Knowhow Alpinklettern

Basiskurs Alpines Klettern: Begriffe, Anforderungen, Abklettern

Tipps Alpinklettern: Klettern in den Dolomiten
Foto: Ralph Stöhr
Auf in die Berge! Von Planung über Ausrüstung zu Knoten und dem nötigen Knowhow: Auf diesen Seiten gibt's thematisch sortiert die wichtigsten Tipps zum Alpinklettern.


Auf dieser Seite geht es um die wichtigsten Begrifflichkeiten über die Anforderungen beim Alpinklettern bis zur Planung und Ausrüstungs-Details.

Text von Chris Semmel, Verband Deutscher Berg- und Skiführer e.V.

Große Wände und Gefühle, atemberaubende Tief- und Weitblicke. Lange Tage am Berg in den Klassikern der Alpen, auf den Spuren großer Pioniere wie Rebuffat, Bonatti oder Buhl. Alpinklettern ist eine der Königsdisziplinen des Klettersports. Das Aufkommen neuer Spielformen des Kletterns auch im Gebirge macht jedoch eine Ausdifferenzierung nötig. Deshalb möchte ich zum Auftakt kurz umreißen, was genau unter „Alpinklettern“ zu verstehen ist.

Sportklettern Klettern an Bohrhaken-gesicherten Routen, mit dem Hauptziel, schwierige Passagen am persönlichen Limit frei zu klettern (rotpunkt oder onsight). Stürze sind meist unproblematisch, da die Routen in der Regel gut abgesichert sind und das Gelände „sturzfreundlich“ ist, also steil oder überhängend. Das Sportklettern wird im Klettergarten oder an künstlichen Kletteranlagen betrieben, existiert aber auch in Form von Mehrseillängenrouten im Mittelgebirge oder in den Alpen – dem „alpinen Sportklettern“.

Plaisirklettern Klettern in gut gesicherten Mehrseillängen-Routen, in denen der Fokus auf „Genuss“ liegt. „Genuss“ bezieht sich auf gemäßigte Schwierigkeitsgrade und eine gute Absicherung mit kleinen Hakenabständen, die ein „angstfreies Klettern“ ermöglichen sollen.

Alpinklettern Hier steht das „Bezwingen eines Berges“ im klassischen Sinne im Vordergrund. Gegenüber den jüngeren Spielformen Alpines Sport- und Plaisirklettern werden dem Alpinklettern häufig folgende abgrenzende Eigenschaften zugeordnet:

  • Anspruchsvolle Absicherung: wenige Haken, oft Normalhaken oder selbst anzubringende Zwischensicherungen. Nicht selten müssen auch die Standplätze ergänzt oder gar komplett selbst eingerichtet werden.
  • Aufwendiger Zu- und Abstieg. Oft müssen leichte Kletterpassagen ungesichert hoch- oder abgeklettert und Abseilstellen eingerichtet werden.
  • Nicht immer ganz festes Gestein. Gefordert sind umsichtiges Klettern in brüchigen Passagen und die Befolgung der Dreipunktregel. Ein Steinschlaghelm ist Pflicht, die Verwendung eines Doppelseils sehr zu empfehlen.
  • Anspruchsvolle Orientierung und Routenfindung. Aufgrund der wenigen Haken muss die Route durch das Gelände gefunden werden, im Zu- und Abstieg aber auch in der Route selber drohen „Verhauer“.

Alpin ist anders

Doch sind die Grenzen fließend, und auch in alpinen Sportkletter- und Plaisirrouten sind die Anforderungen vielfältiger als in Einseillängenrouten an Mittelgebirgsfelsen: In leichteren Seillängen befindet man sich nicht selten weiter über dem letzten Haken, als einem lieb ist, das Sturzgelände ist oft suboptimal. Die Ausgesetztheit wird auch durch Bohrhaken nicht geringer – und zum Einstieg der Route und wieder runter vom Berg muss man genauso wie beim „echten“ Alpin­klettern. Und schlechtes Wetter macht auch vor „Plaisirrouten“ nicht Halt.
Bevor ihr euch also an das Abenteuer „echtes“ Alpinklettern wagt, solltet ihr euch in Plaisirrouten an die vielen neuen Facetten der „echten“ Berge gewöhnen. Denn Erfahrung und Übung sind beim alpinen Klettern viel wichtiger als einarmige Klimmzüge.

 

Tipps Alpinklettern: Vorbereitung, Ausrüstung und Knoten für Mehrseillängenrouten (MSL)
Foto: Georg Sojer

Anforderungen beim Alpinklettern

  • Anhand der Begriffsbestimmung wird eigentlich schon klar, was man fürs alpine Gelände an Fertigkeiten mitbringen sollte. Zusätzlich zur passenden Ausrüstung wollen große Wände aber auch gut geplant werden (siehe nächste Seite).
  • Zudem sollten verschiedene Fähigkeiten und Fertigkeiten neben den Klettertechniken vorhanden sein. Ein Alpinkletterer kann Topos lesen, Zwischensicherungen selbst legen, Standplätze bauen und sollte seine Leistungsgrenze gut kennen. Denn eines muss klar sein: Stürzen ist beim Alpinklettern in vielen Passagen gefährlich!
  • Im Gebirge muss man leichte, oft ausgesetzte Passagen ohne Sicherung begehen können. Besonders in klassischen Zu- und Abstiegen der Dolomiten ist es gängig, Passagen im zweiten UIAA-Grad ungesichert hoch- und abzuklettern. Wer Touren wie die Überschreitung der Fünffingerspitze oder Klassiker am Sella-Massiv annähernd in der „Führerzeit“ begehen möchte, hat sonst keine Chance. Dazu muss man das Abklettern und das zügige, aber sichere Bewegen im Schrofengelände gelernt haben. Wer noch nie abgeklettert ist, wird sich anfangs schwer tun. Aber mit etwas Übung ist das kein Hexenwerk (siehe unten).
  • Auch an die Ausgesetztheit gewöhnt man sich. In nicht 100-prozentig solidem Fels ist es wichtig, sich vorausschauend und sanft zu bewegen. Zweifelhafte Griffe und Tritte werden durch Dagegen-klopfen geprüft. Nur wenn der Fels nicht vibriert und nicht dumpf klingt, wird er belastet. Auch die gute alte „Dreipunktregel“ hat hier ihren Ursprung. Nur wenn drei Gliedmaßen sicheren Halt haben, besteht die Chance, einen ausbrechenden Tritt oder Griff zu kompensieren. Auch hier zeigt sich wieder die Erfahrung, um möglicherweise lose Griffe zu erkennen und trotz prüfendem Abklopfen eine angemessene Klettergeschwindigkeit aufrecht zu erhalten. Alles eine Frage der Übung. Nur wer gar nicht schwindelfrei ist, sollte sich eine andere Sportart suchen!
  • Ob ich fünf Seillängen oder 24 bewältigen muss, macht einen Unterschied. Ein Grundlagenausdauertraining gehört in den Trainingsplan jedes Alpinisten. Tastet euch langsam an eure Grenzen heran!

Richtig Abklettern

 

Tipps Alpinklettern: Vorbereitung, Ausrüstung und Knoten für Mehrseillängenrouten (MSL)
Foto: Georg Sojer

Je nach Gelände, Schwierigkeiten und Ausgesetztheit sowie Können und Psyche sind beim Abklettern drei Techniken anwendbar:

  • Taloffen abklettern (Rücken zur Wand): So hat man die beste Übersicht über die nächsten Griffe und Tritte, und den Weiterweg insgesamt permanent im Überblick. Ideal in nicht ganz so steilem Gelände und in Rinnen, wo Ausspreizen für zusätzliche Stabilität sorgt. Die Hände stützen meist, der Oberkörper wird nach vorn gebeugt, um den Körperschwerpunkt möglichst über den Tritten zu haben. Jedoch ist man so am stärksten mit der Ausgesetztheit konfrontiert, weshalb Anfänger meist lieber frontal abklettern.
  • Seitlings abklettern: Auch hier hat man einen guten Überblick über das Gelände. Die wesentliche Haltefunktion kommt dem bergseitigen Arm zu, der andere stützt. Meist erfolgt der Absteig in Serpentinen.
  • Frontal abklettern (Brust zur Wand): Der Blickkontakt zum Fels, weniger Tiefe vor den Augen und der vorwiegende Einsatz von Zuggriffen erhöhen das subjektive Sicherheitsgefühl, weshalb diese Technik von unsicheren Alpingehern bevorzugt wird. Da der Weiterweg so aber schlecht zu überschauen ist, sollte man sich so oft wie möglich am gestreckten Arm zurücklehnen und sich einen Plan für die nächsten Züge und den Weiterweg insgesamt machen.

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18.08.2017
Autor: Chris Semmel
© klettern
Ausgabe 05/2016