Daila Ojeda im Interview

"Die Psyche ist fundamental"

Daila Ojeda über das Leben in Katalonien, die Psyche beim Klettern und eine Methode, beim Durchstieg ungeahnte Kräfte zu mobilisieren.

Es scheint, als sei Oliana in Katalonien gerade Dein bevorzugtes Klettergebiet. Was fasziniert Dich so daran?
Für mich ist ein ganz besonderer Ort: Ich liebe die Landschaft, den Kletterstil. Außerdem ist es einer der wenigen Sektoren, an dem sowohl ich als auch Chris wirklich schöne Projekte haben und zusammen klettern gehen können. Einfach ein ganz spezieller Ort.

Wie ist es zu erklären, dass sich in jüngster Zeit die Spitzensportkletterszene in Katalonien konzentriert?
Katalonien ist eben ein Felsparadies und ein Hort fanatischer Kletterer. Das ist alles.

 

Daila Ojeda klettert in Oliana
Foto: Reini Fichtinger Oliana bietet faszinierenden Kalk für ambitionierte Kletterer wie Daila.

Wie kam es, dass Ihr Euch, nachdem ihr fast die ganze Welt bereist habt, ausgerechnet im winzigen Dörflein Sant Llorenç niedergelassen habt?
Es ist ein sehr hübsches, ruhiges und typisch katalanisches Dorf. Das gefällt uns. Chris und ich, wir sind beide am Meer aufgewachsen und Sant Llorenç hat immerhin einen See, den wir von unserem Haus aus sehen können. Außerdem ist die Gegend perfekt zum Klettern. Wir haben unglaubliche Sektoren in direkter Nähe: St. Linya, Terradets, Disblia, Camarasa, etc.

Kannst Du als alte Häsin dem Klettern noch immer Neues abgewinnen?
Man lernt immer dazu: einerseits durch das Klettern selbst, andererseits durch die Leute, die diese Leidenschaft teilen. Als ich zum Beispiel kurz davor stand, meine zweite 8c zu klettern, sagte mir meine beste Freundin, Anna, die nicht einmal halb so lange klettert wie ich: "Wenn du am Ruhepunkt bist, führ dir einfach vor Augen, warum du kletterst." Genau das habe ich gemacht und habe einfach ganz entspannt die Route genossen – ohne weiter darüber nachzudenken, welchen Schwierigkeitsgrad sie hat. So war der Durchstieg plötzlich ganz leicht. An diesem Tag habe ich sehr viel gelernt.

Welchen Stellenwert hat der psychische Aspekt beim Klettern?
Die Psyche ist für mich fundamental. Ich halte mich nicht für eine körperlich starke Kletterin, ich habe schließlich nicht einmal Muskeln (lacht), aber wenn ich motiviert bin, dann kommen - von ich weiß nicht, woher - plötzlich ungeahnte Kräfte und hinauf geht’s!

Und mit welchen Methoden schaffst Du es, psychisch stark und immer so ausgeglichen zu sein?
Wer hat denn gesagt, dass ich eine ausgeglichene Person bin (lacht)?
Nein, ganz im Ernst, ich habe mir angewöhnt, die Dinge immer von ihrer positiven Seite zu sehen. Und wenn das nicht klappt und die Traurigkeit überwiegt, dann gestatte ich es mir, eben auch mal zu heulen. Ich finde, man muss die Dinge so nehmen, wie sie kommen. Ich habe einmal einen sehr klugen Satz gelesen: "Die gewöhnlichen Leute sehen im Leben einen Segen oder einen Fluch, die Kämpfer sehen in ihm eine Herausforderung." Genau das ist es. Also immer drauflos, was da auch kommen mag – und dabei nie das Lachen vergessen!

 

Daila Ojeda
Foto: Annika Müller Daila manövriert durch das steile Geländer von Santa Linya.

Fühlst Du Dich doch auch manchmal unter Druck gesetzt?
Nein, eigentlich nicht. Manchmal mache ich ihn mir selber, wie alle Personen, die sich große Ziele setzen. Aber von außen kommt eigentlich nie irgendeine Art von Druck – eher im Gegenteil. Ich erfahre von allen Seiten eine enorme Unterstützung, sowohl von Freunden als auch von meinen Sponsoren, die immer Hand in Hand mit mir gehen.

Hast Du manchmal das Gefühl, vom Klettern abschalten und Dich anderen Dingen widmen zu müssen? (Letztes Jahr habt Ihr Euch zum Beispiel eine lange Auszeit genommen, um Euer Haus zu renovieren).
Ich entspanne unheimlich gerne – und ich brauche es auch. Wenn ich zum Beispiel auf die Kanaren zurückkehre, bin ich einfach nur gerne mit meinen Leuten zusammen und genieße den Strand oder den Anblick der fantastischen Landschaft, in der ich geboren und aufgewachsen bin. Das Klettern ist mir wichtig, aber die Menschen, die hinter mir stehen, und meine Wurzeln, das sind die eigentlichen Stützen meines Lebens.

Was interessiert Dich außer dem Klettern?
Der Strand!!! Ich liebe ihn! Ich lese außerdem gerne, gehe mit meiner Hündin Chaxi spazieren, reise.

Du scheinst jedes Jahr stärker und stärker zu werden. Wird das ständig so weiter gehen oder wirst Du doch irgendwann an Deine Grenzen stoßen?
Meine Grenze habe ich frühestens dann erreicht, wenn das Alter es nicht mehr zulässt, dass ich bis an die Sektoren komme (lacht). Dann lasse ich wohl zwangsläufig das Klettern sein. Zwischenzeitlich heißt es: "hasta la victoria siempre!" (Anmerk.:"Immer bis zum Sieg!"- Ausspruch von Che Guevara)

Hast Du auch Defizite? Gibt es irgendetwas, woran Du arbeiten müsstest?
Ich wünsche mir vor allem, mehr Geduld und Beharrlichkeit zu haben.

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19.04.2011
Autor: Annika Müller
© klettern