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Edurne Pasaban Interview

Alle 14 voll

2010 hat Edurne Pasabán die letzten Gipfel abgehakt, die in ihrer Achttausender-Sammlung noch fehlten. Annika Müller hat mit der Top-Alpinistin gesprochen.


Edurne Pasaban auf der Annapurna.
Foto: Ferran Latorre, Al Filo de lo Imposible

"Ein Traum ist wahr geworden", gab Edurne Pasabán per Funk durch, nachdem sie am 17. Mai 2010 den Gipfel des 8027 Meter hohen Shisha Pangma, ihres vierzehnten Gipfels über 8000 Meter, erreicht hatte. Damit erfüllte sich für die 36-jährige Spanierin ihr Lebens­projekt, an dem sie ein Jahrzehnt lang gearbeitet hatte.

In dieser Zeit hat die Bergsteigerin mit dem offenen Lachen einige der schönsten Momente ihres Lebens, aber auch etliche Tiefen durchlebt: Am K2 verlor sie zwei Zehen und beinahe ihr Leben, beim Abstieg vom Kangchendzönga entging sie ebenfalls nur knapp dem Tod. Auch der Druck der Medien, die aus der bescheidenen Bergsteigerin eine Person des öffentlichen Interesses machten und einen erbitterten Konkurrenzkampf zwischen ihr und ihrer Freundin Gerlinde Kaltenbrunner herbeischrieben, setzte ihr zu. Edurne zeigt sich nun froh, endlich alle Erwartungen abzustreifen und Abstand zu den Bergen gewinnen zu können.

Du bist nach deiner Rückkehr nach Spanien mit Ehrungen überhäuft und von der Presse umlagert worden. Ein harter Bruch nach 80 Tagen Bergeinsamkeit.
Ja. Das war alles ziemlich irreal, und ich hatte viel zu wenig Zeit um nachzudenken. Zunächst einmal war ich einfach froh, meine Familie und Freunde zu sehen und endlich ausruhen zu können. Schließlich war ich drei Monate lang weg. Erst bei der Presse­- konferenz wurde mir klar, dass es keine Rückkehr wie sonst war. Ich glaube, es muss aber noch einige Zeit vergehen, bis ich vollständig realisiert habe, dass ich nun tatsächlich alle 14 Achttausender geschafft habe.

Stellt sich nun ein Gefühl der Leere ein? Schließlich hat das Projekt der 14 Achtausender dich über ein Jahrzehnt lang komplett in Anspruch genommen. Oder ist es eher erleichternd, nun endlich Zeit für andere Dinge zu haben?
Nein, leer fühle ich mich nicht, ganz im Gegenteil. Mein Leben ist jetzt ausgefüllter als vor zehn Jahren, aber nicht, weil ich 14 Achttausender bestiegen habe, sondern weil ich unglaubliche Freundschaften schließen konnte und über all die Jahre so viel Unterstützung erfahren habe. Von Unbekannten, die mir Mails und Briefe schrieben, von meiner Familie, von meinen Sponsoren. Tatsächlich ist aber eine große Last von mir abgefallen. In den vergangenen Monaten ist mein persönliches Projekt mehr und mehr zu einer Medienschlacht geworden. Das hat einen zusätzlichen Druck erzeugt, mit dem ich nicht immer gut zurechtkam. Ich habe diesen Lebensabschnitt nun beendet und fühle mich frei, neue ehrgeizige Projekte zu entwickeln.

Edurne Pasaban gehört zu den besten Bergsteigern der Welt.
Foto: Lluis Capdevila

Reinhold Messner hat dir gleich nach dem Gipfelsieg Glückwünsche überbracht und deine 14 Achttausender als unnütz und gerade deshalb so schön bezeichnet. Kannst du dich dem anschließen?
Messners Glückwünsche erhielt ich kurz nach der Ankunft im Basecamp in einem sehr emotionalen Zustand. Er hat meine Gedanken gelesen, denn auch ich habe mich gefragt, welchen Sinn mein Projekt eigentlich gehabt hat. Ich war zu dem Schluss gekommen, dass es keinem Zweck gedient hat, sondern einfach nur die Erfüllung eines Lebenstraums war. Niemals würde ich diese intensiv gelebten Jahre gegen irgendetwas auf der Welt eintauschen. Ich habe so gelebt, wie ich es gewählt habe, absolut frei in meinen Entscheidungen.

Jaime Lissavetzky, der Staatssekretär im spanischen Sportministerium, betonte wiederum die Nützlichkeit deiner Leistung als Impuls für den Frauensport in einer männerdominierten Sportwelt. Ist auch das eine Ansicht, die du teilen kannst?
Ich würde mir in der Tat wünschen, dass meine Gipfelerfolge anderen Frauen Mut machen. Als ich 2001 meinen ersten Achttausender bestieg, hätte ich mir nie träumen lassen, jemals auf allen 14 zu stehen, und es hätte mir auch niemand zugetraut. Dass ich heute ein solches Medienecho provoziert habe und als öffentliche Person dastehe, hat vielleicht den einen Nutzen: anderen Menschen den Impuls zu geben, ähnlich ambitionierte Projekte anzugehen. Besonders für Frauen in Männersportarten ist dies noch immer schwierig.

Du warst immer die einzige Frau im Team. Hat dir das auch zuletzt trotz deiner Bekanntheit manchmal noch Schwierigkeiten gemacht?
Ja! In dieser absolut maskulinen Welt bin ich zwar inzwischen akzeptiert, und mit meinen Expeditionskollegen gibt es ohnehin keine Probleme. Aber ich musste immer mehr Einsatz zeigen als meine männlichen Kollegen. Wir Frauen müssen uns ständig unter Beweis stellen. Als Unbekannte in eine Expedition aufgenommen zu werden, ist sehr schwer. Einem Mann traut man viel eher zu, dass er den Gipfel erreicht. Bis heute wird es in der Bergsteigerszene und der Presse so dargestellt, als hätte ich viele Berge nur aufgrund der Erfahrung und Ausdauer meiner Begleiter geschafft. Dabei trage ich dieselbe Menge an Material und nicht zuletzt mich selbst den Berg hinauf.

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Autor: Annika Müller

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