Alexandra Schweikart im Interview

"Nicht unverwundbar aber unbesiegbar sein"

Punk-Musik, Promotion in physikalischer Chemie, und Alpenrouten mit Abenteuerfaktor: Alexandra Schweikart im Interview.

 

Alexandra Schweikart
Foto: Derek Thatcher

Alexandra Schweikart gehört zu den stärksten deutschen Kletterinnen. Ob Bouldern oder Big Wall, wann immer sie kann zieht die Wahl-Fränkin aus, um das Abenteuer zu suchen. Wir haben ihr ein paar Fragen gestellt.

Geboren am und in: 6. November 1982 in Schramberg, Schwarzwald
Wohnort: Bayreuth oder Basislager Ford Escort

Was machst Du beruflich? Ich promoviere an der Uni Bayreuth in Physikalischer Chemie. Da forsche ich an nanostrukturierten Oberflächen, die tolle Eigenschaften haben können. Geckos zum Beispiel können dank solcher Strukturen an den Füßchen glatte Wände emporklettern.... und schon sind wir beim Thema!

Wie bist Du zum Klettern gekommen, seit wann kletterst Du? Meine Eltern entdeckten Bergsport und Klettern als ich klein war und so bin ich damit aufgewachsen. Battert, Donautal und die Berge statt Strandurlaub!

Affenfaktor? Minus Vier (bin 1,67m groß). Das ist eine Frechheit, vor allem im Granit! Hier in Franken kann man ja wenigstens noch die Tritte festhalten...

 

Alexandra Schweikart
Foto: Archiv Schweikart "Basislager Ford Escort"

Wo trifft man Dich häufig an? Am liebsten draußen. Frankenjura, nicht selten im Labor, im den Alpen, bei Freunden...oder irgendwo dazwischen, auf der Brenner-Autobahn. Beamen wär' was Feines!

Was motiviert Dich? Abenteuer. Leidenschaft. Mich ab und zu so richtig fürchten. Mit Freunden zusammen eine Route probieren und den Umlenker klippen. Ein guter Keilestand. Das, was NACH der brüchigen Seillänge kommt. Und das Bier hinterher.

Wie wird man so stark wie Du? Viel Optimismus! Und 20 Jahren klettern in möglichst vielen Variationen und Gebieten. Klettern langweilt mich nie, ich freu mich immer wenn‘s rausgeht! Was noch? Training, Bircher Müsli und einen nicht allzu großen inneren Schweinehund.

Was ist Deine Lieblingskletterei? (Gebiet?) Onsight klettern ist toll, Lange Alpine Touren, Fingerrisse, Wandkletterei im Kalk und Granit. Mehr und mehr auch Bigwall und Trad. Gebiete: Yosemite, Siurana, Dolomiten

Was waren Deine Kletter-Highlights in diesem Jahr?

  • USA (Frühling 2010): El Cap, Free Blast (5.11b) free RP und West Face (5.11c), free onsight, 28 SL Ende April. One day ascent, aber wir mussten kurz unterm Gipfel biwakieren, weil auf dem El Cap noch so viel Schnee lag, dass tagsüber Wasser über die Ausstiegsplatten lief und nachts dann wieder zusammenfror. Eisige Platten nachts um eins: gruselig! Also Biwak in nassen Klamotten, mit Piniennadeln zugedeckt - ein wenig hab ich mir die Fingerspitzen angefroren...
  • Italien (August 2010): Dolomiten, Tofana, Sognando Aurora (7b+, 17SL) (RP) und Da Pazzo veccio pazzo (7c, 13SL) (RP)
  • Deutschland (Herbst 2010): Drei Mal 8b!

- Nummer Eins: The old one needs a cold one am Student, ziemliche Längenzüge und auch bissl gefährlich, ich hatte einen Haken verlängert und bin eingefädelt um dann kopfüber 10 Meter abzutauchen. Mann, war das knapp! Das war am 1.10. und am 3.10. hab ich's dann zur Schocktherapie geklettert...

- Nummer Zwei: Microchips Direkt an der Burg Rabenstein: Tolle Kante, 30-Meter-Tour mit einem 9- Einstieg gefolgt von einem Kantenboulder und noch 15 Metern 9+-Kante rausklettern. Mega Tour, die noch nicht viele Wiederholungen hat, weil man sich so viele Züge merken muss...

- Nummer Drei: Die Tour, die am widerspenstigsten war: Hänsel ohne Gretel, Holzgauer Wand: Sauschwerer Einstiegsboulder (Fb 7b+) und dann ne 9+ rausklettern. Ständig waren die Einstiegsgriffe nass, dann die Tritte. Irgendwann mal die ganze Tour. Und plötzlich war sie wieder trocken Mitte Oktober... Ahoi Alu-Folie!

 

Alexandra Schweikart
Foto: Bernardo Gimenez Alex in der vierten Länge der "Camillotto-Pellisier" in den Dolomiten.

Wofür musstest Du Dich ganz besonders anstrengen? Via Camillotto-Pellissier, die ich mit Dirk in den Dolomiten gemacht habe war kopfmäßig und auch körperlich wohl das anstrengendste, was ich erlebt habe. Auch West Face am El Cap mit Josh inklusive anschließendem Biwak im Schnee war so ein Kracher.

Hast Du Vorbilder? Wenn ja, welche und warum? Inspirierend finde ich Menschen, die das, was sie tun, mit Hingabe tun. Kletterlegenden, beispielsweise Lynn Hill und Jerry Moffat begeistern mich und auch die Vorreiter der modernen Physik wie Max Planck und Einstein.

Welche Musik magst Du gern? Indie Rock, Punk, The Eels

Hast Du ein Motto? Nicht unverwundbar aber unbesiegbar sein.

Was glaubst Du, wie sich das Klettern in den nächsten Jahren entwickeln wird? Durch die vielen neuen Kletterhallen wird sich das Hallenklettern und Outdoorklettern immer mehr unabhängig voneinander entwickeln, denke ich. Falls Klettern zur Olympischen Disziplin wird, dann kann Wettkampfklettern noch einen ordentlichen Schub nach vorne bekommen. Outdoorklettern wird sich eher wie beim Turnen entwickeln: Schwierigkeiten werden miteinander kombiniert um das Limit zu steigern.

 

Alexandra Schweikart
Foto: Johannes Ingrisch Zu Hause im Fränkischen: Alexandra in "Microchips direkt".

Was macht einen guten Kletterpartner aus? Motiviert und optimistisch muss er sein, Lachen am Fels ist großartig. Er muss hervorragend sichern oder spotten können, nur dann kann ich am Limit klettern und auch mal einen Haken auslassen!

Trainierst Du? Wenn ja, wie? Bouldern im Winter und Langlaufen, Campusboard, Schwimmen und Radfahren.

Wieviele Paar Kletterschuhe hast Du in Deinem Rucksack? Bei Zustiegen länger als zwei Stunden: zwei.
Ansonsten drei. Oder vier. Plus das, was sich im Bodensatz vom Rucksack noch versteckt. Und Standplatz-Socken, selbstgestrickte. Da wird die Bigwall recht gemütlich. Ich versuche das schon seit längerem zu etablieren...

Was ist Dein persönlicher "limitierender Faktor" (wenn Du sowas hast)? Leider bin ich eine ziemliche Frostbeule. Und dieser
Muskelkater immer. Und... bei 1,63 Meter Spannweite muss man sich immer so strecken!

Wo geht Dein nächster Urlaub hin? USA? Canada? Neuseeland? 2011 beginnt die Zeitrechnung NACH der Promotion!!!

Was ist außer Klettern noch wichtig in Deinem Leben? Umweltschutz, Politik

Dein Lieblingsessen? Frühstück, definitiv!

Bitte vervollständige diese Sätze:
- Ich glaube daran, dass...
man immer die Wahl hat.
- Kann mir bitte jemand erklären, warum...die Kernkraftwerke länger laufen sollen obwohl Deutschland Weltmarktführer in der Technik erneuerbarer Energien ist??

Dein Tipp an Kletter-Einsteiger: Geil, ihr habt den besten Sport der Welt entdeckt. Verletzt euch nicht und geht sorgsam mit der Natur um, wenn ihr draußen klettert!

Was machst Du in 10 Jahren? Puh, ich weiß noch nicht mal, was ich nächsten Monat mache….

Vielen Dank!

Alexandra Schweikart wird von La Sportiva und DMM gesponsert.

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