Sicherheit am Fels

Ein Rest von Risiko

Margalef
Foto: Alan James
Zum Klettern gehört naturgemäß der Umgang mit Schwerkraft, Höhe und weiteren widrigen Umständen. Je besser man Risikofaktoren einschätzen kann, desto sicherer ist man unterwegs.

Risiko gehört zum Leben. Es entsteht dort, wo der Mensch Unsicherheiten und Gefahren begegnet. Mit dem Risiko muss man sich auseinandersetzen.“ Das
sogenannte Risikomanifest des Deutschen Alpenvereins, 2005 von der Hauptversammlung verabschiedet, beschreibt das Verhältnis des größten alpinen Vereins der Welt zum Umgang mit Gefahr und Unfällen im Alpinsport.

Wer jetzt im Frühjahr den ers­ten Felskontakt hat, muss sich mit dem Thema Risiko anders befassen als der reine Hallenkletterer. Für viele wird es sogar der erste Felskontakt ihres Lebens sein, für andere eines der ersten Male draußen: Rund ein Drittel aller Kletterer hat erst in den letzten beiden Jahren damit angefangen.

Wer aus der Halle kommt, muss sich auf andere Verhältnisse einstellen. Drinnen herrscht die Norm, draußen die Natur und damit ein gewisses Maß an Chaos und Zufälligkeit. Sowohl die Felsqualität als auch die Absicherung von Routen ist sehr unterschiedlich. Die Felsqualität hängt vom Gestein und vom Grad und der Art der Erosion ab. Die Absicherung der Routen bestimmt dagegen in unseren Breiten immer noch in erster Linie der Erstbegeher, der so viele oder so wenig Bohrhaken setzt, wie ihm richtig erscheint. Das werden in den letzten Jahren zwar generell eher mehr, aber in vielen alten und leichteren Routen ist die Zahl der fixen Sicherungen eher niedrig.

Deshalb darf man nicht überall stürzen, muss die richtige und zum eigenen Können passende Route finden, muss auf seinen Kopf aufpassen – im Gebirge natürlich noch mehr als im Klettergarten. Kurz: Draußen kommen neue, andere Risiken dazu. Die gute Nachricht ist aber: Wenn wir uns darauf einstellen und keine Fehler machen, ist die Gefahr eines Unfalls sehr gering.

 

Beim traditionellen, selbstabgesicherten Klettern muss man noch mehr kalkulieren.

Klettern versus Schlittenfahren

Das Risiko ist ja primär eine statistische Größe und gibt die Wahrscheinlichkeit eines Unfalls wieder. Lange Zeit galten Klettern und Bergsteigen als besonders riskante Sportarten, wohl, weil man sich am sprichwörtlichen Abgrund bewegt und weil dramatische Bergunfälle die Berichterstattung und damit die Wahrnehmung des Sports dominieren. Die Statistik lehrt uns aber, dass das Unfallrisiko in vielen anderen Sportarten höher ist, wenn man die Zahl der Sport­ausübenden und die Dauer der Sportausübung mit einbezieht. Die Bergwacht Baden-Württemberg rückte zum Beispiel im letzten Jahr zu rund 200 Einsätzen aus, aber nur knapp acht Prozent davon waren Kletterunfälle. Die meisten Sportunfälle gab es beim Skifahren und Wandern, Schlittenfahren und Mountainbiken lagen mit Klettern gleichauf.

 

DAV-Statistik Unfallverteilung Sportklettern 2000-2007
Foto: Redaktion klettern Beim Sportklettern ist ein Fehler bei Seil- und Sicherungstechnik meist die Voraussetzung für einen tödlichen Sturz.

Restrisiko bleibt

Die Unfallzahlen berücksichtigen allerdings nicht, dass beim Klettern das Risiko sehr schwerer Verletzungen bis hin zum tödlichen Unfall eher besteht als bei vielen anderen Spotarten. Dieses Risiko reduzieren wir beim Klettern, indem wir entsprechende Sicherheitsausrüstung einsetzen, aber auch, indem wir uns richtig verhalten. Dennoch bleibt immer ein kleines Restrisiko. Je gefährlicher die Ausgangssituation ist (je höher also das Basisrisiko),
desto größer bleibt auch das Restrisiko. Bezogen auf das Klettern heißt das, dass in einer brüchigen alpinen Nordwand auch der Experte mit höherem Rest­risiko unterwegs ist als am sonnigen Arco-Sportkletterfels. Das leuchtet ein. Und deutet sich auch in den Unfallstatistiken des DAV an (siehe Grafiken).

14.07.2010
Autor: Ralph Stöhr
© klettern
Ausgabe 05 /2011