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Interview mit Kletter-Legende Jerry Moffatt

"Klettern ist ein Sport für junge Leute" - Jerry Moffat im Interview

In diesem Interview von 2003 erklärt Kletterlegende Jerry Moffatt, wie das Leben als Kletterer so war, damals; und dass Fußtechnik nur was für Leute mit wenig Kraft ist.


Kletterlegende Jerry Moffatt
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Jerry Moffat klettert seine Kreation "Thriller" im Yosemite (Fb 7c+).
Foto: Archiv Moffatt

Dieses Interview entstand für klettern 02/2003. Jerry war gerade mit Partnerin Sharon und Tochter Lilly in ein Haus in Sheffield eingezogen.

Der Mann sieht abgearbeitet aus, als er die Tür zum Haus Nr. 6 in Peel Terrace, Sheffield, öffnet. Für einen Moment vergisst Jerry Moffatt sogar das Grinsen, als er den Besuch in das neue Domizil bittet. Der Staub auf den Klamotten und im Gesicht ist kein Chalk, sondern typisch Marke Baustelle. Ein Gang durch die Küche, der nur noch Boden- und Wandbelag fehlen, enthüllt die neue Häuslichkeit. Das Motorrad ist inzwischen verkauft, und vor der Türe steht der neue Mercedes, der den Porsche ersetzt hat. Im Wohnzimmer hängen Jagdtrophäen an der Wand, die Jerry auf seinen Reisen organisiert hat. Bald sind wir bei einer Tasse Tee mitten drin in den Geschichten. Spätestens, als Jerry erzählt, dass früher dreimal Freunde vom Rücksitz seines Motorrads gefallen sind, weil er so beschleunigte, darunter Ben Moon (einmal) und ein anderer Kumpel sogar zweimal, tritt auch das gewohnt-verschmitzte Lachen wieder aufs Gesicht. Es kann losgehen.

Jerry, du bist zuletzt ein wenig aus dem Blick der Öffentlichkeit verschwunden. Man hat nicht viel von neuen Touren gehört. Was hast du getrieben?
In den letzten Jahren bin ich nicht so viel gereist wie früher. In den 80er und 90er Jahren war ich zum Beispiel öfters in Deutschland, und solche Reisen führen dann immer wieder zu Meldungen. Aber in den letzten Jahren habe ich mich darauf konzentriert, Sachen in England zu machen.

Warum das?
Ich bin früher so viel gereist. Ich will heute keine zwei Monate in Frankreich verbringen, um etwas Schweres zu klettern, einfach weil ich keine zwei Monate in Frankreich verbringen will. Wenn du etwas Neues oder wirklich Schweres machen willst, dann musst du viel Zeit aufwenden. Das ist natürlich stressiger, wenn du weit weg bist. Und wenn ich etwas Neues mache, möchte ich, dass es wirklich schwer ist. Das letzte schwere Projekt, das ich schaffte, war vor gut einem Jahr, und ich habe ungefähr fünf Jahre dafür gebraucht.

Legenden des Klettersports: (v.l.n.r.) Ben Moon, Jerry Moffatt, Kurt Albert und Sean Myles.
Foto: Archiv Moffatt

Was war dein letztes Projekt?
Ein Boulderproblem in Stanage. Es ist ein neuer Start zu einem anderen Boulder von mir, The Joker, und heißt The Ace.

Wie schwer ist das?
Ungefähr 8b. Es liegt am oberen Ende der englischen Boulderschwierigkeiten. Es ist auch das härteste, was ich bisher gemacht habe. Es war ein großer Wunsch von mir, seit ich den Joker gemacht hatte. Ich dachte, wenn ich das schaffe, kann ich meine Kletterkarriere beenden und damit glücklich sein. Und es hat verdammt lang gedauert, bis die Verhältnisse passten und ich fit genug war.

Hast du gerade gesagt, dass du deine Kletterkarriere beendet hast?
Nein, ich habe meine Kletterkarriere nicht beendet, aber ich wäre nicht glücklich, mit dem Klettern aufzuhören, ohne diesen Boulder geschafft zu haben. Ich musste dieses Problem lösen, und ich wollte der erste Mensch sein, der das klettert. Ich wollte es nicht als Zweiter machen. Also musst du es versuchen und dafür trainieren, darfst es aber keinem erzählen, weil es sonst vielleicht andere machen. Und jetzt, nach fast zwei Jahren, ist es immer noch unwiederholt. Dabei ist es in Stanage am offensichtlichsten Platz. Jeder versucht es, es ist immer jemand dran. Das ist genau der richtige Platz für mich, um ein Testpiece erstzubegehen. Ich wollte immer Testpieces an Orten haben, wo sie auch gut zugänglich sind. Ich will kein schweres Boulderproblem irgendwo in Schottland erstbegehen, wo dann niemand hingeht und es probiert. Ich will es da haben, wo es jeder versucht.

Was ist es, dass dich so für einen einzelnen Boulder motiviert? ?Was war so besonders jetzt an diesem?
Es ist einfach ein wunderschönes Boulderproblem.

Was macht für dich ein wunderschönes Problem aus?
Ich finde es gut, weil es kurz ist. Es sind nur vier Züge: Du ziehst an, schnappst einen Griff, schnappst den nächsten Griff und springst zum Ausstieg. Und wenn du den Ausstiegsgriff halten kannst, ist es vorbei. Viele der schweren Boulder haben heute zehn Züge und fangen mit einem Sitzstart an, der in einen weiteren Boulder führt. Aber das hier ist kurz und wirklich hart. Ich wollte versuchen, ein technisch sehr schweres Zwei-Züge-Problem hinzukriegen. Es ist wie sonst auch beim Klettern: Wenn du Routen kletterst, möchtest du die schwerste Route finden, und ich habe versucht, die schwerstmögliche Kombination aus wenigen Zügen zu finden. Außerdem liegt es wirklich schön, und ist einfach großartig zu klettern.

Du hast gesagt, wenn du nach etwas Neuem schaust, soll es in England sein. Wiederholst du auch Routen? Oder interessieren dich nur noch Erstbegehungen?
Hauptsächlich konzentriere ich mich auf neue Routen oder Boulder. Ich habe aufgehört, Kalkrouten zu klettern, weil ich es fast 20 Jahre lang gemacht habe. Ich klettere jetzt ja schon seit 23, 24 Jahren. Und ich habe keine Lust, viele Tage zu brauchen, um eine lange Sportkletterroute zu begehen. Es gibt aber schon noch Gritstone-Routen, die mich reizen. Nur was das Reisen in ferne Länder und Wiederholen von schweren Routen dort angeht, bin ich nicht mehr wirklich interessiert. Ich wiederhole schon noch ganz gerne relativ schwere Routen, also wenn es beim Bouldern ist zum Beispiel 8a+ oder 8b. Aber ich will nicht einen Monat wegfahren und wirklich hart an einem Boulderproblem in einem anderen Land arbeiten. Ich habe eine Freundin hier, ich habe ein anständiges Haus, und ich mag es einfach nicht, so lange wegzugehen und den ganzen Stress zu haben. Und es fällt mir dann auch schwer, gute Leistungen abzuliefern. Hier habe ich eine konstante Ernährung, trainiere gleichmäßig und es fällt mir leichter, fit zu werden.

Aber du hast das gemacht als du jünger warst?
(Lacht) Ich habe es auch gemacht, als ich schon älter war. Aber du erreichst einen Punkt in deiner Laufbahn, wo du denkst: Ich habe diesen Stress satt. Bei den letzten beiden Wettkämpfen 1990 dachte ich: Das macht mir einfach keinen Spaß, ich muss zuviel reisen, ich bin viel zu sehr im Stress, ich bin nicht glücklich, ich bin nicht freundlich, ich benehme mich unmöglich gegenüber meinen Freunden. Es ist einfach zuviel. Also beschloss ich, damit aufzuhören, bis sie mir wieder Spaß machen. Aber ich habe dann nie mehr an Wettkämpfen teilgenommen. Und mit dem Reisen und Probieren neuer Routen in anderen Ländern ist es so ähnlich. Hier habe ich meine heimischen Bequemlichkeiten. Klettern ist eben ganz stark ein Sport für junge Leute. Du musst sehr aggressiv sein, wirklich besessen und motiviert. Und es ist schwer, das zu bringen, wenn du einmal einen gewissen Lebensstandard erreicht hast. Ich könnte nie zwei Wochen in einem Zelt verbringen und jeden Tag klettern gehen. Ich habe das jahrelang gemacht, aber ich könnte das jetzt nicht mehr.

Rezension: "Rockgod - Leben einer Kletterlegende"; das Buch von Jerry Moffatt ist jetzt auf deutsch erschienen

Auf der nächsten Seite: Jerry über das Leben als Dirtbag - kein Geld, kein Auto, keine Wohnung... "Ich habe in Höhlen gelebt"

Autor: Ralph Stöhr

© klettern

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