Interview mit Pirmin Bertle

"Wiederholer sind herzlich eingeladen"

Pirmin Bertle über die Erstbegehung von "Force du Rapport" (9a), die Gleichung für Bewertungsvorschläge, und den Weg der Widrigkeiten.

 

Pirmin Bertle Force du Rapport Charmey
Foto: Serge Zacharias Pirmin in seiner neuesten Route, "Force du Rapport" (9a) in Charmey.

Jeanne Garnier hat Pirmin am Tag nach der Erstbegehung von "Force du Rapport" einige Fragen gestellt.

Pirmin, wirft die Wand gegenüber der Tribune in Charmey eigentlich ein Echo zurück, wenn man laut genug schreit? Oder verhallt der Schall einfach?
"Du redest von gestern, oder? In dem Moment hab ich mich einfach so gefreut und war so im Rausch, dass ich darauf nicht weiter geachtet habe."
(Er klingt etwas heiser. Wer allerdings am Tag zuvor mit ihm am Sektor 'Tribune' in Charmey war, der weiß, dass die Heiserkeit von keiner Erkältung herrührt. Sie ist vielmehr die Folge eines etwa zwei Minuten langen Urschreis, der der Erstbegehung von "Force du Rapport" gefolgt war.

 

Pirmin Bertle A Muerte
Foto: Archiv Bertle Pirmin klettert "Adieu Wolfgang" (8c) in der Tarnschlucht.

Glückwunsch zum Durchstieg deines Projekts! Was bedeutet das für dich?
"Naja, im Endeffekt muss ich sagen, dass die Route sich recht glatt durchprojektieren ließ und ich nicht an einen Punkt kam, an dem ich hätte verzweifeln können. Insofern wirkt die Freude stärker als die Erleichterung und die sollte man ja als Spaßfaktor nicht unterschätzen. Eigentlich war ich sogar ziemlich überrascht, sie gestern schon zu punkten, deshalb auch meine kaputte Stimme."

Die Liste deiner Routen ab 8b in den letzten 15 Monaten umfasst eine 9a, fünf 8c+, sechzehn 8c, ... und noch viele mehr. Diese Touren sind nicht gerade gut bekannte Klassiker, ein Drittel davon sind Erstbegehungen. Denkst du, man nimmt dir das ab?
(Pirmin lacht) "Ob man es mir glaubt?! Ich hoffe, ich bin noch nicht durch Falschmeldungen aufgefallen. Außerdem sind Wiederholer herzlich eingeladen, sich an den Routen zu versuchen. Da ich es für unmöglich halte, Routen nach dem erfolgreichen Durchstieg zu bewerten, denn dann scheinen sie ja immer recht gut machbar, rechne ich einfach in Versuchen. Ich brauche bei Wiederholungen unter Idealbedingungen im Schnitt zwei bis drei Versuche für 8b, fünf für 8b+, zehn für 8c, zwanzig für 8c+, und so weiter. Den sogenannten "Liegefaktor" mit eingerechnet, übertrage ich das dann auf meine Erstbegehungen."

Also wenn man das hochrechnet... 405 Versuche – bei drei pro Tag – macht 135 Klettertage am Fels. Dazu kommen ja sicher auch noch einige andere Routen und Versuche unter – wie du sagst - nicht idealen Bedingungen. Machst du außer Klettern noch etwas?
"Naja, ich beende gerade meinen Bachelor in Psychologie, dann fotografiere ich zurzeit wieder viel, schreibe Texte für meine Internetseite, versuche unsere Projekte für die kommenden 12 Monate vorzubereiten und mache ein viermonatiges Praktikum auf 50-Prozent-Basis. Das gehört auch zum Bachelor. Dazu kommen noch die angenehmen Verpflichtungen.

Aber du hast recht, jemand, der mich von außen sieht, würde wohl meinen, ich sei absolut vom Klettern dominiert. Wenn man jetzt aber z.B. als Maß nimmt (schmunzelt), wie viel Platz das Klettern in meinen Träumen einnimmt, dann wundere ich mich selbst, wie wenig das da vorkommt."

Du willst also sagen, du nimmst den Inhalt deiner Träume, um zu bestimmen, wie wichtig dir etwas ist? Klingt ziemlich esoterisch...
"Nicht unbedingt. Auf jeden aber Fall träume ich von Dingen, die mich beschäftigen – vielleicht auch solche, die mir Sorgen machen – und den letzten intensiven Klettertraum hatte ich vergangenen Sommer (2009), als ich mit Jörg Andreas die Route Yeah man (8b+, 10 SL) in den Gastlosen versucht habe und bereits nach dem ersten Tag für mich festgestellt hatte, dass ich weder die Kletterei noch die Ausgesetztheit besonders mochte. In der ersten Version des Traumes erwachten wir am Morgen und es hatte 15 Zentimeter Neuschnee. Auf 1200 Metern und im August. In der zweiten dann war Jörg mit direkter Wirkung nach Deutschland zur Arbeit in einen Steinbruch abkommandiert worden. In Wirklichkeit hatte er schon Kaffee gemacht. Mein Unterbewusstsein hatte sich offenbar Ausweichstrategien gesucht. Trotzdem sind wir wieder eingestiegen und haben uns noch eine Klatsche geholt."

Du willst also behaupten, dass das Sportklettern dich normalerweise nicht vor Probleme stellt?
"Zumindest nicht vor emotionale. Es entlastet mich eher und gibt mir Sicherheit. Als ich z.B. vor knapp vier Jahren hier in die Schweiz kam und niemanden kannte und auch keine der beiden Sprachen, die man in der Stadt spricht – französisch und schweizerdeutsch – verstand, da kam ich mir schon etwas deplatziert vor. Und so ging ich einfach noch mehr zum Klettern als vorher. Jetzt zu sagen, ich hätte in dieser Zeit einen positiven Motivationsschub gehabt, wäre ein bisschen falsch. Ich hatte eher einige Lücken zu füllen, die der totale Wechsel des Umfeldes aufgerissen hatte. Ich denke, aus diesem Grund schicken große Unternehmen ihre Leute kreuz und quer über den Globus. Damit die dann einfach nichts mehr zu tun haben, außer zu arbeiten."

Von Arbeit hältst du anscheinend nicht so viel?
"Eine Arbeit, die mich von Tag zu Tag fordert und auslastet, würde ich natürlich ohne weiteres sofort annehmen. Das Problem an vielen Karriereplanungen ist, dass die Leute versuchen, über einen Weg der Widrigkeiten und des Verzichts zu einem Zustand der Erfüllung zu gelangen. Psychologisch betrachtet lernen sie auf diesem Weg nur, wie man ein Leben voller Verzicht und Widrigkeiten erreicht. Indem ich mich jeden zweiten Tag in positiver Weltsicht übe, rechne ich mir höhere Chancen auf das erfüllte Leben aus..." (lacht)

Verzichtest du demnach ganz auf eine klassische Karriere als Psychologe?
"Vielleicht wäre ich mit einer solchen wissenschaftlichen Karriere ja sogar erfolgreich – vielleicht sogar erfolgreicher (lacht). Ich hatte schon immer das Gefühl, dass ich nicht ganz das mache, wozu ich die meiste Begabung hatte. Aber ich glaube auch, dass wir ohnehin andersherum funktionieren. Wenn ich mich z.B. zurückerinnere, dann war der Sportunterricht mein schlechtestes Schulfach und für mich immer höchst unangenehm. Meine Fußballkarriere endete in der E-Jugend nach zwei Jahren auf der Auswechselbank. Mit 14 entdeckte ich dann das Klettern. Da musste ich zwar auch erst sechs Monate täglich Hängeübungen machen, bis ich meinen ersten Klimmzug konnte, aber wenigstens war ich nicht unter aller Sau. Meine Sportkletterkarriere entsprang sozusagen eher einem großen Defizit und war bei weitem nicht das, was ich am besten gekonnt hätte.
(Überlegt kurz). Wenn du willst, hole ich meine Gitarre und singe dir was vor. Dann siehst du, dass ich auch heute noch Spaß an Dingen habe, für die ich nicht sonderlich talentiert bin. Und die mir erst recht keine Karrierechancen eröffnen."

Nein, ist schon gut. Singen kannst du später. Aber mal zu deinen Fotos... Hobby oder doch mehr?
"Früher hab ich eigentlich nur zum Spaß fotografiert, aber in letzter Zeit sind wiederholt Leute auf mich zugekommen, die mir Fotos abgekauft haben. Deshalb ist mein Freund Johannes Lüft auf die Idee gekommen, zusammen einen Fotoband über Sportkletterspots in Europa herauszubringen. Wir werden dann Kletter- und Landschaftsfotografie kombinieren, weil uns beides sehr interessiert."

Wie sieht dieses Projekt konkret aus?
"Im Endeffekt ist es eine zwölfmonatige Kletterreise durch Europa mit viel Fotografieren und Texte dazu schreiben."

Dann bereitest du also doch eine Karriere als Fotograf und Autor vor?
"Es wäre natürlich schön, wenn wir mit dem Projekt Erfolg hätten. Aber unser Spaß an der Reise wird nicht davon abhängig sein. Von so etwas wird man ohnehin nicht reich. Wenn ich damit ein moderates Auskommen fände, würde ich trotzdem nicht nein sagen. Die Konsumvorstellungen unserer Gesellschaft sind sowieso überzogen."

 

Pirmin Bertle A Muerte
Foto: Archiv Bertle Pirmin bei der Wiederholung von "A Muerte" in Siurana.

Auf eurem Trip hast du ja wieder viel Gelegenheit zum Anreißen. Oder wirst du dann auch deinen Routenkonsum etwas zurückstellen? "Ich werde mich eher auf Qualität als auf Quantität konzentrieren. Außerdem reizt es mich immer mehr, neben dem reinen Schwierigkeitsklettern weitere Ausdrucksformen für diesen Sport zu finden, wie eben das Fotografieren oder das Schreiben und so zu versuchen, die Begeisterung auch an Andere weiterzugeben."

Manche Leute betrachten dieses "Weitergeben" kritisch. Gehörst du nicht zu denen, die finden, dass schon genug Leute am Fels sind?
Es wäre eine ziemlich egoistische Herangehensweise, meinen persönlichen Schlüssel zur Glückseligkeit für mich selbst behalten zu wollen. Außerdem hätte ich niemanden, der mich sichert und auch niemanden, der sich für unser Buchprojekt interessiert..." (lacht)

Nochmal zu deiner Person. Was wird bei all diesen Projekten eigentlich aus dem Pirmin, der in einer Höhle haust, sich nur von Pasta und schweren Routen ernährt und dabei wie die Stressresistenz in Person aussieht?
(Lacht) "Du hast recht, der geht zurzeit ein bisschen unter. Aber das ist wirklich ein Ding, das ich mir von unserer Reise wünsche. Mal wieder vollkommen runterzukommen und nicht für irgendwelche Ziele, sondern nur für die Gegenwart zu leben. Das gilt dann auch für Ziele wie die Länge einer Routenliste! Dieses "Geticke" ist eh eine schlimme Angewohnheit. Jederzeit irgendwo ein schweres Projekt, ständig ganze Tage am Fels, ständig leistungsfähig sein. Das ist fast so schlimm wie Wettkampf. Ich schätze es eigentlich sehr, dass es bei ein paar Stunden Bouldern in der Halle egal ist, in wie übernächtigtem Zustand man da ankommt. Fit bleibt man da ja auch."

Werden wir dich also nicht als lebenslangen, professionellen Routensammler sehen?
Sicherlich nicht lebenslang. Aber wenn ich mich die nächste Zeit weiter so entwickle, wie im letzten Jahr und wenn ich dann noch jemanden finde, der mich dabei finanziell unterstützt, sag ich nicht nein. Es gibt aber auch sehr viele andere schöne Dinge im Leben."

Letzte Frage. Ein Wunsch an dein Leben?
"Dass es mir immer wieder Dinge zeigt, wie das Klettern, die man so viel betreiben kann, wie man will und die trotzdem nie langweilig werden."

 

Pirmin Bertle Portrait
Foto: Archiv Bertle Pirmin rechnet sich "Chancen auf das erfüllte Leben" aus.

Kurz-Info Pirmin

Daten: 1985; 1,84; 72; blond und blau
Wurzeln: Von 1985 bis 2006 in Eglfing am Staffelsee
Umgetopft: Seit 2006 Wahlwestschweizer (Fribourg)
Profession: Bachelorpsychologe
Passion: Felsbelagerer, Fotograf, Schreiberling
Kletterwurzeln: Seit 1999 Gardasee und Kochel, seit 2006 Charmey
Liebste Orte: Siurana, Tarn, Céüse
Fließende Sprachen: Deutsch, Englisch, Französisch
Holpernde Sprachen: Bayrisch, Schweizerdeutsch
Unterarmumfang (UU): 28cm
Wadenumfang (WU): 34cm
Heuschreckenindex (UU/WU): 0.824

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