Barbara Zangerl: Interview + Trainingstipps fürs Klettern

Motivation und Psyche – Klettertipps von Barbara Zangerl


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Foto: Reinhard Fichtinger

Nur wer vollstes Vertrauen zum Sicherungspartner hat, kann an seine Grenzen gehen (Via Acacia (7c+), Rätikon).

Vom Bouldern zur Hardcore-Mehrseillängenroute: Barbara Zangerl hat's in allen Disziplinen drauf. Hier gibt sie Tipps zum Thema Motivation und Psyche beim Klettern.
  • Für mich ist es wichtig, dass ich im Kopf frei bin und alles was um mich herum passiert, ausblenden kann. Durch die anhaltende Konzentration und Anspannung und durch eine ordentliche Portion Krafteinsatz ist es oft wie in einem Flowzustand, in dem alles automatisch, jedoch sehr bewusst abläuft.
  • Das erste Mal in einer mir unbekannten Route habe ich schon Angst vor weiten Stürzen. Ich gehe kontrolliert an eine als Grenzsituation empfunde Situation heran und springe auch kontrolliert ins Seil. Wobei das empfundene Risiko meistens viel größer ist als das wirkliche Risiko.
  • Angst hemmt auf jeden Fall beim Klettern. Da nützt einem oft die antrainierte Kraft überhaupt nichts. Beim Bouldern, wenn wir nicht gerade von Highballs sprechen, fällt dieses Angstgefühl komplett weg. Da ist man fast immer 100 Prozent auf das Klettern konzentriert. Auch wenn man in Mehrseillängenrouten leichtere Seillängen klettert, wird die Psyche oft extrem gereizt. Gerade in vermeintlich leichtem Gelände sind die Absicherungen oft sehr schlecht. Da habe ich dann oft in einer vermeintlichen 6b den Kraftaufwand einer 7b-Route, vor allem wenn man das Gelände nicht kennt und nicht weiß, was einen erwartet.
  • In einer Mehrseillängenroute ist es schwierig, die Motivation und Psyche den ganzen Tag aufrecht zu halten, besonders wenn die Kraft nachlässt, man aber noch lange nicht am Ziel angekommen ist. In dieser Situation stößt man dann schnell an seine persönlichen Grenzen. Aber ein Teil der Befriedigung vom Klettern kommt schließlich davon, dass der Kletterer an seine persönlichen Grenzen geht und diese bewusst immer weiter ausdehnt. Das ist beim Bouldern und beim Klettern mit Seil gleich.
  • In einem Mehrseillängenprojekt brauche ich zwischen den einzelnen Versuchen an einem Tag immer einen Tag Pause. Für Körper und Geist ist es ist einfach anspruchsvoller bezüglich der Ausdauerbelastung, wenn man mehrere schwere Längen am Stück klettert. Es hätte überhaupt keinen Sinn für mich, am zweiten oder dritten Klettertag in eine schwierige Multipitch einzusteigen. Da ist mein Kopf dann generell schon leer und ich kann mich einfach nicht motivieren.

Zwischendurch mal nur zum Spaß klettern

  • Ich habe für mich gelernt, dass es gut ist, zwischendurch Genussklettern zu gehen, also Routen zu klettern, in denen man nicht fighten muss. Damit halte ich für mich meine Motivation aufrecht und schütze mich so auch vor Verletzungen. Wichtig ist auch, dass ich den Winter über in der Kletterhalle trainiere, damit ich im Frühjahr fit für den Fels bin. Da kann ich ebenfalls Motivation tanken und freu mich um so mehr, wenn ich aus der stickigen Halle wieder an den Fels gehen kann. Das ganze Jahr in der Kletterhalle zu trainieren, das könnte ich mir nicht vorstellen.
  • Das Umfeld spielt auch eine große Rolle. Für mich war es damals sehr wichtig, dass mich mein Bruder oder Freunde mit zum Klettern genommen haben. Vor allem war der Einstieg dadurch sehr spielerisch für mich und es stand stets der Spaß im Vordergrund. Sonst würde ich heute wahrscheinlich nicht mehr klettern.

Fotostrecke: Fotostrecke: Barbara Zangerl klettert Traumroute "Delicatessen" (8b) auf Korsika

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Barbara Zangerl klettert Delicatessen (8b) auf Korsika Foto: Klaus Dell’Orto / adidas Outdoor
Barbara Zangerl klettert Delicatessen (8b) auf Korsika Foto: Klaus Dell’Orto / adidas Outdoor
Barbara Zangerl klettert Delicatessen (8b) auf Korsika Foto: Klaus Dell’Orto / adidas Outdoor
Autor: Ralph Stöhr / Barbara Zangerl
© klettern
Ausgabe 09/2012