Sicherheit beim Sportklettern

Dr. Volker Schöffl: Richtig Stürzen - Wo die Gefahren lauern

Foto: Archiv Volker Schöffl
Stürze sind beim modernen Sportklettern an der Tagesordnung. Der Spezialist und Kletterer Dr. Volker Schöffl räumt auf mit veralteten Regeln und erklärt, wie man risikoarm stürzt.

Beim Stürzen soll man an Seil oder Knoten greifen - falsch! Untersuchungen haben ergeben, dass man in den allermeisten Fällen aufrecht landet, und das ans-Seil-Greifen mehr Verletzungsrisiko bietet. Das Stürzen gehört bei vielen Kletterern zum Alltag, gerade in modernen Kletterhallen gehört das Fallen zum Klettersport dazu.

Dr. Volker Schöffl beschäftigt sich seit vielen Jahren mit Verletzungen und Verletzungsrisiken, wie sie für Sportkletterer üblich sind und hat seine Erkenntnisse in einem Artikel für uns zusammengefasst.

Ein Kletterer, der zum Beispiel drei bis vier mal pro Woche klettert, mag durchaus drei bis fünf Sprünge oder Stürze pro Tag haben, was ihm eine Gesamtzahl von fast 1000 Sprüngen und Stürzen pro Jahr einbringt. Das sind eine Menge Gelegenheiten, sich zu verletzen. Zum Glück kommt es nur selten zu schwereren Verletzungen. Allerdings sind Verletzungen durch Seilumschlingungen mit dem eigenen Sicherungsseil ein bekannter Unfallmechanismus, der auch bei optimaler Absicherung verheerende Folgen haben kann. Drei Fälle treten dabei häufiger auf:

I. Griff ins Hochlaufende Seil

Der Kletterer stürzt kurz oberhalb des letzten Sicherungspunktes. Während des Sturzes greift er im Reflex in das vom Sicherungspartner nach oben laufende Seil. Dieses Hineingreifen ins Seil ist unnötig, da die Aufgabe, den Fall zu halten, ja dem Sicherungspartner zukommt. Zudem birgt der Griff ins Seil einige Verletzungsmöglichkeiten:

  • Der Kletterer kann eventuell den Fall direkt bremsen, sich dabei aber schwere Haut- und Weichteilverbrennungen der Handfläche zuziehen.
  • Der Kletterer kann sich im Sicherungspunkt selbst verfangen, zum Beispiel im Karabiner (s.Bild unten links).
  • Der Kletterer kann ungewollt den Haken aushängen, was wegbereitend für eine deutlich schwerere Verletzung sein kann.
  • Der Kletterer kann sich das Seil um Hand oder Finger schlingen und sich so verletzen.

Alle diese Unfallmechanismen sind bereits öfters aufgetreten und dokumentiert.

 

Unfall Karabiner in Hand
Foto: DAV Sicherheitsforschung Nie, nie, nie in die Schlinge greifen - man sieht hier, was dabei passieren kann.

II. Griff ins Seil vor dem Gurt

Ein Kletterer, der einen größeren Sturz absolviert, greift während des Sturzes mit den Händen zum Einbindepunkt, um sich zu stabilisieren. Dabei kann er sich das Seil um Hand oder Finger wickeln. Wenn sich das Seil strafft, weil der Stürzende es belastet, kann es zu komplexen Verletzungen wie schweren Knochenprellungen, Verbrennungen oder gar Amputationen kommen. In der Literatur finden sich bereits mehrere Berichte über solche Fingeramputationen.

III. Hochziehen nach dem Sturz

Ein Kletterer ist in einer steilen Route gestürzt. Nun hängt er unter dem Überhang im Seil. Er benutzt eine häufig angewandte Technik, um wieder an die Wand zu gelangen: Er macht ein oder zwei Klimmzüge am Seil, lässt dann das Seil los, währenddessen belastet der Sichernde das Seil. So zieht er das Seil stückweise ein und der Kletterer kommt nach oben. So kann man sich zwar langsam wieder zur Wand hinarbeiten, dennoch sind hier auch bei erfahrenen Kletterern schon schwere Handverletzungen durch Seil­umschlingungen mit der Hand aufgetreten.

Während der erstgenannte Unfallmechanismus, ins hochlaufende Seil zu greifen, vor allen Dingen bei Anfängern gesehen wird, sind alle Fälle mit schweren Verletzungen und einem Unfallmechanismus wie in II. und III. beschrieben bei sehr erfahrenen Kletterern aufgetreten. Im Folgenden werden historisch gewachsene Irrtümer erläutert und wie man nach neuesten Erkenntnissen richtig stürzt.

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Inhaltsverzeichnis

14.11.2008
Autor: Dr. Volker Schöffl
© klettern
Ausgabe 9 / 2008/2008