Interview mit Markus Bock

"Mir bringt es eher wenig, indoor zu trainieren"

Für den Artikel "Der 12. Grad" in klettern 6/09 hat Steffen Kern einige Topathleten zum Stand des Sportkletterns befragt. Hier antwortet Markus Bock.

 

Markus Bock Portrait
Foto: Manuel Brunn Stark geworden an Fingerlöchern: Markus Bock.

Markus Bock, 30, gehört zu den aktivsten Erstbegehern im Frankenjura und stärksten Kletterern in Deutschland und weltweit. Mit "Corona" (9a+) kletterte er 2006 die härteste Route des Landes.

Derzeit häufen sich die Erstbegehungen und Wiederholungen von 9a+ und 9b. Denkst Du, das Sportklettern erlebt derzeit an der Spitze eine erneute Weiterentwicklung?

Ich denke, dass wir all die vergangen Jahre, also nach Action Directe eine stetige Weiterentwicklung hatten. Nur gibt es meiner Meinung nach in letzter Zeit - die letzten drei Jahre - eine etwas schnellere Zunahme an Routen am derzeitigen Limit.

Zum Interview mit Patxi Usobiaga

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Markus Bock in Corona 9a+
Foto: Hannes Huch Das Testpiece im Fränkischen: "Corona" (9a+).

Was sind deines Erachtens die Hauptgründe? Wie hat sich
das Klettern in den letzten Jahren verändert?

Ganz klar: Die treibenden Kräfte sitzten in Spanien und heißen Sharma und Andrada. Seit Chris auch in Spanien weilt und zusammen mit Dani klettern geht, haben die Touren im Bereich 9a, 9a+ und 9b stark zugenommen, was darauf zurückzuführen ist, dass die beiden nie still sitzen können und an ihren "Ruhetagen" einbohren statt rumhocken.

Bei Wiederholungen im Limitbereich ist die treibende Kraft Adam Ondra.
Ich hoffe, dass Adam 'ne Bohrmaschine in die Finger bekommt und selbst Touren einbohrt. Dies wird er müssen, wenn Ihm nicht seine Ziele ausgehen sollen.

Vor Jahren kritisierten einige Kletterer, dass die Highend-
Routen nur länger, aber von den Einzelzügen her nicht schwieriger
werden – hat sich da in jüngster Zeit wieder was geändert?

Definitiv! Denn am Beispiel Golpe de Estado oder Jumbo Love sieht man wie lang die Routen - und doch zugleich extrem boulderlastig die Einzelstellen sind.

Was ist Deine Meinung zu Routen wie Chilam Balam oder Akira? Hast Du dich jemals an einer der neueren Rouhling-Routen versucht?

Ich hab nie selbst eine der Routen von Fred versucht oder geklettert. Ich denke, dass er definitv ein guter Kletterer ist. Seine jüngsten Leistungen passen allerdings besser ins Bild als die früher. Ich kann mir nur schwer vorstellen dass er Mitte der 90er schon 9b klettern konnte und finde dass solche vagen Aussagen, Chilam Balam hier inbegriffen, die heutige Leistung von z.B. Chris mit Jumbo Love sehr schmälern. Ich denke die erste 9b gebührt Chris.

Während bei den Männern deutliche Bewegung an der Spitze zu erkennen ist, hat sich bei den Frauen seit Josune Bereziartu nicht viel bewegt. Woran liegt das?

Bin ich ne Frau (lacht)? Nee, mal im Ernst. Es sind sicher ein paar starke Frauen unterwegs, doch über 8c raus scheint's wohl grad nicht zu gehen. Halt, hat nicht Angela Eiter da eine 8c+ in Terra Promessa wiederholt? Alles eine Frage der Zeit, denk ich, und früher oder später sind wir sicher wieder da angelangt, bis wo Josune vorgelegt hat und wahrscheinlich auch irgendwann drüber.

Was denkst du, trainieren die professionellen Kletterer genauso
viel und genauso professionell wie dies in anderen Sportarten
praktiziert wird? Oder ist da noch einiges zu verbessern?

Ich denk da ist ein großer Unterschied zwischen den Kletterern, die Wettkämpfe klettern (z.B. Patxi Usobiaga, Edu Marin,...) die sicher viel und extrem hart trainieren und dass grossteils indoor und denen, die ausschließlich draußen klettern (Chris, Dani, ich selbst,...) die nur wenn's nimmer anders geht (schlechtes Wetter) Hand ans Plastik legen.

Mir selbst bringt es eher wenig den Winter über indoor zu trainieren. Um fit zu werden, brauch' ich schwere Routen und Klettertage draußen am Fels.

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Fotostrecke: Markus Bock am Fels

6 Bilder
Markus Bock in "The Essential" Foto: Ricarda Miller
Markus Bock "The Essential"2 Foto: Ricarda Miller
Markus Bock Schweden Foto: Shawn Boye

Ist angesichts der heutigen Trainingsmöglichkeiten und der immer
zahlreicheren ganz jungen Kletteranfänger damit zu rechnen, dass es in einigen Jahren immer mehr "Wunderkinder" à la Adam Ondra geben wird?

Definitiv! Und dies hat es auch schon früher gegeben. Vor 13 Jahren kletterte ich mit Burn 4 U meine erste 8c, damals war ich 17. Heute klettert man mit 17 halt 9a und 9a+. Damals wie heute ist das Weltspitze. Und in weiteren 10 Jahren klettert man halt 9b und 9b+ oder was auch immer.

Wie beurteilst du die Entwicklung: alles bestens oder gibt's derzeit auch problematische Entwicklungen? Was stört dich?

Dank Leuten wie Chris, Dani, Adam, Dave, die das Chippen verteufeln, geht zum Glück der Weg aus der Sackgasse zurück zum Natürlichen. Zeiten wie Mitte der 90er in Frankreich scheinen zum Glück vorbei zu sein.

Vorclippen von Haken wird meiner Ansicht nach zu oft auf die leichte Schulter genommen. Für mich gilt: Was ich vorgehängt lass' wird auch abgeklettert. Auch wenn's leicht ist und klar ist, dass es geht. Da muss man einfach ehrlich zu sich selbst sein! Viele sind das nicht, auch im Topbereich. Leider.

Wie sieht's mit der Ästhetik bei Highend-Routen aus – ist es nicht
geiler, sich an Linien wie Realization oder Es Pontas zu versuchen als an der Kombination von Route X mit Route Y (plus Sitzstart)?

Ganz klar: Routen wie Realization, Golpe des Estado, Jumbo Love,... bekommen sicher mehr Anerkennung als so manche Verbindung, Erweiterung, Verlängerung in irgendeiner Höhle irgendwo. Und sind sicher eher das Ziel von Wiederholern wie z.B. Adam Ondra. Doch jedem wie's ihm grad taugt.

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14.06.2009
Autor: Steffen Kern
© klettern