Interview mit Barbara Raudner

"Die Route muss einem liegen"

Steffen Kern hat für seine Recherche "12. Grad" in der neuen Klettern einige Topkletterer befragt. Mit den Antworten von Barbara Raudner eröffnen wir die Interviewreihe.

Fotostrecke: Am Fels: Barbara Raudner

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Barbara Raudner Foto: Hannes Raudner
Barbara Raudner Margalef Foto: Hannes Raudner
Barbara Raudner in Osp (Slowenien) Foto: Hannes Raudner

Barbara Raudner gehört zu den stärksten Frauen weltweit. Im Dezember 2008 hat die Wienerin in den Adlitzgräben ihre dritte 8c geklettert.

Derzeit häufen sich bei den Männern die Erstbegehungen und Wiederholungen von 9a+ und 9b. Denkst Du, das Sportklettern erlebt derzeit an der Spitze eine erneute Weiterentwicklung?

Ja, glaub ich schon. Ich weiß zwar nicht, ob es irgendwann in naher Zukunft 9c's geben wird, aber die Zahl der Leute, die 9a und schwerer klettern, wird immer größer. Vor allem, was schwere Onsights angeht, glaube ich, dass es nicht mehr lange dauert, bis die 9a Marke fällt. Adam Ondra wäre da sicher der Kandidat.

"Die starken Mädels sind im Kommen!"

Was sind deines Erachtens die Hauptgründe? Wie hat sich das Klettern in den letzten Jahren verändert (Stil, Kraft-Niveau, Training, Wettkämpfe …)?

Hauptgrund sind sicher professionellere und bessere Trainingsmethoden bzw. Möglichkeiten. Das hat sicher auch mit dem Hallenboom zu tun, der es auch Leuten, die nicht nahe von Klettergebieten zu Hause sind, ermöglicht stark zu werden. Die Einstellung zum Klettern ist sicher auch ein wenig moderner und ungezwungener geworden, und das zieht sicher auch viele Leute, vor allem junge, an.

Während bei den Männern deutliche Bewegung an der Spitze zu erkennen ist, hat sich bei den Frauen zwar die Zahl der 8b-8c Kletterinnen deutlich vergrößert, im absoluten Spitzenbereich hat sich seit Josune Bereziartu aber nicht viel getan. Woran liegt das?

Möglicherweise hat das auch mit dem „Liegefaktor“ zu tun. Wenn man nicht, wie Adam Ondra o.a., über den Dingen steht und alles klettern kann, was einem unter die Finger kommt, dann muss einem/-r die Route schon ziemlich liegen. Alles, was Längenzüge hat, fällt da schon einmal weg. Extrem harte Boulderstellen sind für Frauen sicher auch ein größeres Hindernis als für Männer. Was die reine Kraft betrifft sind die halt noch immer besser. Eine ideale 9a wäre dann sicher eher ausdauerlastig. Und die muss dann halt auch irgendwie in der Nähe sein, damit man Zeit hat dran zu arbeiten. Und diese Kombination ist eher selten. Aber die starken Mädels sind im Kommen!

Was denkst Du: Trainieren die professionellen Kletterer genauso viel und genauso professionell wie dies in anderen Sportarten praktiziert wird? Oder ist da noch einiges zu verbessern?

Ich persönlich glaube, dass professionelle Kletterer mindestens genauso viel und professionell trainieren wie andere Sportler, verglichen mit den österreichischen Fußballern beispielsweise trainieren sie wahrscheinlich sogar mehr (lacht). Sicherlich ist auch zu bedenken, dass Klettern ein sehr komplexer Sport ist und die Sportwissenschaft sich, verglichen etwa mit Leichtathletik, seit noch nicht allzu langer Zeit (vielleicht 10 Jahre) mit dem Klettern beschäftigt. Da ist sicher noch einiges nachzuholen.

Ist angesichts der heutigen Trainingsmöglichkeiten und der immer zahlreicheren ganz jungen Kletteranfänger damit zu rechnen, dass es in einigen Jahren immer mehr "Wunderkinder" à la Adam Ondra geben wird?

Die Zeiten, wo es nur Chris Sharma gab sind sicher vorbei. Die nächsten Adam Ondras machen irgendwo schon ihre ersten Züge. Aber trotz der nach oben gehenden Leistung wird es in jeder Generation immer einen, oder zwei AusnahmeklettererInnen geben, die halt noch ein bissel stärker sind als der starke Rest. Ob die dann 10a klettern, wer weiß. Das hängt sicher auch von den Möglichkeiten ab, die der Fels bietet. Die 100-Meter-Läufer werden zwar auch immer schneller, aber dennoch sind die Fortschritte klein, einige Hundertstel. Unter 9 Sekunden wird aber sicher nie ein Mensch laufen können.

Wie beurteilst Du die Entwicklung: alles bestens oder gibt's derzeit auch problematische Entwicklungen?

Die größte Herausforderung, die das Klettern in den nächsten Jahren zu meistern hat, sind nicht noch härtere Züge, sondern die Bewahrung des „Naturerbes“. An den Felsen werden die Leute immer mehr und das ist auch gut so, denn die Verbindung des Menschen mit der Natur ist wichtig. Aber bei aller Naturverbundenheit muss auch das Bewusstsein geschaffen werden, dass man auf Natur und auch Anrainer Rücksicht nehmen muss – die Konsequenzen sind sonst bekannt: Natur geht kaputt, Gebiete werden geschlossen.

Mehr über Barbara unter www.barbararaudner.at.

Demnächst an dieser Stelle: Die ausführlichen Interviews mit Patxi Usobiaga, Markus Bock, Adam Ondra, Josune Bereziartu und Andreas Bindhammer

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Autor: Steffen Kern
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