Interview: Kilian Fischhuber und Anna Stöhr

Die Boulderprofis Anna Stöhr & Kilian Fischhuber im Interview


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Kilian Fischhuber und Anna Stöhr
Foto: Stefan Schlumpf/Red Bull Content Pool

 

Kilian Fischhuber und Anna Stöhr
Foto: Stefan Schlumpf/Red Bull Content Pool

 

Kilian Fischhuber bei der Europameisterschaft im Bouldern 2010
Foto: Marcos Ferro/Red Bull Content Pool

 

Anna Stöhr beim Boulderworldcup in Hall
Foto: Heiko Wilhelm

 

Die Österreicher Anna Stöhr und Kilian Fischhuber sind die erfolgreichsten Wettkampfboulderer aller Zeiten - und seit Jahren ein Paar.

Fünfmal Weltcup-Gesamtsieger, aber noch nie Weltmeister. Wurmt dich das nicht?
Kilian: Das geht ja gut los! (Lacht) Klar, das tut schon weh, wenn man bei so vielen Welt- oder Europameisterschaften als einer der Favoriten gehandelt wird und in einer guten Form ist, es dann aber nicht so läuft, wie man es sich vorstellt.

Ziehst du ihn manchmal damit auf?
Anna:
(Lacht) Nein …
Kilian: Aber sicher! Wir witzeln schon ab und zu, wer besser ist.
Anna: Wir bauen uns gegenseitig auf, manchmal ziehen wir uns aber auch auf. Das gehört dazu, glaube ich.

Welchen Anteil am Erfolg hat der Kopf bei Wettkämpfen?
Anna:
Von der Kraft und der Fitness sind alle in der Spitze auf einem enorm hohen Level. Da ist manchmal schon der Kopf entscheidend. Wer die Nerven am besten bewahrt, ist dann eben ganz vorn. Aber es geht auch darum, wer den entscheidenden Tick fitter ist, deshalb kann man nicht sagen, dass das nur Kopfsache ist.
Kilian: Ich denke nicht, dass die Wettkämpfe, bei denen der Fitteste gewinnt, überwiegen. Wenn wir uns in der Iso-Zone aufwärmen, da sind oft viele Leute stärker als ich. Und wenn es dann beim Wettkampf darum geht, die richtige Lösung zu finden, ist das ja auch kein mentales Problem. Da geht es einfach darum, ob man‘s checkt, was zu tun ist. Dann kommt es darauf an, ob einem der Boulder liegt, ob man einen guten Tag erwischt – das sind so viele Faktoren. Der Fitteste zu sein, reicht nicht, um zu gewinnen.

Anna, was waren bei der WM in Arco die kritischsten Momente für dich?
Anna:
Erstmal die Quali, nach der ich nur 15. war. Da gab es zwei Gruppen, und mir ist ein Boulder überhaupt nicht reingelaufen. Die anderen habe ich geflasht. Da war ich ziemlich irritiert, dass ich so weit nach hinten gerutscht bin. Der nächste kritische Moment war im Halbfinale, wo ich einen Boulder nicht hochgekommen bin. Und dann bin ich da gesessen und habe gedacht, jetzt schaust du beim Finale vielleicht zu. Das war die Oberzitterpartie für mich. Als ich dann gewusst habe, dass ich im Finale bin, hat sich meine mentale Einstellung geändert. Ab da war ich super motiviert und wollte einfach nur gut klettern.
Kilian: Es ist generell besser, wenn man einfach Vollgas gibt und nicht die Einstellung hat, man muss unbedingt gewinnen. Mein Ziel war ganz klar zu gewinnen. Und das war wahrscheinlich die falsche Herangehensweise.
Anna: Es ist sehr schwierig, damit umzugehen, die richtige mentale Strategie zu finden. Wir sind beide nach Arco gefahren, um Weltmeister zu werden.
Kilian: Mit so viel Weltcup-Siegen muss das ja auch das Ziel sein. Ich war auch weniger über den vierten Platz enttäuscht als über meine Leistung. Ich bin einfach scheiße geklettert, so schlecht wie das ganze Jahr nicht – und das hat mich am meisten geärgert.

Und im Anschluss, hast du da ordentlich gefeiert, Anna?
Anna:
(Lacht) Auf jeden Fall! Im Conti d‘Arco haben wir noch die Korken knallen lassen!

Du hast hoffentlich mitgefeiert?
Kilian:
Schon! Nach dem Wettkampf wollte ich erstmal eine halbe Stunde niemand sehen und meine Ruhe haben. Wenn ich verliere und es wäre mir egal, dann wäre das ja auch die falsche Einstellung. Danach habe ich mich aber nicht mehr geärgert, bin auf die Party und hatte meine Gaudi.
Anna: Wichtig ist, dass man in solchen Situationen den Sieg eines anderen anerkennt. Als Akiyo 2010 den Gesamt-Weltcup gewonnen hat, haben wir später auch darauf angestoßen und gemeinsam ihren Sieg gefeiert.

Wie lebt es sich als fünfmaliger Boulderweltcup-Gesamtsieger respektive als zweimalige Weltmeisterin und Weltcup-Siegerin in Österreich?
Kilian:
Dadurch, dass die Medienaufmerksamkeit so groß ist – vor allem in Tirol – und das Fernsehen wieder mehr auf unseren Sport aufmerksam wird, ist Klettern und Bouldern eine anerkannte Sportart. Es gibt Förderungen vom Staat an den Verband, der uns alle Reisen und Unterkünfte bei den Wettkämpfen bezahlt. Und die Sponsoren bezahlen unsere Kletterreisen. Außerdem sind wir beim Bundesheer, mit 14 Monatsgehältern und Pension. Allein davon würden wir schon über die Runden kommen. Die Unterstützung auch von der Seite ist super. Wir sind also volle Profisportler.

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26.12.2011
Autor: Steffen Kern
© klettern
Ausgabe 10/11/2011