Alex Luger Interview

Wilder Hund: Alex Luger im Interview


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Alex Luger klettert Sangre de Toro Rote Wand
Foto: Beat Kammerlander

 

Alex Luger, Kletterer aus Vorarlberg
Foto: Beat Kammerlander

 

Alex Luger, Kletterer aus Vorarlberg
Foto: Ray Demski

 

Alex Luger, Kletterer aus Vorarlberg
Foto: Beat Kammerlander

 

Alex Luger, Kletterer aus Vorarlberg
Foto: Beat Kammerlander
"In erster Linie reizt mich das Ungewisse..." - der Vorarlberger Kletterer Alex Luger über seine Motivation, mentale Stärke und den perfekten Klettergenuss. Ein Interview.

Sein weiches, von langen braunen Locken umrahmtes Gesicht lässt nicht vermuten, welch kühler Kopf sich dahinter verbirgt. „Vom Aussehen ein Softie, ist er als Kletterer ein knallharter Typ“, beschreibt Beat Kammerlander den mittlerweile 26-Jährigen. Der breiten Kletteröffentlichkeit demonstrierte Alex Luger seine Nervenstärke erstmals 2009 mit der zweiten cleanen Begehung von Beats Trad-Testpiece Prinzip Hoffnung (10/10+, E9/10) an der Bürser Platte. Im Herbst 2013 haben wir mit ihm gesprochen.

Bekannt wurdest du 2009 mit der ersten Wiederholung von Beat Kammerlanders Prinzip Hoffnung (10/10+, E9/10). Was bedeutet dir diese Route?

Sie hat schon deshalb einen hohen Stellenwert, weil es eine geile Linie mit einer einzigartigen Umgebung ist. Etwas Vergleichbares ist mir auf meinen Reisen noch nicht begegnet. Das einzige, was ich mir dort verhauen habe, war, dass ich die Route nicht ground up, also von Anfang an im Vorstieg, angegangen habe.

Warum war es dir so wichtig, die Route selbst zu erarbeiten, ohne Beat nach Tipps zu Zügen oder Placements zu fragen?

In erster Linie reizt mich das Ungewisse, selbst zu suchen und mir selbst etwas zu erarbeiten. Ich bin eben mal toprope rein und hab schnell gesehen, das kann ich klettern. Beim nächsten Mal hab ich mein ganzes Material mitgenommen – das war damals noch nicht so viel –, bin über die Route abgeseilt und habe geschaut, wo ich was legen kann. Als ich unten ankam, wusste ich, die Absicherung ist für mich vertretbar. Beim ersten Versuch bin ich dann an der Schlüsselstelle gestürzt und in die mieseste Sicherung reingeflogen. Aber sie hat gehalten. Dann bin ich nochmal eingestiegen und wieder gestürzt.

Anschließend wusste ich, das war‘s für heute, der Schädel ist fertig. Zuhause hat‘s mir aber keine Ruhe gelassen, ich hatte keinen Hunger und habe schlecht geschlafen. Am nächsten Tag bin ich nochmal hin, zwar körperlich deutlich müder, aber mental hatte sich etwas verändert: Ich wusste, dass Stürzen möglich ist. Selten habe ich so gekämpft wie beim Durchstieg. Wenn ein Griff nur minimal kleiner gewesen wäre, ich wäre runtergefallen. Ich war sowas von fertig!

Du betreibst alle Spielarten des Kletterns. Ist es dein Anspruch, ein Allrounder zu sein?

Nein, kein Ziel, kein Anspruch. Ich habe schon immer alles probiert, und beim Klettern lässt sich das ja prima verknüpfen: beim Bouldern bekommst du Maximalstrom, beim Sportklettern ist es schön, Meter zu machen. In einer Trad-Route kommt der mentale Faktor dazu, deshalb ist das für mich die Königsdisziplin. Ich mache alles, meine persönlichen Grenzen lote ich aber am liebsten beim Trad- oder beim Alpinklettern aus. Es gibt auch Phasen, wo ich nur sportklettere und auch neue Gebiete einbohre. Die Abwechslung macht´s aus.

Beim Bouldern bevorzugst du Highballs. Interessiert dich die reine Schwierigkeit wenig?

Beim Bouldern bin ich zu schwach, um harte Drei-Zug-Probleme zu klettern. Auch bin ich zu sehr Kletterer. Ich habe gerne einen Stehstart und will ein paar Meter machen – und schon bist du im Highballbereich (lacht).

Ist das für dich auch eine Frage der Ästhetik?

Natürlich fallen mir in einem Blockfeld meist die Linien zuerst auf, die ein wenig höher sind. Es muss aber nicht hoch und gefährlich sein. Aber dann sehe ich aus der Ferne eine geile Linie, die gar nicht so hoch aussieht. Kurz da­rauf stehst du davor und denkst: Shit! Aber dann bin ich schon so fasziniert von dem Problem, dass ich einsteige.

In deinem Blog kritisierst du immer wieder den Mangel an Eigenverantwortung im „normalen“ Leben. Hast du ein Problem mit unserer Gesellschaft?

Nein, nicht grundsätzlich, aber wenn ich daran denke, wie wenig Eigenverantwortung dem Einzelnen zugebilligt wird, dann schon eher. Schon als Jugendlicher konnte ich beim Klettern selbst entscheiden, wie ich in die Berge ging. Wo ich eine Sicherung brauchte und wo nicht. Es lag in meiner Verantwortung, wieder am Stück nach unten zu kommen. Diese Freiheit hat mich gelehrt, Verhaltensnormen und humane Werte kritischer zu betrachten, und nicht als selbstverständlich anzunehmen.

Wie sieht‘s mit Verantwortung für andere aus? Bist du bereit, die zu übernehmen?

Ich übernehme jeden Tag Verantwortung für meine Mitmenschen. Ich denke, es ist ein grundlegendes Bedürfnis in jedem von uns, nur unterschiedlich stark ausgeprägt. Aufs Klettern bezogen ist mein Erfahrung, dass nicht die physisch stärkste Seilschaft am effektivsten ist, sondern in erster Linie eine Seilschaft, die Verantwortung für ein­ander übernimmt, sprich einander vertraut. Ein Beispiel: Früher war es mein Vater, der mich in die Berge mitgenommen hat. Wenn ich jetzt mit ihm klettere, nehme ich ihn mit. Da haben sich die Vorzeichen gedreht.

Stichwort Psyche: Was passiert bei dir, wenn‘s eng wird?

Ich weiß gar nicht, ob ich wirklich so einen starken Kopf habe. Aber es stimmt, dass ich gut funktioniere, wenn‘s drauf an kommt, dass ich dann enorme Kräfte mobilisieren kann. Das konnte ich aber nur lernen, weil ich mich langsam herangetastet habe. Die Alles-ist-Wurst-Mentalität hatte ich nie – und ich habe mich noch nie bei einem Sturz schwer verletzt.

Dein Motto lautet, nur Bolts zu setzen, wenn nicht anders möglich. Wie definierst du das?

Wenn ich an meine physische oder psychische Grenze stoße, brauche ich eine Sicherung. Wenn ich nichts legen und keinen Normalhaken schlagen kann, setze ich einen Bohrhaken. Bei einer Erstbegehung habe ich nicht das Ziel, eine gefährliche Route zu kreieren, aber ich will die Route nach dem Motto „Weniger ist mehr“ klettern. Und manchmal, da komme ich dann in den Wahn, immer weiter zu klettern. Wenn sich dann später herausstellt, dass eine Stelle wirklich gefährlich ist, sprich man voll auf ein Band knallt, entschärfe ich diese Stelle mit einer nachträglich angebrachten Sicherung.

Wichtig ist mir bei Erstbegehungen auch, dass es möglichst die logischste Linie in einem Wandbereich ist. Nur wenn der Fels miserabel ist, weiche ich von der logischen Linie ab. Und setze, wenn nötig, auch einen Bohrhaken in der Platte, anstatt den brüchigen Riss hochzueiern. Wenn‘s der leichteste Weg und trotzdem schwierig ist, wenn du solche Wandpartien findest, das ist das Schönste für mich!

So wenig wie möglich – hättest du das gerne als allgemeine Maxime im alpinen Klettern?

Was heißt Maxime? Für mich ist dieser Stil erstrebenswert, und in meinem Umfeld wird er auch praktiziert. Aber ich kann das Klettern als Breitensport nicht verneinen, des­halb ist mir klar, dass es Konsumrouten geben muss. Ein Riesenproblem habe ich aber bei vielen Klassikern. Wenn nicht nur die Qualität der bestehenden Haken verbessert, sondern viele zusätzliche Sicherungen angebracht werden.

Ich finde auch, dass beim Sanieren nicht immer gebohrt werden muss. Warum nicht, wo möglich, mit Normalhaken sanieren und in 20 oder 30 Jahren beurteilt man die Qualität der Sicherungen wieder? Dazu gibt man den Kletterern ein gutes Topo. Was mich stört, ist, dass viele Sanierungen den Charakter von Routen völlig verändert haben. Damit nimmt man künftigen Generationen die Möglichkeit, Alpingeschichte einigermaßen realistisch nachempfinden zu können. Mir geht es schon sehr ums Bewahren.

*In den letzten Jahren hast du immer wieder Routen an der Roten Wand im Lechquellengebirge erstbegangen. Was ist an diesem Berg so besonders?*

Er ist mein Hausgebiet, ein Lehrmeister. Hier hatte ich schon viel Glück, Rückschläge und Erfolge. Es ist eine Wand, die vom Eisenzeitalter verschont geblieben ist. An der Roten Wand gibt es eine Menge klassischer Routen im sechsten und siebten Grad, die oft natürlichen Strukturen wie Rissen und Kaminen folgen. Die Routen sind alle ernst und mehrheitlich in freier Kletterei erstbegangen worden. Da die Kletterer in den 70er-Jahren schon Hexentrics und Klemmkeile hatten, steckt dementsprechend wenig fixes Material.

*Eine deiner Routen heißt Save Madrischa nach dem alten Namen der Roten Wand. Fühlst du dich als ihr Beschützer?*

Im Moment bin ich vielleicht der aktivste Erschließer dort, der Hüter und Wächter ist aber sicher Wolfgang Muxel, der jeden Meter der Wand und ihre Geschichte kennt. Auch in Gesprächen mit ihm ist in mir der Wunsch entstanden, dass der Charakter dieser Wand erhalten bleibt. Es gibt bei uns so viele Gebiete, wo übel saniert wurde, sei‘s im Alpstein oder im Rätikon. Was mir ganz wichtig ist, ist der Respekt gegenüber dem Bestehenden. Einfach hergehen und eine Route mit der Begründung sanieren, das könne man so nicht verantworten, geht gar nicht!

Es muss nicht jeder Kletterer zu jeder Zeit und wenn er gerade Urlaub hat, jede Route klettern können! Dann muss er sich eben besser vorbereiten und wird seine Traumtour irgendwann auch klettern. Das ist für mich entscheidend. Wer diesen Zugang findet, der kann vom Klettern viel mehr mitnehmen als nur Grade und Namen.

2012 hast du an der Roten Wand mit Sangre de Toro (8b+) die bisher härteste Route eröffnet. Was hast du da mitgenommen?

Sehr viel! Die Route hat mich enorm viel Energie gekostet, und dementsprechend groß war das Erlebnis, als ich die Route dann Rotpunkt klettern konnte. Auch beim Erstbegehen lautet mein Credo, dass ich nichts technisch klettere. Ich habe einen Cliff dabei zum Bohren, aber ich steige daran nicht in eine Schlinge oder raste am Cliff, um dann weiterzuklettern und einen weiteren Hakenabstand zu schaffen. So hat mich die Erstbegehung im Frühsommer doch einige Zeit gekostet.

In der Schlüssellänge bin ich beim ersten Mal bis zur Hälfte gekommen, mit weiten Stürzen. Auch beim zweiten Versuch bin ich immer wieder gestürzt. Dabei hat einmal ein Normalhaken nachgegeben und ich bin noch weiter in einen Friend geflogen. Die Schlüssellänge hängt auf 35 Metern gut zehn Meter über, ist sehr anhaltend. Die Rotpunktbegehung hat dann im August geklappt.

Genussklettern – gibt es das für dich überhaupt?

Klar, für einen schönen Klettertag muss die Tour nicht schwierig sein. Mit einem Freund bei gutem Wetter eine geile Tour in einer tollen Umgebung zu klettern, vielleicht zum selbst absichern, mehr braucht es nicht. Doch, das Bier danach!

Demnächst wirst du 26. Laut Udo Jürgens fängt dein Leben also erst in 40 Jahren richtig an. Wo siehst du dich mit 66?

Könnte sein, dass ich mit einem kühlen Bier auf einer Almhütte sitze. Zuvor bin ich unter jenen Wänden gewandert, wo ich in jungen, wilden Jahren (lacht) geklettert bin. Und bin zufrieden, dass ich die Wände sehe. Nein, ehrlich: Ich habe keine Vorstellung, wo ich in 40 Jahren sein werde. Ich hoffe, ich bin zufrieden.

Danke, Alex!

15.02.2014
Autor: Steffen Kern
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