David Lama Interview

Nach der Kompressor-Route: David Lama im Interview


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DAvid Lama in Patagonien
Foto: Red Bull

 

David Lama am Cerro Torre - Eindrücke aus Patagonien
Foto: (c)Corey Rich/Red Bull Photofiles

 

David Lama am Cerro Torre - Eindrücke aus Patagonien
Foto: (c)Corey Rich/Red Bull Photofiles

 

David Lama am Cerro Torre - Eindrücke aus Patagonien
Foto: (c)Corey Rich/Red Bull Photofiles

 

David Lama am Cerro Torre - Eindrücke aus Patagonien
Foto: (c)Corey Rich/Red Bull Photofiles
Erst Sportkletter-Wunder, dann Wettkampf-Kletterer: heute brennt das Herz von David Lama für alpines Klettern und hohe Berge. Nachdem er die berüchtigte Kompressor-Route am Cerro Torre frei klettern konnte, haben wir dieses Interview mit ihm geführt.

Patagonien, Sommer 2009/2010: David Lama ist erstmals am Cerro Torre. Sein Ziel: die erste freie Begehung der Kompressor-Route. 1970 sorgte Cesare Maestri hier für einen Skandal, als er sich mithilfe eines Kompressors nach oben bohrte. Auch David Lama erntete viel Kritik, weil für sein Filmteam weitere Bohrhaken installiert werden. Letztlich umsonst, denn David ist weit davon entfernt, seinen Traum zu realisieren.

Im Januar 2011 steigt David Lama wieder am Cerro Torre ein, ohne Filmteam. Diesmal erreichen er und Peter Ortner in technischer Kletterei den Gipfel. Anfang 2012 reisen Lama und Ortner erneut an, doch kurz bevor sie einsteigen, entfernen Hayden Kennedy und Jason Kruk rund 120 Bolts, darunter alle Zwischenhaken in der Headwall. Doch David Lama ließ sich nicht beirren und kletterte am 20. und 21. Januar die Kompressorroute komplett frei. Nach seiner Rückkehr haben wir mit ihm gesprochen.

 

DAvid Lama in Patagonien
Foto: Red Bull David Lama 2012 in Patagonien.

Einst Wettkampf-Wunderkind, jetzt alpine Wände und hohe Berge. Überrascht dich deine Entwicklung manchmal selbst?

Nein, eigentlich nicht. Ich habe ja draußen angefangen zu klettern, deshalb war ich schon immer sehr Fels- und auch den Bergen verbunden. Und so war es in meinen Augen eine natürliche Entwicklung, dass es zurückgegangen ist in die Berge und zum alpinen Klettern. Beim Sportklettern war ich irgendwann nicht mehr dazu bereit, mich für lange Zeit auf ein Projekt zu konzentrieren. Ich bin einige Routen im Grad 8c+/9a im zweiten Versuch geklettert, der Reiz etwas viel Schwereres über lange Zeit zu probieren, war einfach nicht groß genug. Dagegen konnte ich beim Alpinen noch sehr viel dazu lernen. Es ist immer interessant, etwas Neues zu probieren, wo man noch nicht so viel Erfahrung hat. Immer das Gleiche zu machen, ist doch langweilig! Das heißt nicht, dass ich nicht immer noch begeistert am Sportklettern bin, aber ich bin sicher weniger oft in der Halle und weniger beim Sportklettern als früher.

Wie haben deine Sponsoren reagiert, als du gesagt: Jetzt ist Schluss mit Wettkämpfen?

Als ich Ende 2008, Anfang 2009 mit dem Torre-Projekt ankam, hieß es: Willst du dir nicht lieber noch ein bisschen Zeit lassen, magst du nicht lieber noch ein paar Jahre im Wettkampf bleiben? Aber sie haben dann schnell gemerkt, dass das mein Traum ist und dass ich mich nicht davon abbringen lasse.

Wie fühlt es sich an, die Kompressorroute befreit zu haben?
Ehrlich gesagt hat der Freiklettererfolg fast einen geringeren Stellenwert für mich als unsere Besteigung letztes Jahr. Da waren wir voll am Limit unterwegs und hatten nur eine 50/50-Chance, überhaupt irgendwie raufzukommen. Das war eine lässige Aktion, bei der wir alles auf eine Karte gesetzt haben. Als wir dann auf dem Gipfel standen – das war um 22 Uhr, die Sonne war schon untergegangen und es hatte so ein grünes Licht –, das war gewaltig! Den Freiklettererfolg muss man anders bewerten, das war eben der Abschluss des Projekts. Das war auch lässig, aber emotionaler war die Besteigung 2011.

Damals habt ihr gar nicht erst versucht, frei zu klettern?
Nein, da ging‘s nur darum, irgendwie hochzukommen und vielleicht zu schauen, ob freiklettern möglich ist. Dann haben wir gesehen, dass die Headwall Strukturen hat und wir an der Bolt-Traverse links vorbeikommen sollten. Deshalb hatte ich diesmal ein sehr gutes Gefühl. Ich wusste, was mich erwartet, das Wetter passte und wir waren fit. Als wir die Bolt-Traverse hinter uns hatten und im Biwak saßen, waren wir uns sicher, dass wir durchkommen.

Obwohl alle Bohrhaken in der Headwall fehlten?
Trotzdem. Wir haben uns gesagt: Schwerer als die Umgehung der Bolt-Traverse wird‘s nicht mehr, und egal wie, wir schaffen das!

Habt ihr eure Linie – unter dem Kompressor nach rechts – also schon letztes Jahr ausgespäht?
Das habe ich schon immer gesagt!

Wie, schon immer?
Die Idee, die Kompressorroute frei zu versuchen, entstand ja 2008, als ich im chilenischen Valle Cochamo in einem Klettermagazin ein Foto der Headwall entdeckt habe. Und auf dem habe ich gesehen, dass sich rechts der Route die Felsfarbe verändert. Deshalb habe ich von Anfang an vermutet, dass es da mehr Struktur hat. Dass es wirklich so ist, habe ich dann 2011 gesehen, und dieses Jahr sind wir dort hochgeklettert. Ich hab‘s nie verstanden, warum alle anderen vor mir immer von der Original­linie nach links abgebogen sind.

Nach deinem Versuch 2010 gab‘s massive Kritik an dir und Red Bull, weil neue Bolts gesetzt und Material zurückgelassen wurde. Was ist damals schief gelaufen?
Einiges! Wir haben Fehler gemacht, aber daraus gelernt und die Sache jetzt in einem Stil durchgezogen, der wirklich einwandfrei ist. Ich brauche kein Filmteam zum Bergsteigen, die meiste Zeit bin ich ohne unterwegs. Aber ich habe gelernt: Wenn ich ein Filmteam dabei habe, muss sich dieses genauso an die Spielregeln halten. Das ist für mich die Hauptlektion aus der Geschichte.

Hattest du die Sensibilität der Klettergemeinde unterschätzt?
Wahrscheinlich schon. Aber wir haben uns auch vor dem ersten Versuch Gedanken gemacht. Es gab die Vorgabe, möglichst wenig Bohrhaken zu setzen und die Fixseile abseits der Route zu installieren. Nur ist das von unserem Lead-Guide nicht so beherzigt worden. Deshalb war der jetzt auch nicht mehr dabei – weil er meinte, anders könne er die Sicherheit des Filmteams nicht garantieren. Daraufhin gab es für uns zwei Möglichkeiten: Wir suchen uns einen anderen Lead-Guide, der das in unserem Sinne macht. Oder – wenn wir keinen finden – müssen wir das Filmprojekt eben aufgeben. Mit Markus Pucher haben wir dann jemand gefunden, der bereit war, mit einem zweiten Bergführer plus Kameramann als separates Team hinaufzusteigen.

Hast du damals überhaupt mitbekommen, dass so viele Bohrhaken gesetzt werden?
Ich glaube, es war so, dass Daniel Steuerer, mein Partner 2009/2010, am ersten Tag krank war. Deshalb sind wir etwas verspätet eingestiegen, und da waren schon einige Bolts gesetzt worden. Aber egal, irgendwer muss den Kopf dafür hinhalten. Und wenn ein Film über mich gedreht wird, dann bin auch ich dafür verantwortlich.

02.08.2012
Autor: Steffen Kern
© klettern
Ausgabe 05/2012