur Steffen Kern Rede und Antwort. Das Interview aus dem Heft in voller Länge.


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Popeye würde vor Neid erblassen.

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Bouldern, Leute

Wie zur Hölle bekommt man solche Unterarme?
(Lacht) Mit klettern …, einem Vierteljahrhundert Klettern. Ansonsten ist das schwer zu sagen … Vielleicht schlicht meine Morphologie?

Wie bist du eigentlich zum Bouldern gekommen?
Zuerst waren wir natürlich klettern, bouldern war ja noch gar nicht bekannt in der Schweiz. Anfangs haben mein Bruder François und ich ein wenig in Eclepens gebouldert, wo wir auch zu klettern begonnen haben. Das waren hauptsächlich Quergänge, wo wir verschiedene Varianten ausprobiert und Griffe wegdefiniert haben. Wir haben das zuerst als Training für das Routenklettern gemacht, wobei es Ende der 70er, Anfang der 80er-Jahre ja noch keine schwere Routen gab, maximal Sieben und viele Techno-Routen. Dann haben wir probiert, die Techno-Routen frei zu klettern. Das war eigentlich der Anfang. Ich war damals in der Schule in Estavayer-le-Lac, das ist eine mittelalterliche Stadt mit vielen Mauern. An denen habe ich drei Jahre viel trainiert, und das hat mir ziemlich viel geholfen fürs Bouldern generell.

Gleichzeitig haben wir Routen in St. Loup probiert, das war unser Gebiet, und ab und an waren wir im Jura. Einige Male waren wir auch in Südfrankreich, im Verdon, in Buoux und in La Turbie. Dort haben wir dann Le toit d'Auguste (8b+) von Patrick Berhault wiederholt. Die hat eine Boulderstelle – ansonsten hätten wir bei einer Route in diesem Grad damals keine Chance gehabt.
Richtig mit dem Bouldern an Blöcken haben wir dann Ende der 80er-, Anfang der 90er-Jahre im Wallis begonnen, dort gab es einige Leute, die schon Anfang der 80er im Yosemite waren und schon seit Jahren richtig gebouldert haben. Dort haben wir dann auch die ersten schweren Boulder geklettert, später kam La Danse des Balrogs (Fb 8b) und noch später Radja (Fb 8b+). Mitte der 90er haben wir das Tessin zum Bouldern entdeckt. Dort hatte der Baseler Richi Signer schon seit Ende der 80er-Jahre gebouldert, aber der war sehr diskret und hat das nicht an die große Glocke gehängt.

Was fasziniert dich am Bouldern?
Es ist klettern – die Bewegung am Fels, ohne den Stress durch die Höhe. Dann fasziniert mich der spielerische Aspekt, die Abstraktion, Linien zu finden, zu lesen, der kreative Aspekt. Es ist wie Kunstturnen, nur an natürlichen Strukturen, und dadurch hat man ein unendliches Potenzial an Bewegungen, denn jeder Fels ist anders. Dass man draußen ist, den Kontakt zur Natur hat, ist extrem wichtig für mich. Außerdem hat mich am Klettern immer am meisten interessiert, möglichst schwierige Passagen zu finden. Der Prozess, das Lernen, die Lösung zu finden, ob schnell oder erst viel später, nach viel Arbeit und Geduld – dieser Aspekt fasziniert mich am meisten am Bouldern. Natürlich will ich einen Boulder auch durchsteigen, aber das interessiert mich nicht so sehr wie der Weg dorthin. Und natürlich ist Bouldern der einfachste Zugang zum Klettern – die Leichtigkeit …, auch wenn es heute mit hundert Crashpads nicht mehr ganz so leicht ist (lacht).

Du sprachst vom Stress durch die Höhe. Hast du Höhenangst?
Ja, schon, deshalb war das Bouldern auch sehr naheliegend für mich.

Fred Nicole in seinem Element (2004).
Foto: Mary Gabrieli

In den 90er-Jahren hast du aber auch harte Routen wie Bain de Sang (9a) erstbegangen. Kletterst du überhaupt noch?
Ja, immer noch, aber weniger, viel weniger. Die schweren Routen, das war eine Periode von Mitte der 80er bis Anfang der 90er, dann hat mich die Faszination des Boulderns gepackt. Bis Ende der 90er habe ich aber immer noch relativ viele Routen geklettert. Die letzte schwere Route habe ich 2002 geklettert, danach habe ich das Klettern etwas aufgegeben. Jetzt pro Jahr noch ein paar Tage, aber dann ganz gemütlich …

Wie motivierst du dich nach 25 Jahren Bouldern – davon mehr als 15 Jahre im achten Fontainbleau-Grad, immer noch Höchstleistungen zu bringen? Monate oder sogar Jahre an einen Block zu gehen und einen oder zwei Züge zu versuchen. Hast du immer noch das gleiche Feuer?
Ja, schon! Es ist anders geworden, es sind immer mehr die Linien, die Orte, an denen ich mich wohl fühle. Als ich 16 oder 17 war, war ich fasziniert vom Grad, hatte gehört, dass es in Fontainebleau 8a's gibt und wollte wissen, wie schwer das wohl ist – ob ich das auch kann … Inzwischen habe ich so viele Felsen gesehen. Der Zugang ist jetzt anders, es ist nicht mehr der Name oder der Grad, sondern der Fels als Ganzes. Aber Bouldern an sich interessiert mich immer noch genauso wie vor 20 Jahren.

Wenn du an einem Boulder oder Zug immer wieder scheiterst, gibt es dann Momente, in denen du denkst, diesen Griff fasse ich nie wieder an?
Klar, das gibt's schon auch.

Und ist das dann schnell wieder vorbei oder gibst du Projekte schon einmal ganz auf?
Ja, ich habe auch schon einige Projekte aufgegeben.

Wegen Verletzungsgefahr?
Nein, eher weil mir ein anderes Projekt dazwischen gekommen ist, in das ich dann meine ganze Energie gesteckt habe. Aber ich komme dann auch gerne zurück, manchmal erst nach zwei oder drei Jahren. Manche Sachen habe ich aber auch ganz sein lassen. Man kann nicht alles machen. Oder auch einfach, weil ich keine Chance hatte (lacht).

Gibt es bei dir manchmal generelle Zweifel an der Sinnhaftigkeit deines (Boulder-) Lebens?
Klar, ich bin jetzt bald 40 Jahre alt, da frage ich mich schon manchmal: Was mache ich eigentlich? Aber wie gesagt, ich bin immer noch fasziniert, immer noch nicht des Boulderns müde. Und dass es Sinn macht, sieht man ja auch daran, dass immer mehr Leute bouldern. Klar ist es manchmal anstrengend, wenn an Wochenenden so viel los ist. Aber ich finde es schön, dass immer mehr Leute draußen in der Natur bouldern, jeder mit seinem eigenen Zugang.

Autor: Steffen Kern

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