Adam Ondra Interview

Eine Klasse für sich - Adam Ondra im Interview

Foto: Steffen Kern Adam Ondra Interview
Der Tscheche Adam Ondra ist der beste Sportkletterer unserer Zeit. Steffen Kern sprach mit ihm über seine Erfolge, Ethik, Training und Motivationsprobleme.

Am 27. März gelang es Adam Ondra binnen einer Stunde Chaxiraxi (9b) erstzubegehen und Blanquita (8c+) onsight zu klettern. Als ich in Tschechiens Boulder-Topspot Petrohrad ankomme, probiert der 18-Jährige aus Brno (Brünn) gerade ein potenzielles Fb 8c Problem. Das Thermometer zeigt 20 Grad Celsius - für viele Boulderer zu warm für den scharfen Fels von Petrohrad. Adam scheint das nicht zu stören. Er setzt fleißig Versuche, spottet seine Freundin und probiert zwei weitere Projekte, Fb 8b und 8b+/8c. Der scharfe Granit fordert seinen Tribut: Am Ende klettert Adam mit fünf getapeten Fingern. Belohnt wird er nicht.
Kein Anlass zu schlechter Laune! Den ganzen Tag über ist die Atmosphäre sehr entspannt, oft sorgt Adam nach gescheiterten Versuchen mit einer trockenen Bemerkung für Gelächter. Das Interview führen wir im Abendlicht auf dem großen Block, wo auch die Siegerehrung des PADani-Boulderfestivals 2010 stattfand. Mit ihm als Gewinner, schon klar.

Gratulation zu deinen fantastischen Erfolgen in Spanien. Sieht aus, als seist du besser denn je …
Ich hoffe, dass ich in der Form meines Lebens bin! Und das nicht nur wegen der Grade. Klar, die Bewertungen in Spanien sind nicht superhart. Trotzdem hoffe ich, dass die Routen, die ich geklettert habe, ihre Grade verdienen.

Würdest du zustimmen, dass du auf dieser Reise das Klettern in eine neue Dimension getragen hast, wie einige Leute schreiben?
Nun, wahrscheinlich hat noch nie jemand so viele harte Routen in so einem kurzem Zeitraum geklettert. Ich würde zwar keine solch großen Worte verwenden, aber in der Sache trifft es wohl zu.

Kannst du Chaxiraxi (9b) näher beschreiben?
Obwohl die Route mit 40 Metern ziemlich lang ist, ist sie eher boulderlastig. Die ersten zehn Meter sind extrem hart und könnten ein Fb 8b+ oder sogar ein 8b+/8c Boulder sein. Das ist die Crux der Route, in der ich vielleicht zehnmal geflogen bin. Danach hast du eine sehr gute Rastposition. Keine 100 Prozent, aber für etwa fünf Sekunden kannst du einen No-Hand-Rest einnehmen, danach hast du einen guten Griff an einem Sinter. Du bist also einigermaßen frisch, wenn du weiterkletterst. Ab hier sind es weitere 30 Meter, die ich als 9a/9a+ einstufe. Trotzdem bleibt es ziemlich boulderlastig. Man kann sagen, die Route besteht aus drei Boulderproblemen mit einer sehr guten Rastposition unten und einer schlechten nach dem zweiten Problem. Das dritte ist eine weitere Schlüsselpassage.

Foto: Hubert Canart klettern Weltcup Puurs

Adam Ondra beim Lead-Weltcup 2010 in Puurs.

Hast du die Route gleich gepunktet, als du zum ersten Mal durch die untere Crux gekommen bist?
Beinahe! Ich bin erst ganz oben, am Ende des dritten Boulderproblems gestürzt. Kurz davor ist ein Zug, vor dem ich immer Angst hatte, den ich bei diesem Versuch aber hinbekommen habe. Danach war ich mir absolut sicher, dass ich durchkommen würde. Vielleicht war ich deshalb nicht mehr hundertprozentig konzentriert. Ich habe einen Heelhook gesetzt und zu einem Zweifingerloch weitergegriffen, es aber nicht optimal erwischt. Beim Nachgreifen ist mir dann der Heelhook abgerutscht. Beim nächsten Mal, als ich durch die erste Crux gekommen war, flog ich an meinem Angstzug. Obwohl ich mich frischer gefühlt habe als beim Versuch davor. Vielleicht habe ich gezögert, alles zu geben und bin auf Sicherheit gegangen – was keine gute Idee war. Nachdem ich es dann zum dritten Mal durch die erste Crux geschafft hatte, hat es mit dem Durchstieg geklappt.

Wie hast du dir die 8c+ Routen ausgesucht, die du onsight geklettert bist?
Mein Hauptziel war, Bizi Euskaraz im baskischen Gebiet Etxauri onsight zu klettern, weil das schon Patxi Usobiaga gelungen ist. Ich wollte unbedingt eine 8c+ onsighten und wusste, dass ich dazu fähig bin. Mein Plan war, mich zwei oder drei Tage in Etxauri einzuklettern, dann Bizi Euskaraz zu versuchen und anschließend in Katalonien an harten Projekten zu arbeiten. Doch dann fühlte ich mich so fit, dass ich Bizi Euskaraz schon am zweiten Tag probiert habe. Nach dem Erfolg blieb mir viel Zeit. Da habe ich mir gedacht, ich sollte die gute Form nutzen. Und so habe ich in den Führer geschaut, was es noch an 8c+ Routen gibt. Viel Auswahl hatte ich nicht, von daher konnte ich mir keine besonderen Kriterien leisten.

Bei deiner Onsight-Begehung von Mind control (8c+) in Oliana war der obere Teil nass. Sieht aus, als hättest du deinen Kopf wirklich unter Kontrolle …
Als ich dort eingestiegen bin, war mir klar, dass ein paar Griffe feucht oder sogar nass sein könnten, aber ich habe nicht damit gerechnet, dass es derart nass sein würde. Zum Glück war die Crux trocken. Aber direkt danach wurde es nass, und ich wusste erstmal nicht, wo‘s lang geht. Dort gibt es zwei versteckte Griffe an einem Sinter, und durch die Nässe gab es keine Chalkspuren. Als ich die Griffe entdeckte, habe ich einfach zugepackt und gebetet, dass ich nicht abrutsche. Hilfreich war, dass der Fels wirklich scharf und rau ist. Natürlich macht Nässe es nicht leichter, aber es war ja nicht die Crux. Außerdem war die Route nicht an meinem absoluten Limit, weshalb ich nach der Schlüsselstelle nicht übermäßig gepumpt war und deshalb langsam und vorsichtig klettern konnte.

Foto: Vojtech Vrzba Adam Ondra klettert Overshadow

Adam Ondra klettert "Overshadow" in Malham, England.

Chaxiraxi und Blanquita sind dir am letzten Tag deines Spanientrips gelungen. Im Februar war‘s bei La Capella (9b) auch so. Beflügelt dich Druck?
La Capella und Chaxiraxi zu klettern, war völlig unterschiedlich. In La Capella hat‘s mir wirklich geholfen, dass es der letzte Tag war. Die Tage davor war ich nervös, weil ich nur zwei Versuche pro Tag in mir hatte – obwohl es eine sehr kurze Route ist. Aber es gibt so viele Stellen, wo man stürzen kann! Ich denke, dass ich auch an den Tagen vorher keine wesentlichen Fehler gemacht habe. Mir ist nur immer die Kraft ausgegangen. Der letzte Tag in Siurana war mein dritter Klettertag in Folge, weshalb ich nicht wirklich daran geglaubt habe, es zu schaffen. Dadurch war ich ruhig und in der richtigen Stimmung, alles zu geben. Und genau das habe ich getan! Nachdem ich im ersten Versuch gestürzt war, fühlte ich mich noch immer richtig stark. So blieb ein Funken Hoffnung, dass ich die Route doch noch klettern würde und bei der nächsten Ausfahrt etwas Neues in Angriff nehmen könnte. Ich dachte "wow, ich werde kämpfen wie ein Löwe" und war null nervös. Bei Chaxiraxi war es gar nicht hilfreich, heim zu müssen. Das ist eine abgefahrene Route! An der guten Rastposition nach der unteren Crux hast du Zeit, an das zu denken, was noch vor dir liegt – Zeit zum Zweifeln. Ist eine Route dagegen anhaltend schwierig, hast du gar keine Zeit, dir über was auch immer Gedanken zu machen. Bei Wettkämpfen bin ich während des Kletterns auch nie nervös, weil ich dafür viel zu fokussiert bin.

Wie weit bist du noch von einer 9b+ entfernt?
(Zögert) Ich denke, ich könnte 9b+ klettern, wenn ich mehr Zeit dafür investieren würde.

Stimmt es, dass du 2011 nicht am Worldcup teilnehmen wirst?
Mein Hauptfokus gilt den Weltmeisterschaften im Sommer in Arco. Vielleicht werde ich an ein paar Worldcups teilnehmen, aber keinesfalls an der ganzen Reihe. Weder im Lead noch im Bouldern.

Warum?
Weil ich voll motiviert für den Fels bin! Nachdem ich so viele Wettkämpfe bestritten habe – letztes Jahr habe ich beide Disziplinen durchgezogen, und es war mental sehr anspruchsvoll, das ganze Jahr hochmotiviert zu bleiben. Zudem konnte ich nicht so viel draußen klettern, wie ich wollte.

Wo liegt dein Fokus für 2011?
Auf schwierigen Routen. Bis zum Sommer, im Herbst werde ich wohl vor allem bouldern.

Warum tust du dich nicht mit Tommy Caldwell und Kevin Jorgeson für ihr Projekt am El Capitan zusammen?
Hm, das Projekt ist wahrscheinlich nicht geschlossen, aber nachdem sie so viel Zeit investiert haben, wäre es unfair, die Route jetzt zu probieren. Ich hoffe sehr, dass die beiden wieder angreifen und das Ding klettern! Klar, danach wäre es eine Herausforderung, die Route in einem oder zwei Tagen zu punkten. Das wäre eine absolut unglaubliche Leistung! (Strahlt)

Wäre das ein Ziel für dich?
Wer weiß, vielleicht versuche ich das wirklich! Oder ich mache meine eigene Erstbegehung. Lange Routen motivieren mich total! Nur ist es schwierig, viele Längen im Bereich 8c oder gar 9a zu finden und sie dann zu eröffnen. Denn wenn ich eine lange Route erstbegehe, möchte ich das von unten tun. Bei einer – sagen wir – 400 Meter hohen Wand ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass du auf völlig strukturlose, unüberwindbare zwei Meter stößt.

Ich denke, man kann dich derzeit getrost den stärksten Routenkletterer weltweit nennen. Wie ist es dazu gekommen? Welchen Anteil haben Gene, welchen Trainingspläne?
Sicher habe ich Talent. Sehr wichtig ist aber auch die perfekte Unterstützung durch meine Eltern. Sie haben mich immer überall hingefahren. Nur wenige Menschen werden so unterstützt. Ein weiterer Faktor ist meine Motivation und Leidenschaft fürs Klettern. Wenn ich ein Ziel habe, hänge ich mich voll rein und verliere es nicht aus den Augen. Was mein Trainingspensum angeht: Ich glaube nicht, dass ich im Vergleich zu anderen viel trainiere. Zumindest habe ich das nicht in der Vergangenheit. Jetzt trainiere ich ziemlich viel, andererseits bin ich auch vorher schon hart geklettert.

Was verstehst du unter Training? Wie trainierst du?
Im Moment klettere ich fünfmal die Woche. Dienstags, Mittwochs, Donnerstags und am Wochenende am Fels.

Kletterst oder boulderst du unter der Woche in der Halle?
98 Prozent meines Indoor-Trainings findet an Boulderwänden statt, weil wir zuhause keine vernünftigen Vorstiegswände haben. Aber ich denke, mit genügend Motivation kannst du auch an einer ziemlich schlechten Wand trainieren. Alles Kopfsache! Normalerweise gehe ich zwei- oder dreimal die Woche vor der Schule ans Campusboard, in der Regel 40 Minuten. Dann geht‘s in die Schule. Am Nachmittag trainiere ich für vielleicht zweieinhalb Stunden an einer Boulderwand. Jetzt, während der Saison, bouldere ich Zirkel für die Ausdauer, vielleicht 40, 50 Züge. Mein Training ist also fast so, als würde ich Routen klettern. Ich trainiere in vier oder fünf verschiedenen Boulderhallen – es ist schön, Abwechslung zu haben.

07.07.2011
Autor: Steffen Kern
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